BÜCHERBÖRSE

"Schiffe ruhig weiter ..."

Die SPÖ hat das metaphorische Bild der nächsten fünf Jahre schon im Wahlkampf vorgezeichnet. Eine Polemik.

Stürmische Zeiten. Sichere Hand. Mit der Metapher des Werner Faymann als Kapitän eines Stürme-trotzenden Segelschiffes hat die SPÖ über die nächsten fünf Jahre vielleicht schon mehr gesagt als sie eigentlich sagen wollte: Ruhig weiter. Über Wasser halten. Treiben lassen. Ein altes Volksgedicht drängt sich auf: "Schiffe ruhig weiter, wenn der Mast auch bricht, Gott ist dein Begleiter, er verlässt dich nicht." Wie wahr, wie wahr.
Das zeigten auch gleich zwei Minister der zur christlichen Soziallehre zurückgefundenen ÖVP und bekräftigten ihre Angelobungsformel mit religiösen Zusätzen ("Beim heiligen Herzen Jesu Christi")

Aufkeimenden Meutereien innerhalb der Volkspartei wegen des Bildungs-Stillstands, begegnete Vizekapitän Spindelegger entgeistert ("Ich bin doch nicht das Christkind"). Auch wieder wahr. Obwohl: Man hätte ja meinen können, dass ein Schiff ohne Kohlen im Lagerraum zumindest auf einen starken Mast in Form umfassender Bildungs- und Universitätsoffensiven setzt. Die Kommandocrew sieht das aber anders. Faymanns Hand etwa klammert sich so fest ans Steuerrad, dass er beim Fällen des Schiffsmastes in Form des Wissenschaftsministeriums nur noch zusehen konnte ("Wir können uns nicht alles leisten")

Schließlich brauche man "Österreich nicht neu erfinden", meint der Kapitän und vertraut in stürmischen Zeiten auf altbewährte Anker: Die ersten Offiziere Mitterlehner und Hundstorfer, zwei sozialpartnerschaftliche Felsen in der Brandung. Die machen in der Tat einen seetauglichen Job. Auch Schiffsjunge Kurz kann angesichts der jahrelangen Bedeutungslosigkeit der Nation am Hochseeparkett mit seinem jugendlichen Schneid eigentlich nur gewinnen. Die Last des angesägten Masts werden aber wohl auch diese Herren nicht ganz stemmen.

Oben im Ausguck, dort sitzen die Grünen. Ihre Rufe hört nur niemand. Zu betäubt sind die Ohren der Crew vom ewig gleichen Gegenwind. Pragmatisch sieht’s die FPÖ, die sich wie jedes Jahr selbst feiert und genüsslich übers Schiffsdeck tanzt (Akademikerball findet auch dieses Jahr statt.) Neos, die mit finanzieller Hilfe des liberalen Seebären Hans Peter Haselsteiner gerade noch ein Ticket ergattern konnten, mussten zwar zunächst einmal kräftig durchatmen ("postkoitale Depression"), surfen jetzt aber auf derselben Welle wie der Papst. Gott verlässt dich nicht! "Chef über Board" heißt es unterdessen beim Team Stronach, wo der Captain schon vor dem Auslaufen das Ufer wechselte und sein Gefolge alleine weitermeutern lässt.

In Summe eine verwegene Truppe, die hier zu neuen Gefilden aufbricht. Ein klarer Kurs hingegen ist nicht so wichtig.  Auch in der Bildung nicht. Denn so lange Schatzmeister Spindelegger eisern über die Rationen wacht und der Kapitän Funkkontakt zu deutschen Schiffen hält, klappt das mit dem treiben lassen wie von selbst. Ruhig weiter also, ruhig weiter. Wenn der Mast auch bricht...

Stefan Weiss

Stefan Weiss | Freier Journalist

Studiert Politikwissenschaft und Kunstgeschichte an der Uni Wien. Er betreibt einen Blog für Politik, Kunst und Kultur und schreibt für verschiedene Print- und Onlinemedien.

stefan.weiss (ät) unimag.at

 

Webseite: stefanweiss.at
 

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