BÜCHERBÖRSE

Lueger- wird Universitätsring. Höchste Zeit.

Der Lueger-Ring ist bald Geschichte Bild: Stefan Weiss
Der Lueger-Ring ist bald Geschichte

Kommentar

Eine jahrelange Diskussion findet in der Umbenennung des Dr. Karl Lueger Rings in Universitätsring ihr erfreuliches Ende. Die Universität soll den Mitbegründer des modernen Antisemitismus nicht mehr in der Adresszeile führen.

Von „Kulturpolitischem Armutszeugnis“, „Ablenkungsmanövern“ und „linkem Gesinnungsterror“ war seitens der ÖVP und FPÖ die Rede. Dr. Karl Lueger, Gründer der christlich sozialen Partei, legendärer Bürgermeister von Wien und verdienter Erneuerer der Stadt um die Jahrhundertwende, gilt vielen als Säulenheiliger. Dennoch: der von Hitler in „mein Kampf“ als „gewaltigster deutscher Bürgermeister“ bezeichnete Lueger, war glühender Antisemit. Anders als sein deutschnationaler Zeitgenosse Georg Ritter von Schönerer, bezog Lueger seine Ideen nicht aus der rassisch begründeten Judenfeindlichkeit, sondern aus seinem christlichen Antijudaismus. Beide hatten erheblichen Einfluss auf den jungen Adolf Hitler und wurden später von ihm selbst als politische Vorbilder genannt. Geht man davon aus, dass Straßen,- und Platzbezeichnungen großer historischer Persönlichkeiten huldigen sollen, so versteht es sich von selbst, dass eine Einrichtung wie die Universität, die im internationalen Austausch auch mit jüdischen Intellektuellen zu tun hat, nicht den Namen eines bekannten Antisemiten in der Anschrift tragen darf. Gerade Wien, als ehemals zentraler Schauplatz des Antisemitismus, muss sich hier der Tragweite bewusst sein. Ob Wien tatsächlich ein Che Guevara Denkmal braucht - dessen Geschichtsbild ebenfalls höchst umstritten ist - darf allerdings auch bezweifelt werden. Ebenso ist Namensspender Julius Tandler, der in wissenschaftlichen Arbeiten für die Vernichtung und Zwangssterilisation von „lebensunwertem Leben“ eintrat, kein Ruhmesblatt für die Stadt. Die FPÖ mag man, angesichts der Reaktionen, zu Recht der Unverbesserlichkeit geißeln, aber auch die Volkspartei scheint die antisemitischen Flecken der Parteigeschichte nicht ganz wahr haben zu wollen.

Stefan Weiss

Stefan Weiss | Freier Journalist

Studiert Politikwissenschaft und Kunstgeschichte an der Uni Wien. Er betreibt einen Blog für Politik, Kunst und Kultur und schreibt für verschiedene Print- und Onlinemedien.

stefan.weiss (ät) unimag.at

 

Webseite: stefanweiss.at
 

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