BÜCHERBÖRSE

Meine Tinderella Story: Ein fünfmonatiges Selbstexperiment

Meine Tinderella Story: Ein fünfmonatiges Selbstexperiment (c) memegenerator.net

Schnell neue Leute in deiner Umgebung kennenlernen, das verspricht die App Tinder. Von vielen wird sie als Hook-up-App bezeichnet. Andere sehen sie als Dating App. Auf meinem Handy ist sie jetzt seit fast fünf Monaten und ich bin bereit Bilanz zu ziehen.

Neugierde hat mich dazu gebracht, diese App auszuprobieren. Bei Tinder siehst du Profile von Menschen in deiner Umgebung inklusive der Angabe, wie weit sie entfernt sind. Falls du schnell Milch ausborgen musst. Wen man gut findet, markiert man wahlweise mit einem Herz oder bewertet ihn mittels Swipe nach rechts als interessant. Wer nicht dem Geschmack entspricht, bekommt ein X oder einen Swipe nach links und verschwindet. Diese Person wird einem dann nicht wieder vorgeschlagen, oder wie es in den FAQ auf der Tinder Website steht: „you only swipe once“. Der Kontakt zwischen den beiden Personen wird erst dann hergestellt, wenn beide Interesse haben.

Als ich begonnen habe, dachte ich mir: "Oh mein Gott, wie oberflächlich sind die Menschen eigentlich!". Die meisten machen sich nicht einmal die Mühe, kurz etwas über sich zu schreiben. Ein paar Fotos und das war’s. Aber wenn man sich das Kennenlernszenario in einer Bar vorstellt, dann ist das mindestens genauso oberflächlich, also ließ ich mich auf die Sache ein.

Profil mit Facebook verlinken

Tinder greift auf die Facebookdaten zu, um das Profil zu erstellen. Gemeinsame Freunde, gemeinsame Likes und ausgewählte Fotos erscheinen auf deinem Profil. Durch die Verlinkung mit dem Facebookprofil wird das Tinderprofil fast automatisch erstellt und man kann nach nur wenigen Einstellungen lostindern.

Trotz Match keine Antwort

Man klickt auf das kleine Herzchen und bekommt die Bestätigung, es gibt einen Match! Und dann, dann kommt gar nichts. Was soll das eigentlich? Es gibt wohl einige, die Matches sammeln, nur um Bestätigung zu bekommen, wie scharf sie sind. Aber wer bin ich schon, um jemanden zu verurteilen, ich hab in fünf Monaten Tinder-Erfahrung mehr als 150 Matches gesammelt, wobei nicht unbedingt viele anregende Gespräche dabei waren.

Nacktfotos

Ich war ziemlich überrascht, wie viele Männer dir einfach mal so, während du in einem Small-Talk-Gespräch bist, ein Penisfoto schicken. Vielleicht glauben sie, dass wir Frauen das toll finden und ihnen im Gegenzug auch Nacktfotos schicken. Meistens kommt das nicht so gut an, eher im Gegenteil, bei mir zumindest. Aber wenn man mit Humor darauf reagiert, kann sich ein lustiges Gespräch daraus ergeben.

Kein Profiltext

Wenn sich ein Mann nicht einmal die Mühe macht, kurz was über sich selbst zu schreiben, dann kommt das bei mir überhaupt nicht gut an. Wer nur durch sein Foto punkten will, muss schon ziemlich gut aussehen. Wer aber etwas Interessantes bei seinem Profiltext zu bieten hat, hat größere Chancen. Aber: etwas Besseres als die Körpergröße und "DTF" muss man sich schon einfallen lassen.

Interessante Gespräche führen

Je mehr Informationen man über sich auf seinem Profil bietet, desto leichter ist es, ein Gespräch zu beginnen. Vor allem wenn man etwas gemeinsam hat. "Du liest auch gern Psychothriller? Wir sollten mal gemeinsam über Buch XY diskutieren". Natürlich kann man ein Gespräch auch mit "Hallo, wie geht’s?" beginnen, aber wer sich etwas mehr einfallen lässt, kann auf jeden Fall punkten.

Tinderst du noch oder datest du schon?

Wenn dann mal ein nettes Gespräch zustande kommt, sollte man auf jeden Fall dran bleiben. Schwierig wird es, wenn man die Übersicht verliert, weil man zu viele Gesprächspartner auf einmal hat. Am besten man sammelt erst mal ca. fünf Matches, und dann schreibt man. Falls kein gutes Gespräch zustande kommt, kann weiter geswiped werden, ansonsten sollte man sich auf die aktuellen Gespräche konzentrieren. Nachdem ich mit einem Typen mehrere Tage hintereinander geschrieben hatte und ein ziemlich gutes Gefühl hatte, kam es zum ersten Date. Hierfür sollte man am besten einen öffentlichen Ort aussuchen, damit man erst mal abchecken kann, ob die Chemie auch in persona stimmt und nicht nur beim Schreiben.

Keine neuen Leute in deiner Umgebung

Panik! War ich jetzt echt so wählerisch, dass ich Tinder in Wien durchgespielt habe? Keine neuen Leute in deiner Umgebung. Das klingt ziemlich dramatisch und als ich diesen Satz das erste Mal lese, bekomme ich Zweifel, ob meine Einstellung, um jemanden kennenzulernen richtig ist. Aber spätestens am nächsten Tag, gibt es wieder neue potentielle Matches. Puh! Dann wird ja doch noch alles gut.

Fazit

Witzige App, die eigentlich sehr gut funktioniert. Was mich positiv überrascht hat, ist die Offenheit und Ehrlichkeit, die jeder an den Tag legt, aber was bringt es, dem Gesprächspartner etwas vorzumachen, wenn die Auswahl an potentiellen Matches doch so groß ist? Die große Liebe hab ich zwar bis jetzt noch nicht gefunden, aber vielleicht ist sie nur mehr einen Swipe weit entfernt.

Die sieben Tinder-Typen

Der Typ mit Sonnenbrille
Ist euch schon mal aufgefallen, dass (fast) jeder Mann mit Sonnenbrille cool und attraktiv aussieht? Dieser Typ macht sich das zu Nutze und präsentiert sich auf jedem Foto mit Sonnenbrille, sehr authentisch wirkt das aber nicht.

Der Tierliebhaber
Beim Anblick eines Manns mit süßem Welpen schmelzen die Frauenherzen, doch sind sich die Männer dessen nur zu sehr bewusst. Dieser Typ könnte den Niedlichkeitsfaktor ausnutzen und dich mit süßen Tierfotos austricksen.

Der Typ, der sein letztes Hemd verloren hat
Dieser Typ hat wohl sein letztes Hemd verspielt, denn auf all seinen Fotos ist er nackt. Wahrscheinlich freut er sich, wenn man ihm ein T-Shirt zum ersten Date mitbringt.

Wo ist Waldo?
Das zeigt den Unbekannten mit denselben Personen. Aber wo ist Waldo? Wer keine Lust auf Versteckspiel oder böse Überraschungen beim ersten Treffen haben möchte, sollte hier eher nach links swipen.

Der Musiker
Dieser Typ zeigt sich mit Gitarre, Saxophon, Klavier oder Schlagzeug auf seinen Fotos. Aber Vorsicht: Ob er auch wirklich spielen kann, beweist das noch lange nicht.

Der Workout Typ
Vor dem Training, nach dem Training, während des Trainings – Dieser Typ scheint echt gerne zu trainieren, oder doch nur ein Poser?

Der extreme Typ
Egal ob Bungeejumping, Skydiving oder Fallschirmspringen, dieser Typ hat das bestimmt schon gemacht und versucht mit seinen waghalsigen Fotos Eindruck zu schinden. Er wirkt zwar sehr cool, aber doch ein bisschen zu extrem.

Birgit Mühl

Birgit Mühl | Ressortleiterin Feuilleton

studiert Vergleichende Literaturwissenschaft und Publizistik- und Kommunikationswissenschaft

ist heillose Optimistin

liebt Beistriche und hasst den Ausdruck "Grammar-Nazi"

birgit.muehl (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

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