BÜCHERBÖRSE

Österreichische Studienbeihilfe vs. BAföG

Welches glücklicher macht und warum man auf keinen Fall versäumen sollte, eines zu beantragen

Als ich vor vier Jahren meinen ersten positiven BAföG-Bescheid in der Hand hielt, war ich überglücklich. 600 Euro pro Monat waren die magische Summe, die mir bestätigt wurden. Damals, gerade mein Abitur in der Tasche, dachte ich nur daran, dass ich als Erste in meiner Familie endlich die Chance hatte studieren gehen zu können. Als Landkind hatte ich die große Stadt Wien vor Augen, meine Liebe auf den zweiten Blick. Damals dachte ich weder an Studienschulden, Geringfügigkeitsgrenzen oder gar Zukunftsängste. Noch nicht.

In meiner Arbeit als MaturantInnen/Studienberaterin erlebt man so einiges. Was sich aber ständig wiederholt, sind die Anfragen zur Studienbeihilfe. Auch von Menschen, die seit einigen Jahren studieren und draufkommen, sie hätten bereits von Beginn an Studienbeihilfe erhalten können. Nein, meine Lieben, man bekommt sie nicht nachträglich ausbezahlt! Alles, was ihr tun müsst, ist zu Beginn eures Studiums zwei bis drei Formulare ausfüllen und per Post oder Email einreichen. Alles andere wird euch abgenommen, beispielsweise die Berechnung des Unterhaltsanspruchs von euren Eltern an euch anhand deren Einkommen.

Welche Anforderungen man erbringen muss...

Einen Antrag auf Studienbeihilfe in Österreich zu stellen ist in den meisten Fällen also äußerst bequem und schnell erledigt. Muss man irgendetwas nachbringen, wird man rechtzeitig per Mail informiert. Beiträge bis zu 679 Euro können dabei für einen Studierenden drin sein, der nicht am selben Wohnsitz wie seine Eltern gemeldet ist. Ihr dürft bis zu 8.000 Euro (minus Sozialversicherung) im Jahr dazu verdienen, ohne dass es Konsequenzen nach sich zieht, müsst gerade einmal 16 ECTS nach einem Jahr vorweisen und habt dann auch noch zwei Toleranzsemester für euer Studium Zeit. Verzeiht mir also, wenn ich manchmal entgeistert den Kopf schüttele bei Sätzen wie: „Ach, wahrscheinlich krieg ich ohnehin keine Studienbeihilfe, deswegen mach ich mir die Arbeit gar nicht erst, den Antrag zu stellen..“.  Ein Sorry für all die spitzfindigen Kommentare über die Jahre hinweg, die ich vom Stapel gelassen habe, wann immer mir jemand erzählt, es sei zu viel Aufwand, ohnehin sinnlos - Oder mein All-Time-Favourite: ... schlichtweg das Geld nicht wert.

...und warum das gar nicht so schlimm ist

Warum ich so reagiere ist schnell erklärt. In Deutschland gibt es das System der Rückzahlung der staatlichen Beihilfe. Das funktioniert folgendermaßen: Bekommt man (bei einem generellen Höchstsatz von maximal 670 Euro pro Monat) beispielsweise 300 Euro ausgezahlt, häufen sich davon jeden Monat die Hälfte als Darlehensschulden an, die andere Hälfte ist das Förderungsgeld vom Staat. Das bedeutet: Nach drei Jahren Bachelorstudium bei einem BAföG-Satz von 300 Euro pro Monat hat man nach sechs Semestern 5.400 Euro Schulden. Toleranzsemester gibt es nicht und ein maximales Nebeneinkommen von 400 Euro im Monat ist drin. Mit 400 Euro kann man aber nur geringfügig arbeiten, was zwar positiv ist für ein schnelles Studienfortkommen, aber eher hinderlich für einen Lebenslauf, Arbeitserfahrung und Praxis. Der einzige Vorteil liegt darin, dass die Schulden zinslos sind und die Höchstgrenze beim Zurückzahlen der Studienschulden bei 10.000 Euro liegt. Nicht einberechnet sind allerdings noch die zahllosen Stunden beim Ausfüllen von mehreren Seiten an Fragebögen, Nachweis von Kontoauszügen, Mietverträgen, Betriebskosten, Einkommensteuernachweisen und, und, und. Hat man dann noch ein Elternteil, welches unwillig ist, seine Einkommensteuernachweise abzugeben, kann man sich schon mal auf eine Nachzahlung ein halbes Jahr später einstellen – bis dahin muss man sich aber mit seinem maximalen Einkommen von 400 Euro nebenher erst mal über dem Wasser halten können...

Ende gut, alles gut?

Letzten Endes bin ich dennoch froh, dass es BAföG überhaupt gibt. Ohne dieses hätte ich nicht die Möglichkeit zu studieren. Deutschland ist sicherlich eines der Länder, bei denen die staatliche Ausbildungsförderung wenigstens einigermaßen funktioniert, auch wenn die Berechnung der Förderungswürdigkeit in vielen Fällen eher fragwürdig ist. Schaut man sich allerdings Förderungssysteme in Ländern wie England oder gleich in den USA an, kann man sich am BAföG glücklich schätzen.

Noch glücklicher schätzen kann man sich jedoch an der Studienbeihilfe. An Geld, das, egal in welcher Höhe man es bezieht, nicht zurückgefordert wird. Bei dem man nebenher problemlos arbeiten kann und sich sogar ein wenig Zeit mit studieren lassen kann. Der nächste Österreicher also, der bei mir im Büro sitzt und sich darüber Gedanken macht, ob er „den endlosen Bürokratie-Mist über sich ergehen lassen soll“, bekommt einen Keks an den Kopf geworfen!

Tanja Kling

Ist immer zu haben für guten Lesestoff jeder Art, außer schlechtem Liebesschund, der sie mehr gruselt als jede Horrorszene mit asiatischen Kindern.

Hat einen Fable für Found Footage und schlecht synchronisierte Splatter-Filme, weswegen man sie freitags oft im Midnight Movie antrifft. 

Und für einen Kaffee mit Jack Nicholson würde sie ihr letztes Hemd geben.

 

Tanja Kling | Ressortleiterin Kino, Film & Buch

tanja.kling (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

 

 

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