BÜCHERBÖRSE

Ein Bier mit Josef Hader

Josef Hader im Interview (c) Elisabeth Voglsam
Josef Hader im Interview

Er gilt als erfolgreichster Kabarettist im deutschen Sprachraum. Im Interview spricht Josef Hader über seine Studienzeit, die Zukunft des Kabaretts und seine amerikanischen Vorbilder.

Wenn Sie an Ihre Studienzeit in den 80er-Jahren zurückdenken, welche Bilder kommen Ihnen da in den Sinn?
Vor allem diese sehr abgefuckte Strecke vom Nebeneingang der Hauptuni bis zum Audimax. Und das meine ich gar nicht negativ, mir hat der Zustand gut gefallen. Da hat es noch dieses ganz wüste Café drinnen gegeben, mit ganz schrecklichen Dingen im Angebot. Im NIG hab ich immer Kabarett-Plakate verteilt und versucht in jede Kabine des alten Pater Nosters ein Plakat zu hängen. Dann sehe ich noch die alten Professoren auf der Germanistik vor mir, die waren wirklich lustig, vor allem die von Alt- und Mittelhochdeutsch. Und dann ist mir eine Vorlesung vom Girtler auf der Soziologie in Erinnerung. Ich hab die Prüfung zwar nie gemacht, aber er dürfte später davon Wind bekommen haben, dass ich bei ihm in der Vorlesung war. Heute lädt er mich öfter zu den Studenten ein und führt mich dort dann vor wie irgendein seltsames Tier.

Neben dem Studium haben Sie damals schon Kabarett gemacht?
Ja, meine ersten Kabaretts hab ich in niederösterreichischen Wirtshäusern und den Fußgängerzonen aufgeführt. Die ersten gebuchten Auftritte waren dann in Studentenheimen wie dem Pfeilheim und Panoramaheim. Bei letzterem erinnere ich mich an eine Szene, wo ich auf die Terrasse gegangen bin, weil es mir unten zu laut war. Dann hat’s nicht lange gedauert und man hat mich von der Terrasse wieder heruntergeholt, weil man geglaubt hat ich will mich runterstürzen. Anscheinend war die Stelle damals bei Selbstmördern ziemlich beliebt. Dann bin ich zu der Zeit aber auch noch mit Otto Lechner (Anm.: Jazz-Musiker) durch die Lokalszene gezogen. In Beograd gab’s einen Jazzclub, der hieß „After Midnight“, der hat erst nach 12 aufgesperrt und dort haben immer die wildesten Bands gespielt.

Sie wollten ursprünglich Lehrer werden. Vielen Studenten fällt es heute, auch aufgrund der vielen Möglichkeiten, schwer Entscheidungen zu treffen. Wann und warum haben Sie sich letztlich fürs Kabarett entschieden?  
Also ich war lange Zeit zu feige mich zu entscheiden. Habe daher immer ein bisserl studiert und ein bisserl Kabarett gemacht. Nach vier Studienjahren hab ich mir gedacht, ich muss jetzt irgendwie eine Entscheidung herbeiführen. Also hab ich gesagt, ich gebe mir ein Jahr Urlaub vom Studium und versuche es intensiv mit Kabarett. Wenn das nicht hingehauen hätte, dann hätte ich eben noch ordentlich fertig studiert. Aber in dem Jahr ging es dann plötzlich richtig los und dann hab ich mit dem Studium aufgehört. Ich hab diese Zeit auf der Uni aber nie als verlorene Zeit empfunden, für mich war das die beste Vorbereitung auf meinen Beruf. Es war nur nicht so geradlinig, wie es vielleicht heute oft verlangt wird. Mir ist auch bewusst, dass das heute oft finanziell viel schwieriger ist als es bei uns war. Damals ist man ja noch dafür belohnt worden, dass man studiert. Ich hatte auch einen tollen Studentenjob als Nachrichtensprecher für ein deutschsprachiges Urlaubsradio in Italien.

Über die Generation der heute 20 bis 30-Jährigen sagt man oft, sie würde weniger nach Materiellem, sondern nach mehr Lebensqualität, Spaß und Freizeit streben. Ist das auch Ihr Eindruck?
Also für mich ist das eigentlich nicht spürbar. Und zwar deswegen, weil ich auch nicht glaube, dass die früheren Generationen alle so wahnsinnig materialistisch unterwegs gewesen wären. Generell glaube ich, werden diese so genannten Generationen gerne nur von den Medien benannt, damit es was zu schreiben gibt. Im Praktischen sind diese ganzen vermeintlichen Trends oft viel geringer vorhanden als sie in den Medien beschrieben werden.

Ein bestätigter Generationen-Trend ist aber sicherlich das Kabarett in Österreich. Fast alle Ihrer bekannten Kollegen sind in den 60er-Jahren geboren, also etwa gleich alt.
Das stimmt, es war eine sehr spezielle Zeit. Kabarett war Anfang der 80er-Jahre so richtig altmodisch, eine Sache der 50 bis 60-Jährigen. Dann gab’s aber plötzlich Leute wie Lukas Resetarits und man hat gesagt: Wow super, so ein junger Typ macht linkes Kabarett, ganz anders als dieses verstaubte bürgerliche Ding. Und plötzlich war Kabarett auch bei Jungen wieder In. Dazu kam dann noch, dass sich eine neue Weggehkultur entwickelt hatte. In den 70er-Jahren sind die Leute auch fortgegangen, aber sie haben relativ wenig Geld gehabt und alles war recht wild. In den 80er-Jahren war das dann plötzlich anders: Die Leute waren braver, haben mehr verdient und wollten aber genauso ihren Spaß haben. Und da ist das Kabarett dann ganz recht gekommen.

Und heute? Hat es der Kabarett-Nachwuchs schwer an Ihrer überpräsenten Generation vorbeizukommen?
Sehr schwer leider. Bei uns gab’s damals nur Resetarits und Andreas Vitasek, also war da noch viel Platz für Neueinsteiger. Heute gibt es diesen Platz in der Form nicht mehr. Aber ich glaube, das Kabarett nähert sich langsam wieder der Situation an, wo es vor den 80er-Jahren war. Es kämpft heute schon damit, dass die Jungen nicht mehr so gerne hingehen. Ich für meinen Teil merke das zwar nicht so stark, weil ich auch wegen meiner Filmrollen immer ein sehr gemischtes Publikum hatte, aber ich kenne junge Kollegen, die klassisches Kabarett für Leute machen, die zwei bis drei Generationen älter sind als sie selbst. Das ist eigentlich eine etwas deprimierende Aussicht. Wahrscheinlich muss es das Kabarett wieder einmal so richtig bis auf Null runterhauen und dann kann wieder was Neues entstehen. Ganz darwinistisch, sozusagen.

Sie zählen ja vor allem auch in Deutschland zu den erfolgreichsten und bekanntesten Kabarettisten. Wie erklären Sie sich das?
Das liegt ganz einfach daran, dass ich von Anfang an viel herumgetingelt bin. Ich bin viele Jahre herumgefahren und hab in kleinen Kellern gespielt. Mich hat es immer interessiert, auch wo anders zu spielen als in Österreich. Ich wollt nicht so gern abhängig sein von Wien oder einem bestimmten Publikum.

Wo funktioniert Ihr Kabarett nicht so gut?
Eigentlich nur in der Mitte von Deutschland. Also im Ruhrgebiet, Thüringen und so weiter, dort ist es schwierig. Super funktioniert es im Süden und im Norden.

In Deutschland füllen sogenannte Comedians mittlerweile Fußballstadien. Sinkt da nicht das Niveau?
Ich glaube, dass diese Art von Comedy ja im Grunde nichts Neues ist. Vor allem in den USA gab’s das ja schon sehr lange. Die haben auch Filme gemacht und zwar keine Fußballstadien, aber zumindest sehr große Hallen gefüllt. Ein Comedian ist für mich das, was man früher bei uns Komiker genannt hat. Gerade in den USA gibt’s ja auch eine sehr große Bandbreite der Comedy, die auch vieles davon abdeckt, was bei uns das Kabarett macht: Schwarzer Humor, Gesellschaftskritik. Wir kennen diese Formen der Comedy nur nicht so gut, weil sie uns nicht erreichen und in Deutschland wird Comedy leider nicht so gemacht. Ich für meinen Teil kann eigentlich sagen, dass ich von bestimmten US-amerikanischen Comedians mehr gelernt habe als von hiesigen Kabarettisten. Lenny Bruce zum Beispiel, ein legendärer, völlig unangepasster Typ, der in den 50er-Jahren in fast allen US-Bundesstaaten Auftrittsverbot hatte.

Muss man als Künstler in Österreich manchmal politische Kompromisse eingehen um wirklich erfolgreich zu werden? Braucht es Gönner aus Politik und Wirtschaft?
Es gibt Kunstformen, die sehr stark von Förderungen abhängig sind. Ich kann mir vorstellen, dass es da schwierig werden kann, wenn du als Künstler bestimmte Leute vergraulst. Das Gute am Kabarett ist, dass du da völlig ohne staatliche Subventionen auskommen kannst; und auch musst, weil du ja sowieso nix bekommen würdest. Das heißt einerseits, dass du sehr unabhängig bist und andererseits, dass du natürlich das Risiko des Scheiterns trägst. Als Student hab ich mir immer gedacht, bevor ich ein Schauspieler werde, der total abhängig ist von passenden Rollenangeboten und ein paar Substanzen, wäre ich lieber ein Deutschlehrer geworden, der mit den Kindern Schülertheater spielt. Da hätte ich mehr Unabhängigkeit drin gesehen. Unabhängigkeit ist überhaupt etwas, das mir immer besonders wichtig war.

Ist das auch der Grund, warum Sie trotz eines Versuchs zurück aufs Land zu ziehen, immer noch in der Stadt wohnen?
Ja, ich hab’s probiert, aber es war schlimm. Es war ein Ort mit Nachbarn oben, unten, auf der anderen Straßenseite und überhaupt überall, mit denen du – anders als in der Stadt – natürlich auch reden musstest. Wenn du dann zum Beispiel erschöpft von einer Tournee zurückgekommen bist und zuerst vier Nachbarn erklären musstest, "wo du warst", "was du gemacht hast", "wies dir gegangen ist" und erst dann durftest du endlich in dein Haus gehen, dann war mir das ein bisserl zu viel.

LIVE: HADER SPIELT HADER

28.10. Wien, Burgtheater
15. und 16.11. Wien, Audimax Hauptuni
18.12. Wien, Stadtsaal
22.12. Wien, Orpheum

Fotos: Elisabeth Voglsam

Stefan Weiss

Stefan Weiss | Freier Journalist

Studiert Politikwissenschaft und Kunstgeschichte an der Uni Wien. Er betreibt einen Blog für Politik, Kunst und Kultur und schreibt für verschiedene Print- und Onlinemedien.

stefan.weiss (ät) unimag.at

 

Webseite: stefanweiss.at
 

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