BÜCHERBÖRSE

Don't believe the hype: Heino

Heino: Mit freundlichen Grüßen
Heino: Mit freundlichen Grüßen

„Mit freundlichen Grüßen“, so der Titel des neuen Heino Albums, rauscht das blonde Schlagerfossil auf dem Rücken einer penibel geplanten PR-Offensive durch den Medienwald. Zeit, sich sein Machwerk einmal genauer anzuschauen. 

1972: Vietnamkrieg, Olympische Spiele in München, Watergate, Kreisky, „Blau blüht der Enzian“. Ich war damals noch 16 Jahre lang ein Glänzen in den Augen meiner Eltern und Heino hatte seinen ersten und letzten Nummer 2 Hit - bis jetzt. 41 Jahre später hat er es bis ganz nach oben geschafft: Heino ist auf Platz 1 in den Download-Charts und auch in den Album-Charts. Doch nun brennt seit Tagen eine Frage in meinem Schädel: Warum nur? Ausgerechnet Heino! Schwarzbraun ist die Haselnuss und so. Nicht einmal mein Opa (ich hab’ gefragt) mag ihn. Und jetzt: „Hast du im Leben nix im Petto, ist alles Ghetto/das heißt Glück brutto und Frust netto“. Beginner, Peter Fox, die Ärzte. Muss ich Heino jetzt cool finden?

Eines stelle ich voran: Die 12 Tracks, die Heino (aus rechtlichen Gründen ohne textliche oder musikalische Veränderung) covert, sind nett gemacht. Gut arrangiert, hier und da ein paar Bläser, ein Chor. Da waren Profis am Werk, die Schlagerindustrie ist trainiert. Auch Heino macht brav mit. Natürlich klingt „Ein Kompliment“ oder „Haus am Meer“ erstmal befremdlich. Stimmlich ist es aber gut, lange genug singt er ja schon. Und schon ist wieder Schluss mit Lob, denn jetzt wird’s ernst.

Dem Album ging ein von der BILD Zeitung vorbereiteter Skandal voraus. Der gute alte Heino trällert ein paar Lieder, die nicht von ihm sind. Gut, abgesprochen hat er's nicht mit den Bands, aber er ist ja Heino. Und jetzt finden das diese jungen, arroganten Hunde doof. Ja sogar „zum Kotzen“ (Rammstein) und wollen ihn „verklagen“ (Ärzte). Doch da steht Heino drüber. „Ich lasse mir von niemandem das Singen verbieten. (…) Jetzt zeige ich den jungen Leuten mal, was man aus ihren Liedern machen kann.“ Toll!                        

Schon lange ist klar: Alles war erfunden, den meisten Bands ist es Wurst. Doch der Blonde kommt erst in Fahrt: „Und wenn ich ganz ehrlich bin: Dieses Zeug, das ich da gecovert habe, das bewegt sich vom Tonumfang her vielleicht mal innerhalb einer halben Oktave. Musikalisch gesehen: total lächerlich.“

Mit der Verwandlung vom Schlagerbarden zur coolen Sau wird es mit dieser Einstellung nichts werden. Heino war, ist und bleibt Heino. Ein Typ mit Sonnenbrille, der ohne Erklärung alle drei Strophen der Deutschen Nationalhymne gesungen hat. Ein Typ mit blondem Scheitel, der sich während der Apartheid bei Auftritten feiern lies. Ein Typ mit rollendem R, der letzte Woche auf die Frage nach weiteren Lebensplänen sagte:„(...)noch bin ich ja hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie ein Windhund.“ Und plötzlich helfen auch die Nietenjacke und der Totenkopfring nichts mehr - da schimmert dann doch noch durch, dass Heinos Zeit eine andere ist. Vielleicht ist die plötzliche Aufmerksamkeit zu viel für sein Alter. Aber wenigstens da gibt’s gute Neuigkeiten: Auch die ist begrenzt.                                                                                       

Wir „Jungen“ haben zwar ein Faible für das letzte Aufbäumen von Anachronismen: Ob Polaroidkamera, Kassengestell oder Nierentisch. Nur Bedanken die sich für die Rettung vorm Schrottplatz nicht mit:„Wenn ein 15-Jähriger zu mir ins Konzert kommen will – gerne! Meine älteren Fans werden mit geschwellter Brust daneben sitzen. Für uns alle ist das eine späte Genugtuung.“

Muss ich Heino also nun cool finden? Nein. Ich mag Leute nicht, die ins eigene Nest scheißen. Ich freue mich für die Musikantenstadel-Schunkler, deren Horizont zwangserweitert wird, aber das Kultobjekt, das Heino gerne wäre, gibt es nicht. Dazu braucht es mehr als Pauspapier und Cowboystiefel. Und dann gibt es zum Schluss doch noch ein Schlagerzitat, und auch nur, weil's so schön passt: Alles hat eine Ende nur die Wurst hat zwei.

Michael Hinterseer

Michael Hinterseer ist Redakteur und Fotograf, sowie TheWi Student mit Überzeugung. Er mag es, wenn Leute seine Sachen lesen und findet es total doof, über sich selbst in der dritten Person zu schreiben.

Erreichbar unter: michael.hinterseer (ät) unimag.at


bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

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