BÜCHERBÖRSE

"Die Ärzte? Wir respektieren uns."

Die Toten Hosen feiern 30 Jahre! Foto: Slavica
Die Toten Hosen feiern 30 Jahre!

2012 dürfen DIE TOTEN HOSEN ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum feiern. Gitarrist und Gründungsmitglied Breiti redet mit UNIMAG über DIE ÄRZTE und ihre Begegnung mit FALCO.

Herzlichen Glückwunsch zu eurem Dreißiger! Was war denn über die letzten drei Jahrzehnte hinweg euer größter Antrieb, weiterzumachen?
Danke für die Glückwünsche. Wir hatten immer die Leidenschaft und den Willen, in einer Band zu spielen, daran hat sich bis heute nichts geändert. Und solange das so bleibt, werden wir auch noch einige Zeit damit weitermachen.

Euch wurde auch immer eine Leidenschaft zum Feiern nachgesagt – wie sieht das heute aus?
Wie du sehen kannst, trinke ich gerade Ingwertee (zeigt auf seine Teekanne). Nein, im Ernst, über die Jahre ist schon eine gewisse Verantwortung bei uns gewachsen. Ganz am Anfang war es noch egal, in welchem geistigen und körperlichen Zustand wir bei einem Konzert waren, oder ob die Anlage nach einer halben Stunde ausfiel. Heute wollen wir live immer in Höchstform auflaufen und keine Zuschauer enttäuschen. Wenn wir auf Tour den nächsten Tag frei haben, lassen wir nachts im Bus natürlich schon gerne überschüssiges Adrenalin raus, oder feiern mit Freunden nach dem Konzert in der Halle weiter.

Anfang April habt Ihr euer Jubiläumskonzert im Bremer Schlachthof gespielt – der Ort an dem genau 30 Jahre zuvor euer allererstes Konzert stattfand. Warum so eine „bescheidene“ Location für dieses Geburtstagsfest?
Anfangs wussten wir nicht, ob wir dieses Jubiläum überhaupt feiern sollten. Dann dachten wir uns: “Verdammt nochmal, wenn es einen Grund zum Feiern gibt, dann unseren Dreißigsten!" Eine Sekunde später wussten wir auch schon, dass die Fete genau am 10. April im Schlachthof steigen sollte. Schließlich ist es nicht alltäglich, dass wir einen Club finden, den es dreißig Jahre später immer noch gibt.

Ihr seid weit gereist, habt an den ausgefallensten Orten gespielt. Gibt es einen speziellen Ort, wo Ihr unbedingt einmal hin müsst?
Wir träumen da nicht von einem bestimmten Ort, wo wir unbedingt hin wollen. Es ist eher so, dass wir unbedingt zum 26.Mal in Wien spielen wollen, auch wenn wir schon 25 Mal dort waren. Oder dass wir natürlich sofort die Chance ergreifen, wenn wir die Möglichkeit bekommen, in einem Land wie Usbekistan zu spielen, wie vor zwei Jahren.

METALLICA gehen diesen Sommer mit ihrer legendären Snakepit-Bühne aus den 90er Jahren auf Europa-Tournee. Was darf man sich 2012 vom Bühnenlayout der Toten Hosen erwarten?
Bei dem Aufwand, den METALLICA betreiben, können wir finanziell nicht mithalten, schließlich sind unsere Eintrittspreise sehr viel niedriger. Außerdem wollen wir auch gar keine Materialschlacht. Dennoch finde ich, dass man auf Konzerten – je nach Größe der Bühne – etwas bieten sollte, das die Musik optisch unterstützt. Mit dem, was wir auf unserer letzten Tour zusammengebracht haben, brauchen wir uns im internationalen Vergleich nicht zu verstecken. Einige andere Bands haben sich danach sogar etwas von uns abgeschaut. Solche Trends wollen wir, wenn möglich, auch auf der nächsten Tour setzen.

Das neue Studioalbum ‚Ballast der Republik‘ wurde von Vincent Sorg produziert. Er ist dafür bekannt, mehrere Projekte gleichzeitig zu betreiben. Ist es euch lieber, Tag ein, Tag aus, mit dem Producer zusammenzuarbeiten, oder seid ihr da lieber auf euch alleine gestellt?
Vincent war wie ein sechstes Bandmitglied in der Zeit, in der wir zusammen waren. Bei uns ist er immer dabei, wenn wir zusammen arbeiten, bei anderen Bands hat er für den Aufnahmeprozess seine Assistenten, die das erledigen können, beim Mischen ist er dann wieder im Studio. Er ist ein toller Musiker und es tut uns gut, wenn uns jemand nach dreißig Jahren neue Ideen und Impulse gibt, die nicht unseren ewigen Mustern entsprechen. Vincent und Toby Kuhn, der viele Lieder mitarrangiert hat, hatten bei der Platte genauso viel Mitspracherecht wie die anderen Bandmitglieder.

Würdet Ihr euch auch einmal auf einen internationalen Producer wie Bob Rock oder Rick Rubin einlassen?
Solche Männer sind sehr teuer und würden bestimmt Schwierigkeiten damit haben, die Feinheiten in den deutschsprachigen Texten zu erkennen.

Aber ihr hattet zuvor mit Jon Caffery bereits einen englischsprachigen Produzenten
Anfangs war es auch nicht ideal, dass er die Texte oft nicht richtig verstand, später konnte er dann sehr gut Deutsch. Das Wichtigste ist uns jedoch, dass wir menschlich mit unserem Produzenten klarkommen. Den Begriff „Produzent“ als solchen empfinde ich schon deswegen als störend, weil er sich nach dem Produzieren irgendwelcher Waren anhört. Und wenn wir uns vom Namen eines großen US-Produzenten blenden ließen, würden wir bestimmt keine bessere Platte machen.

Zu Wien habt ihr eine ganz besondere Beziehung: Ihr habt 2005 euer MTV-Unplugged-Konzert im Burgtheater gespielt und auf dem Jubiläumsalbum ‚Die Geister, die wir riefen‘ FALCO’s Nummer-1-Hit „Rock Me Amadeus“ gecovert – wie kam es dazu?
1985 sind wir uns auf dem Set zu „Der Formel Eins Film“ begegnet. Wir spielten mit und er hatte dort einen Kurzauftritt. Die Idee für den Film war eigentlich ganz gut, aber das Endprodukt war miserabel, dafür hätte man uns eigentlich steinigen müssen.

breiti im gesprch mit unimag c michael hinterseerWie habt ihr Johann Hoelzel kennengelernt?
Als Persönlichkeit hatte er bestimmt noch viele andere Facetten, die er bei so einem Filmdreh nicht nach außen kehrte. Jedenfalls gab er sich so, wie er „Rock Me Amadeus“ singt: Total arrogant und überheblich allen Leuten gegenüber. Wir hatten erstmal keinen Respekt vor ihm, was er wiederum gut fand. Schließlich haben wir am helllichten Tag mit ihm Champagner getrunken, wobei wir uns immer ein bisschen übereinander lustig gemacht haben, am Ende haben wir uns aber blendend verstanden. Als wir die Lieder für die Platte ausgesucht haben, dachten wir uns, wir können es ja mal mit „Rock Me Amadeus“ probieren. Und dieser Song hat in unserer Version eine gewisse Energie und Heaviness bekommen.

Eure einstigen Rivalen DIE ÄRZTE habt ihr auch mit einem Cover („Schrei nach Liebe“) gewürdigt – gibt es ein Wort, das euer Verhältnis zueinander auf den Punkt bringt?
Zwei Worte: Gegenseitiger Respekt.

Meine Kollegin Louise Lässig hatte unlängst ein Interview mit Rodrigo Gonzalez von den ÄRZTEN. Du stellst ein Äquivalent zu ihm dar: Er ist gebürtiger Chilene und du sprichst als Einziger in deiner Band fließend Spanisch – hattest du in der Hinsicht schon einmal Berührungspunkte mit Rod?
Ich habe mich ihm einmal über seine Familiengeschichte unterhalten. Er musste als Kind mit seinen Eltern vor der Pinochet-Diktatur fliehen. Sonst hatte ich in der Hinsicht keine Berührungspunkte mit ihm, denn er ist ja Hamburger und spricht fließend Deutsch

Rod’s Bandkollegen Farin Urlaub und Bela B. sind ihm vor ein paar Jahren von Berlin nach Hamburg gefolgt, während ihr eurer Heimatstadt stets treu geblieben seid – war das immer so oder habt ihr auch übers Wegziehen nachgedacht?
Natürlich. Ich hätte gerne einmal in Brasilien gelebt, weil ich viele gute Freunde dort hatte. Letztendlich war mir die Band jedoch wichtiger. Da wir in Düsseldorf unsere Plattenfirma und unseren Proberaum haben, ist es für uns einfacher, wenn wir dort bleiben. Außerdem finde ich es schön, so nahe am Ruhrgebiet zu wohnen, in kaum einer Region Europas ist so viel los wie dort.

Wie kam der Entschluss dazu, „Schrei nach Liebe“ zu interpretieren?
DIE ÄRZTE haben früher des Öfteren Songs von uns live gespielt. „Alles aus Liebe“ und „Opel-Gang“. Da wollten wir den Jungs mal einen Gruß rüberschicken.

Farin Urlaub klettert wie Campino aufs Bühnendach und schreibt als Antialkoholiker ein Sauflied - wie reagiert Ihr darauf, wenn DIE ÄRZTE auf ihre kabarettistische Art bestimmte Hosen-Charakteristika nachahmen?
Ist doch lustig, oder? Wir besuchen einander auch oft auf unseren Konzerten. Sie reden bei ihren Konzerten mehr, als sie tatsächlich spielen. Das würde bei uns nicht gehen. Aber ich fände das schlimm, wenn man keine Witze mehr übereinander machen dürfte.

Du und dein Gitarristen-Kollege Kuddel seid als ein starkes und gut eingespieltes Duo bekannt – was schätzt du an ihm musikalisch wie menschlich am meisten?
Er hat im Gegensatz zu mir ein großes musikalisches Talent. Da ist es schon praktisch, wenn er mir erklären oder zeigen kann, wie man bestimmte Dinge spielt. Sein Talent brachten auch immer hervorragende Song-Ideen hervor. Als ich ihn kennenlernte, war er jemand, der sich nie für das interessierte, was über Feiern oder die Musik hinausging. Das änderte sich jedoch fundamental durch die Geburt seines Sohnes Tim, da hat er auf einmal noch ganz andere Qualitäten entwickelt.

Drei Personen aus der Band sind bereits Vater geworden. Campino’s Sohn lebt in Berlin – kann das Familienleben eine zu große Belastung für die Band werden?
Nein, wir können uns die Zeit inzwischen ganz gut einteilen, damit das nicht zu kurz kommt. Als klar wurde, dass Kuddel Vater wird, hatten wir schon ein bisschen Panik, weil wir diese Situation noch nicht kannten. Auf lange Sicht ist es aber immer noch das Beste, wenn jeder ein Gegengewicht zur Band hat, das seinen Platz von selber einfordert. Wenn immer nur die Band das Wichtigste wäre, kämen wir weder auf bessere musikalische Ideen, noch würden wir schlauer davon.

Gibt es etwas, das ihr an eurer Anfangszeit vermisst?
Nein, eigentlich nicht. Wir haben heute die Flexibilität, uns zu entscheiden ob wir eine Tournee durch große Hallen oder kleine Wohnzimmer spielen wollen. Wenn es so weitergegangen wäre, wie in den ersten fünf Jahren, weiß ich nicht, ob es unsere Band immer noch gäbe.

Wenn sich die Band nicht so entwickelt hätte, hättest du Fußballprofi werden wollen – wie denkst du heute über deinen Jugendtraum?
Ich wusste schon sehr früh, dass ich nicht das Talent dazu hatte, Profifußballer zu werden. Und wenn ich es geschafft hätte, wäre meine Karriere schon lange vorbei. Fußballtrainer oder Fußballmanager wären für mich außerdem Horrorjobs gewesen, weil man oft für Dinge angepöbelt wird, für die man nichts kann. Ich kenne viele Leute, die aus diesem Geschäft nicht mehr rausgekommen sind und sich beruflich neu orientieren mussten, weil sie alle nichts anderes gelernt haben. Deswegen bin ich froh, dass ich doch nicht Profi geworden und bei der Musik gelandet bin.

Eine abschließende Einschätzung von dir: Wer wird 2012 Fußball-Europameister?
Ich würde mich sehr freuen, wenn ein Team gewinnen würde, das noch keinen EM-Titel hat. Sowie 1992 die Dänen, die ursprünglich nicht für das Turnier qualifiziert waren.

Philipp Pinterits

Philipp Pinterits

studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft

philipp.pinterits (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

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