BÜCHERBÖRSE

"Vielleicht ist es ja morgen wieder so weit"

  • geschrieben von Tea Sahačić
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jIMG 1116Interview mit Sigrid Maurer.

Sigrid Maurer ist Studierendenvertreterin (GRAS), studiert Volkswirtschaft an der Universität Wien und war von 2009 bis 2011 Vorsitzende der ÖH. UNIMAG traf sich anlässlich des zweijährigen #unibrennt Jubiläums mit ihr, um die Ereignisse Revue passieren zu lassen und in die Zukunft zu blicken.

UNIMAG: Sigrid, war es als ÖH-Vorsitzende eigentlich schwierig am Anfang von #unibrennt Stellung zu beziehen?

Sigrid Maurer: Das war überhaupt kein Problem. Wir bekamen Nachricht von der Besetzung und waren sofort im AudiMax. Es musste keine Sekunde überlegt werden, wir waren genauso euphorisch wie alle anderen.
In Wahrheit kann ja gar nichts Besseres passieren, als eine solche Bewegung, die in dieser Größe ohne weiteres auch gar nicht zu erreichen ist. Außerdem war der Katalysator über das AudiMax wichtig, da gehen die Leute nicht wie bei einer Demonstration passiv mit, sondern beteiligen sich aktiv.


c Mario HabenbacherMit der Beteiligung einer großen Zahl an StudentInnen gab es auch verschiedenste Vorstellungen und Wünsche, die sich zum Schluss teilweise sehr unterschieden. Inwieweit haben sich die Forderungen vom Anfang verändert?

Das stimmt, es war ein Kritikpunkt dass sich die Forderungen immer erweitert haben, aber es kommt grundsätzlich darauf an, wie eine Bewegung zu verstehen ist. Eine Bewegung ist keine Organisation, schon gar nicht in dieser Größenordnung; am Anfang waren ja 10.000 Leute aktiv daran beteiligt und natürlich haben sich die Forderungen im Laufe der Zeit geändert. Zum Schluss haben sich die Leute sehr stark damit auseinandergesetzt, was da im AudiMax passiert. Etwa in der Situation, als 80 Leute bei Minus 20 Grad keinen Schlafplatz hatten, weil die Stadt Wien keine Betten an Drittstaatsangehörige vergibt, und sie deshalb im AudiMax untergekommen sind. Da haben in dieser Hinsicht unausgebildete StudentInnen ihr Möglichstes getan um zu helfen, und merkten, dass das nach 2 oder 3 Tagen schon einen unglaublichen Effekt hat; die Obdachlosen hörten auf zu trinken, diskutierten, halfen mit. Sie hatten hier einen sozialen Kontakt, der normalerweise nicht da ist, und man lernte ihre Situation kennen; da ist es unmöglich sich abzuwenden. Hier hat sich ein Problem ergeben, das von der Stadt Wien relativ leicht zu lösen wäre, trotzdem aber ignoriert wird; das wollten wir nicht. Deshalb waren die Forderungen unumgänglich und ich finde es vollkommen richtig sie aufgestellt zu haben.


IMG 1187Menschlich unbestreitbar vollkommen richtig, aber möglicherweise kontraproduktiv für #unibrennt?

Das war schon an einem Punkt, als jeden Moment ein anderes Problem auftauchen konnte – wenn es nicht das gewesen wäre, dann etwas anderes. Ich will es gar nicht schönreden, natürlich war es ein Anknüpfungspunkt für einen Haufen Konflikte, aber es gab auch andere Probleme; etwa, ob wir den Obdachlosen den Alkohol nehmen sollten—haben wir Recht dazu? Wer kann das überhaupt entscheiden? Wer darf Regeln aufstellen? Es war aber insgesamt eine wichtige Erfahrung, und allein dafür, dass es Wirkung auf die Stadt hatte – es gab ja ein Nachfolgeprojekt –, war es richtig. Für die Bildungspolitische Bewegung mag es nicht relevant gewesen sein, schließlich kann die Universität ja nicht die Aufgaben der Stadt übernehmen, und die Uni ist auch keine Notunterkunft, aber es war eine solidarische Geschichte.


c Mario Habenbacher - flickrDu hast schon erwähnt, dass die Frage, wer Regeln aufstellen und Entscheidungen treffen darf, kaum eindeutig beantwortet werden kann—war die basisdemokratische Struktur rückblickend ein Hindernis? Wäre mit einer Führungsspitze alles besser zu bewerkstelligen gewesen?

Nein, niemals. Eine so große Bewegung, die derart viele unterschiedliche Interessen, Erfahrungen, Eindrücke und Wünsche in sich vereint, wäre unmöglich unter eine Führungsspitze zu stellen gewesen.

Die basisdemokratische Gestaltung wirktvon außen zwar schwerfällig, aber es ist einfach ein Prozess, den die meisten Menschen nicht durchmachen. Wir leben in einer Demokratie, wo Beteiligung bedeutet, alle vier bis fünf Jahre einmal zu wählen—dazwischen gibt es kaum Möglichkeiten sich zu artikulieren. Die Leute kennen Eigenengagement gar nicht, und dahingehend ist Österreich auch völlig unterentwickelt. Insofern war #unibrennt auf jeden Fall eine Emanzipationsbewegung. Es war, und ist noch immer, für die Leute wichtig zu erkennen, dass sie selbst etwas bewegen können.


Hat #unibrennt die Bereitschaft zu dieser Art von Mitbestimmung erhöht?

Definitiv. Die Szene ist aktiver geworden, auch die Grundhaltung gegenüber Besetzungen. Sie sind nicht mehr dieses komische Konzept, mit dem man nie in Berührung kommt, sondern wir haben es selbst miterlebt und mitverfolgt.


jIMG 1115Gibt es für dich Kritikpunkte, wo du sagst, das hätte anders laufen sollen?

Natürlich hat man als politisch engagierter Mensch immer bestimmte Vorstellungen. Sicher ist da manchmal der Gedanke, dass man das anders machen, oder etwas gerne schneller erreichen würde; aber das ist eine ungültige Forderung: Es ist schließlich eine Bewegung, die davon lebt, dass sie sich selbst bewegt, ohne dass sie von außen in eine bestimmte Richtung gelenkt wird. Die Bewegung läuft gut oder schlecht, aber sie muss sich bewegen. Da gibt es kein Bewertungskriterium, es ist zu komplex, um an gewissen Stellen zu sagen, hier hätte eine andere strategische Entscheidung gefällt werden sollen.


Hofburg c alpha600 flickrWas hat #unibrennt noch alles bewirkt? Gibt es auch negative Konsequenzen?

Grundsätzlich gibt es keine negativen Konsequenzen.
Aber es soll eine Novelle des Sicherheitspolizeigesetzes geben, die Maßnahmen bei Besetzungen neu regelt, damit diese in Zukunft strafbar sind und die Polizei keinen Räumungsbescheid braucht, sondern per Wegweisung agiert. Das ist natürlich eine negative Konsequenz, die aber nicht auf #unibrennt zurückzuführen ist, sondern auf die extreme Borniertheit dieses Staates.
Ich wurde ja wegen Flyer werfen im Parlament in der Extremismus Datenbank eingetragen, das zeigt den Umgang des Verfassungsschutzes mit polizeilichen Befugnissen, die noch ausgeweitet werden sollen, damit zivilgesellschaftliches Engagement besser kontrolliert und gegebenenfalls unterdrückt werden kann—alles durch den Terrorparagrafen.
Jetzt merkt der Staat, dass weltweit Schwung in soziale Bewegungen kommt; das soll bloß nicht hier passieren, und falls doch, werden gleich entsprechende Gesetzte gemacht, um Leute zu überwachen und zu unterdrücken, denn so etwas wollen wir hier ja nicht. Es ist ein Armutszeugnis für die Republik.
Positiv ist der entstandene Diskurs, denn ohne #unibrennt wäre Bildung nie so breit diskutiert worden; plötzlich hat sich jeder in Österreich mit Bildung auseinandergesetzt. Auch das Bild der Studierenden in der Öffentlichkeithat sich stark verändert.


IMG 1205  size STEin Blick in die Zukunft: Wird es wieder eine Zeit für #unibrennt geben? Oder ist die Zeit schon reif?

Es kann jederzeit wieder losbrennen, wir sehen es ja jetzt überall auf der Welt. Bei Occupy Wall Street gab es auch keinen Schlüsselpunkt, wo gesagt wurde, das Maß ist voll, jetzt besetzen wir. Es ist interessant zu beobachten wie Besetzungen wieder Zuspruch gewinnen, an #unibrennt war ja die Welle an Solidarisierungserklärungen aus der ganzen Welt so extrem beeindruckend.
Es ist einfach nicht planbar. Vielleicht ist es ja morgen wieder so weit.

 

 

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