BÜCHERBÖRSE

Red-Bull-Hörsaal für alle?

Mit der Abschaffung des Wissenschaftsministeriums überlässt die Regierung die Unis den Märkten.

OMV-Bibliothekszentrum, UNIQA-Studierendenlounge, Red Bull Hörsaal oder Raiffeisen-Sprachlernzentrum. Ähnlich aggressives Sponsoring kannte man vor dem Bau der neuen Wirtschaftsuniversität allenfalls von größeren Sportveranstaltungen. SPÖ und ÖVP sahen in dem Ausverkauf universitärer Einrichtungen an private Gönner also schon in der jüngeren Vergangenheit wenig Problematisches. Mit der neuen Regierungsbildung und der Einsparung des Wissenschaftsministeriums zeigt die große Koalition aber völlig unverblümt was ihr an der akademischen Bildung liegt. Gerade einmal zwei Seiten von 124 sind den Parteien die Unis im nun ausgehandelten Regierungsprogramm wert.

Dabei liegt der eigentliche Skandal weniger in der offensichtlichen Geringschätzung der akademischen Bildung und der Abschaffung des Ministeriums selbst, sondern in der Angliederung der Uni-Agenden ausgerechnet an das Wirtschaftsministerium. Anstatt einen Schritt in Richtung ganzheitliche Bildung zu gehen und die Wissenschaft der Bildungs- und Frauenministerin zu überlassen, öffnen SPÖ und ÖVP der Ökonomisierung des Uni-Betriebs nun Tür und Tor. Die Botschaft der Koalition ist damit klar: Nur ökonomisch verwertbare Studien verdienen es gefördert zu werden.  Geistes- und Sozialwissenschaften, zu deren Aufgaben die kritische Auseinandersetzung mit Wirtschaft und Gesellschaft zählt, haben in diesem Modell nur marginal Platz.

Daran ändert auch der Vermerk im Regierungsprogramm geistes- und sozialwissenschaftliche „Exzellenz-Schwerpunkte“ zu fördern nichts. Im Gegenteil: Hier wird ein Trend demaskiert, der etwa britische Studierende vor zwei Jahren zu tausenden auf die Straße getrieben hat. Geistes- und Sozialwissenschaften sollen als  Massenfächer schrittweise ausgehungert und zu einer Art Elitendisziplin werden. Ein Rückfall in Zeiten, als große Denker noch große Spender brauchten. Die breite Masse der Studierenden wünscht man sich heute in den Fachhochschulen und ökonomisch nachgefragten Studien (die natürlich ausgebaut werden). Die Red Bull und Siemens-Hörsäle dieses Landes könnten somit erst der Anfang gewesen sein. Wo private Gelder über Infrastruktur und Rahmenbedingungen entscheiden, wird bald auch über Inhalte entschieden. Die Degradierung der Unis zum Anhängsel des Wirtschaftsministeriums hat eine fatale Symbolik, die offenlegt nach wessen Regeln unsere Wissensgesellschaft scheinbar zu funktionieren hat.

 

Stefan Weiss

Stefan Weiss | Freier Journalist

Studiert Politikwissenschaft und Kunstgeschichte an der Uni Wien. Er betreibt einen Blog für Politik, Kunst und Kultur und schreibt für verschiedene Print- und Onlinemedien.

stefan.weiss (ät) unimag.at

 

Webseite: stefanweiss.at
 

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