BÜCHERBÖRSE

Mit dem Kind im Hörsaal

Symbolfoto
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Anwesenheitspflicht und Audiostream – das eine behindert einen, auf das andere ist man angewiesen.

Ich setze mich hin und packe aus was ich bei mir habe: Papier, Stifte, Bücher und vielleicht noch das ein oder andere Spiel. Neben mir rutscht mein dreijähriger Sohn am Stuhl hin und her. Wir befinden uns in einem Hörsaal an der Universität Wien an einem späten Nachmittag – nach der Kindergartenzeit. Einen Babysitter finde ich nicht immer, also muss der Kleine ab und zu mit. Das geht manchmal gut, er liebt Bücher und malt gerne. Manchmal werden auch kurze Videos gezeigt, dann schaut er nach vorne auf die Leinwand. Während mein Professor mit seiner Vorlesung beginnt, malen wir einen Elefanten. Gleichzeitig schreibe ich mir Notizen auf. Eine halbe Stunde lang geht das gut, dann wird mein Sohn unruhig und will herumlaufen. Verflixt, denke ich, ausgerechnet heute. Um dem Bewegungsdrang genügend Raum zu geben, verlassen wir den Hörsaal und gehen auf den Spielplatz. Entspannt bin ich deshalb, weil ich weiß, dass es einen Audiostream zur Vorlesung geben wird.

Nicht anstrengend, nur anders.

Viele fragen immer, ob das nicht anstrengend sei, mit Kind zu studieren. Nein, sage ich, es ist anders. Meiner Meinung nach habe ich sogar mehr Zeit für meinen Sohn, als Eltern, die bis um sechs oder sieben am Abend im Büro/Arbeitplatz sein müssen. Es ist auch eine Sache der Einteilung. Vorlesungen, Kurse und Lernzeit findet meist dann statt, wenn der Kleine im Kindergarten ist. Entspannt wird auf dem Spielplatz oder im Park. Und das, obwohl man mit seinem Kind Flieger spielt und quer von einem Ort zum Nächsten rennt. Studierende mit Kind sind quasi zwangsweise sehr oft an der frischen Luft. Aber das schafft den Ausgleich. Während die einen ihre Lernphase auf den letzten Monat schieben und 24/7 in der Bibliothek sitzen, müssen Eltern sich die Zeit anders einteilen. Man kann es auch so ausdrücken: Am Ende des Semesters sind es meistens nicht die Eltern, die Ringe unter den Augen tragen. Leicht ist studieren mit Kind nicht, aber wie gesagt, anders. Man kann nicht jeden Abend weggehen. Aber das ist auch gut so. Man lernt Zeitmanagement, weil man es eben muss. Schwierig wird es dann, wenn ein wichtiger Kurs oder eine Vorlesung nicht in den eigenen Alltag passt.

Es ist das alte Thema der Diskussion über Anwesenheitspflicht und Film- bzw. Audiostreams. Professoren argumentieren meist mit den sogenannten "faulen Studierenden". Dabei vergessen sie aber, wen diese zwei Punkte am meisten betrifft: Studierende, die arbeiten und/oder Kinder haben. Natürlich gibt es die Einen, die bei einem Audiostream lieber zu Hause bleiben oder sich nur Notizen von anderen anschauen. Aber diese würden wahrscheinlich auch während der Vorlesung nur physisch anwesend sein Verständlich ist auch, wenn die Professoren den Mitschnitt der Vorlesung aus Gründen des persönlichen Kontakts zu Studierenden vermeiden. Klar, wer will schon vor drei Leuten eine Rede halten? Aber sind es dann wirklich nur drei Leute? Wenn die Vorlesung interessant ist, geht man auch gerne hin. Und wenn nicht, bleiben selbst bei einer nicht-gestreamten Vorlesung die Leute weg. Auch eine Anwesenheitspflicht ändert nichts daran. Wer ursprünglich nicht hingehen wollte, surft eben im Internet, träumt vor sich hin oder macht was anderes nebenher.

Anwesenheitspflicht und Film- bzw. Audiostream

Aber genau diese zwei Punkte, Anwesenheitspflicht und Film- bzw. Audiostreams sind essentiell für Arbeitende und Eltern. Klar kann man sich die Vorlesungen und Kurse so legen, dass sie in den Alltag passen. Manche müssen jedoch vierzig Stunden in der Woche arbeiten, um sich ihr Studium finanzieren zu können. Wenn man dann nur zwei Punkte des Curriculums pro Semester hinter sich bringen kann, weil nach Bürozeiten nichts mehr stattfindet, dauert das Studium ewig – und das kann man wiederum nicht auf die Faulheit schieben. Ist das Kind einmal krank, passiert es häufig, dass es einen selber erwischt. Das hat zur Folge, dass man länger zu Hause bleiben muss und schon verliert man den Platz im Kurs. Zum Glück gibt es Professoren, die ein Verständnis für die Situation zeigen und damit zufrieden sind, wenn man sich in dieser Zeit die Unterlagen von Studienkollegen zukommen lässt. Aber Studienkollegen bekommen nicht immer alles mit. Mitschriften können so unterschiedlich sein wie Tag und Nacht. Davon mal abgesehen genieße ich es auch, von meinem Professor direkt etwas gelehrt zu bekommen und sei es über einen Audiostream.

Am Spielplatz kann ich abschalten. Wir gehen nach Hause, essen etwas und dann bringe ich den Kleinen ins Bett. An einem Abend, an dem ich Zeit habe, höre ich mir den Audiostream der Vorlesung an und mache mir Notizen. Am Ende des Semesters schreibe ich die Prüfung. Es ist die letzte in meinem Bachelor. Hätte es keinen Audiostream gegeben, hätte ich vermutlich noch ein Semester länger gebraucht, mit der Hoffnung, dass die Vorlesung zu einem anderen Zeitpunkt stattfindet.

 

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