BÜCHERBÖRSE

Vom Uni-Chaos in die FH-Disziplin

Nach zwei Jahren Publizistik-Massenstudium stand für mich fest: Auf ein Neues im weniger turbulenten FH-Leben. Die Aufnahmeprüfung war bestanden und nichts stand einem neuen Anfang im Master mehr im Weg. Fast drei Monate später nun die erste Reflexion.

Der Eindruck am ersten Tag? Das wird stressig.

Schon die ersten neun Stunden waren fix durchgeplant und wir huschten von der Eröffnungsbegrüßung durch den Studiengangsleiter weiter zur IT-Einführung. Fotos für den Studentenausweis wurden gemacht und ich freute mich über die elektronischen Karten, die zugleich Zugang zum Gebäude verschaffen, wie auch Druck- und Kopierkarten sind. Welch ein Fortschritt nach der Uni Wien, bei der wir bis heute noch die alten Pappendeckel haben.

Struktur macht sich breit

Endlich durften wir auch unseren Stundenplan in Empfang nehmen – natürlich elektronisch – und siehe da, dass sah ja alles durchaus machbar aus. Klar, Mittwoch bis Freitag meist ganztägig Uni, dafür aber den Rest der Woche frei. Die Fächer klangen nett, der Optimismus war grenzenlos. Zumindest bis zur zweiten Woche.

Schnell stellte sich das Ganze als bedeutend stressiger heraus als zuerst angenommen. Die FH-Dozenten stehen auf Gruppen- und Hausarbeiten und so standen bald schon 8 Referate auf dem Plan. Auch die 10 Stunden FH an einem Tag hatte ich unterschätzt und spätestens beim dritten Fach um 18 Uhr abends war die Luft raus und es kamen nur noch sinnlose Kritzeleien zustande.

Du schon wieder?

Das Betreuungsverhältnis dagegen ist ein Traum, aber mal ehrlich, so eng wollte ich zu den meisten Profs gar keinen Kontakt haben. Ein gewisses Maß an Sozialität sollte man aber auf jeden Fall daherbringen, denn ansonsten wird die Zeit mit den immer gleichen 30 Personen schnell anstrengend. Wer an der Uni froh ist, nicht jedes Semester dieselben Mitstudenten um sich herum zu haben, ist hier falsch, denn hier ist man eine Klasse – ob man will oder nicht.

Was nie so wirklich nach außen dringt: Es gibt nur eine 2/3-Anwesenheitspflicht an der FH. Das bedeutet, man kann in einem Fach quasi einen ganzen Monat fehlen. Ob das empfehlenswert ist, sei dahingestellt: den Stoff den man da versäumt, holt man meist nicht mehr so leicht auf.

Alumni sollte man sein

Ein riesiger Vorteil der FH ist das Netzwerk, in welchem man sich befindet. Jobangebote bekommt man zugeschickt, ehe sie überhaupt öffentlich ausgeschrieben sind und wer sich ab und an auf die zahlreichen Veranstaltungen gesellt, lernt schnell Kontakte zu knüpfen, die sich als sehr nützlich in der Berufswelt herausstellen können. Auch darf man seine eigenen Mitstudenten nicht unterschätzen, schließlich bringen die meisten bereits Erfahrungen aus Praktika und Berufswelt mit und kennen daher die ein oder andere einflussreiche Person.

Eine Gemeinsamkeit haben jedoch beide Ausbildungsstätten: trinkfest sollte man sein. Und das Nette an der FH ist, dass man auch öfters ein oder zwei Bierchen mit seinen Dozenten trinken kann und so ein wirkliches Verhältnis aufbauen kann. Praktisch wird das vor allem, wenn es um Klausurverschiebungen oder Einreichfristen geht, hier sind die Profs mit deutlich mehr Flexibilität gesegnet als an der Uni.

Wer hat an der Uhr gedreht?

Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte und nochmal vor der Wahl stehen würde, an die FH zu wechseln ich würde es auch jetzt noch tun. Dennoch neigt man dazu, die Anforderungen zu unterschätzen und ist dann leicht überfordert.

Mein persönliches Fazit: Wer auf eine FH geht, gibt schnell mal seine Autonomie her, bekommt dafür aber spezialisiertes, praxisnahes Wissen vorgesetzt. Das Pensum ist jedoch nicht von schlechten Eltern, was im Endeffekt wieder in viel Selbstorganisation endet. Mir persönlich ist die Nähe zu meinen Mitstudenten etwas zu viel und ich bin froh, nebenher noch ein paar Unikurse zu belegen, um die Praxis der FH mit der Wissenschaft und Theorie der Uni zu verbinden. Und letzten Endes die Freiheiten des Unialltags auszukosten, wenn ich mir in der FH mal wieder eingesperrt vorkomme.

Tanja Kling

Ist immer zu haben für guten Lesestoff jeder Art, außer schlechtem Liebesschund, der sie mehr gruselt als jede Horrorszene mit asiatischen Kindern.

Hat einen Fable für Found Footage und schlecht synchronisierte Splatter-Filme, weswegen man sie freitags oft im Midnight Movie antrifft. 

Und für einen Kaffee mit Jack Nicholson würde sie ihr letztes Hemd geben.

 

Tanja Kling | Ressortleiterin Kino, Film & Buch

tanja.kling (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

 

 

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