TRAINEEPROGRAMME

Kommentar: Von der Angst der Menschen und der Flucht als letzte Überlebensmöglichkeit

FPÖ-Protest und Alexander Pollak von SOS-Mitmensch (c) APA
FPÖ-Protest und Alexander Pollak von SOS-Mitmensch

Gastkommentar von Stefanie Oberhauser

Angst ist eine unserer Grundemotionen und schützt uns selbst vor bedrohlichen Situationen. Sicherheit als tiefstes menschliches Grundbedürfnis begleitet uns alle tagtäglich. Und natürlich muss man die eigenen Gefühle ernst nehmen, doch irgendwann kommt auch der Punkt, an dem man sich nicht nur seinen Ängsten hingeben darf, sondern beginnen muss zu denken. Ich kann mit unserer jetzigen Situation einfach nicht mehr umgehen. Menschen müssen flüchten, weil sie in ihrer Heimat keine Chance mehr haben zu überleben. Genau darum geht es: um Menschen, die nicht sterben wollen. Glaubt ernsthaft irgendwer, dass das jemand zum Spaß macht?

Pure Aggression und herzzerreißende Fassungslosigkeit

"Das Boot ist voll!", "Österreich KANN keine Menschen mehr aufnehmen, weil wir selbst schon genügend Probleme haben und man ja sieht wie undankbar die Ausländer alle sind!" Bei Aussagen wie diesen stehe ich zwischen purer Aggression und herzzerreißender Fassungslosigkeit. Beides ist nicht sehr qualifiziert, ich weiß, das überzeugt wohl niemanden, das ist auch mir klar. Also versuche ich einmal auch meine Emotionen zurückzunehmen. Doch sind wir uns einmal ganz ehrlich, mit Fakten kommt man bei dem Großteil der Bevölkerung ja auch nicht weiter: "Die Hypo Alpe Adria hat die Österreicherinnen und Österreicher (…) genauso viel gekostet wie alle Asylwerber von 1950 bis 2275 zusammen – verursacht wurde das Hypo-Desaster durch die Partei, die jetzt am lautesten gegen Zuwanderung hetzt. Mit diesem Geld hätte man Asylaufnahmezentren und die zugehörige Bürokratie für die nächsten 260 Jahre finanzieren können." (Quelle: Fabian Grabner, 10.6.2015) Das ist ein Fakt, aber die Hypo ist zu kompliziert, das ist zu abstrakt um sich damit beschäftigen zu wollen. Darüber kann man sich nicht aufregen, weil man es nicht durchschaut. Da schreit man lieber bei einfacher zu begreifenden Themen wie homosexuelle Ampelpärchen, Veganer ("wieso zur Hölle essen die denn kein Fleisch, das muss ja ungesund sein!!") oder eben dem Thema "Ausländer".

Aber was sind eigentlich "DIE Ausländer"? Wenn man einen Amerikaner oder eine Australierin trifft, dann ist das cool. Ein Syrer hingegen, nein irgendwann ist Schluss, denn das Boot ist ja schließlich voll. Ich frage mich ständig, woher diese Abneigung kommt. Wie schon gesagt, mir zerreißt es fast das Herz, wenn ich auf Facebook so sehe, was alles geteilt wird. Unwahrheiten, dass Flüchtlinge viel Geld bekommen (als Geschenk quasi von uns Österreichern), dass sie in den tollsten Unterkünften wohnen (ja, ein Zelt kann schon was Schönes sein, aber vielleicht doch nur bei schönem Wetter auf einem Festival – und das auch nur nach dem siebten Bier) und dass sie sich gegenseitig die Köpfe einschlagen (ganz ehrlich, ich würd wahrscheinlich schon auszucken, wenn ich mit meinen ganzen Freunden auf Facebook nur für einen Tag zusammengesperrt werden würde – und ich hab zum Glück keinen Krieg erlebt).

"Wenn unsere Großeltern so feig gewesen und geflüchtet wären, dann würde unser Land jetzt nicht so dastehen!" Wie blöd kann mein eigentlich sein? Wir haben diesen Krieg angefangen, wir! Österreich und Deutschland. Und wir haben das zu verantworten, wieso hätten wir dann auch flüchten sollen? Jeder, der schon einmal ein Konzentrationslager angeschaut hat, kann doch einfach nicht so rechtsradikal denken – das geht mir einfach nicht in meinen Kopf hinein. Doch das ist auch der springende Punkt: Ich glaube gar nicht, dass Österreich so rechts ist. Hier wird einfach nur mit den Ängsten der Menschen gespielt. Die fleißigen Leute, die eh jeden Tag in die Arbeit gehen und trotzdem Probleme haben, ihren Kredit für ihr Haus abzuzahlen und den Kindern kein neues iPhone kaufen können. Sozialminister Hundstorfer hat vor ein paar Tagen etwas sehr Passendes gesagt: "Der Herr Mateschitz und andere Millionäre werden bewundert. Und auf den Asylwerber ist man neidisch." Warum ist das denn so? Kann mir das irgendwer erklären? Wieso ist man auf die Ärmsten der Armen so neidisch? Sie würden gerne arbeiten, dürfen aber nicht. Und wenn sie irgendwie die Chance bekommen (siehe Unwetter in Tirol), dann packen die Ayslwerber ja mit an, nur bekommen sie die Möglichkeit nur selten. Aussicht auf Besserung bzw. schnellere Verfahren gibt es wohl keine, nachdem unsere Innenministerin Mikl-Leitner verkündet, dass Österreich im Vergleich zur restlichen EU zu schnell sei und deshalb keine neuen Anträge mehr bearbeitet werden… Ein Armutszeugnis.

Kognitive Dissonanz, eine sozialpsychologische Theorie, die für mich (und für viele von euch) wohl gut zutrifft, wenn ich auf Facebook schaue. Ich will es gar nicht sehen, wie rechts manche meiner Facebook-"Freunde" sind und versuche es zu ignorieren oder entfreunde mich sogar. Trotzdem ist mir klar, dass, nur weil ich die Inhalte dieser Menschen dann nicht mehr sehe, natürlich NICHTS an deren Einstellung ändere.

 

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