BÜCHERBÖRSE

Europäische Regielegenden

Europäische Regielegenden (c) Rainer Sturm/pixelio.de

Man könnte meinen, es gibt verschiedene Intensitätsstufen der Filmbeschäftigung. Manche kennen gerade mal Blockbuster, andere kratzen schon ein bisschen tiefer und dann gibt es schon diejenigen, die die großen amerikanischen Filmemacher wie Kubrick oder Scorsese verehren. Aber natürlich kann die Besessenheit noch viel weiter gehen und wer erst einmal nach den Wurzeln der großartigen New Hollywood Ära sucht, wird sich schon bald in der europäischen Filmgeschichte verlieren. 

So ist es auch uns gegangen und wir haben uns daran gemacht, euch zehn der größten Regisseure der europäischen Filmgeschichte vorzustellen. Problematisch sind dabei natürlich solche Filmemacher, wie die emigrierten Ernst Lubitsch und Billy Wilder oder auch der Brite Alfred Hitchcock, die zwar europäischer Herkunft sind, den Großteil ihres Schaffens aber in Amerika verwirkt haben. Deswegen reduzieren wir uns auf jene Regisseure, deren Filmwerk zum Großteil auch tatsächlich in Europa entstand. Und auch die Einschränkung auf bereits Verstorbene erlauben wir uns, um nicht so konträres wie Dreyer und Haneke vergleichen zu müssen. Es reicht schon, 60 bis 70 Jahre Filmgeschichte unter einen Hut zu bringen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und mit selbstverständlich subjektiver Reihung, hier unsere Liste:

10-jacquestati# 10 Jacques Tati
1907 in der Nähe von Paris geboren, begann Jacques Tati seine Filmkarriere in den 30er Jahren als Schauspieler. Als Regisseur wurde er mit seinen nahezu ohne Dialog auskommenden Filmen über den schrulligen Monsieur Hulot bekannt, dessen Rolle Tati auch immer selbst übernahm. Hulot ist ein älterer Mann mit Pfeife, Mantel und Hut, der sich, ähnlich wie ein Chaplins Tramp vor oder Atkinsons Mr. Bean nach ihm, in einer immer moderner und unpersönlicher werdenden Gesellschaft nicht mehr zu Recht findet. Aus den insgesamt vier Hulot-Filmen sticht vor allem „Mein Onkel“ mit seinen absurd futuristischen Sets heraus.
Ansehen!: Die Ferien des Monsieur Hulot (1953), Mein Onkel (1958), Tatis herrliche Zeiten (1967)

9-Sergei Eisenstein# 9 Sergei Eisenstein
Wie gut, dass Sergei Eisensteins Leben und Schaffen bereits lange zurück liegt und die Geschichte des Films mittlerweile problemlos von derer der Politik getrennt werden kann. Ansonsten könnte ein Aufscheinen des 1948 im Alter von 50 Jahren verstorbenen Russen in unserer Liste nämlich kaum vertreten werden. In die Geschichtsbücher hat sich Eisenstein in erster Linie mit „Panzerkreuzer Potemkin“ eingetragen, der wie viele seiner Filme in das Propaganda-Genre einzuordnen sind. Für die Nachwelt wegweisend war er dank der Montage-Theorie, die er gemeinsam mit Lev Kuleshov erarbeitet hat. Die beiden erkannten, dass durch eine geschickte Aneinanderreihung der Bilder Emotionen suggeriert und transportiert werden können.
Ansehen!: Panzerkreuzer Potemkin (1925), Alexander Newski (1938), Iwan der Schreckliche II (1946)

8-Krzysztof Kieslowsky# 8 Krzysztof Kieślowski
Der polnische Regisseur Krzysztof Kieślowski, der 1941 in Warschau geboren wurde und 1996 ebendort starb, hat seine wichtigsten Werke in den späten 80er und frühen 90er Jahre realisiert. Durch das Aufgreifen vermeintlicher Einzelschicksale gelang es ihm, unterstützt mit eleganter Symbolik, Aussagen über die Gesamtgesellschaft zu treffen. Unvergesslich ist „Dekalog“, eine zehnteilige Mini-Serie, die lose auf den zehn Geboten basiert. Die verschiedenen Grundsätze werden anhand von Einzelfällen analysiert und indirekt wieder auf die Gesamtheit zurückgeworfen. Das zweite Hauptwerk Kieślowskis ist die Drei Farben-Trilogie, die sich an den drei Farben der französischen Flagge und den damit verbundenen Werten Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit orientiert.
Ansehen!: Ein kurzer Film über das Töten (1988), Dekalog (1989), Drei Farben: Rot (1994)

7-Federico Fellini#7 Federico Fellini
1950 begann die Regiekarriere der damals 30jährigen italienischen Regielegende Federico Fellini mit der eher unauffälligen Satire „Lichter des Varieté“. In den folgenden Jahren sollte er die Filmwelt aber nachhaltig verändern. Seine mit katholischer Symbolik angefüllte Abrechnung mit den oberen Zehntausend, „Das süße Leben“, führte zur Institutionalisierung seines Titels als Bezeichnung für das Treiben der High Society. Vielleicht sogar noch nachhaltiger ist der wunderschön poetische „Achteinhalb“, in dem Fellini seine eigene Situation auf die Leinwand brachte und seinen Lieblingsschauspieler Marcello Mastroianni als Regisseur auf der Suche nach einer Story für seinen neuen Film inszenierte.
Ansehen!: La strada – Das Lied der Straße (1954), Das süße Leben (1960), Achteinhalb (1963) 

6-Rainer Werner Fassbinder# 6 Rainer Werner Fassbinder
Als exzentrischster und wohl auch bedeutendster Vertreter der neuen deutschen Welle ist Rainer Werner Fassbinder, der 1982 37jährig an einem Drogenmix starb, in Erinnerung geblieben. Zugänglichkeit war beim bayrischen Großmeister nie sehr groß geschrieben. Oft zeichnete er seine Charaktere bewusst unsympathisch und ließ eine Identifikation mit ihnen nur selten zu. Dennoch gelang es ihm aber stets, die Abgründe der menschlichen Seele, sowie die Schwierigkeiten der Einzelperson in einer sich den historischen Umständen anpassenden Gesellschaft genau aufzuzeigen. In etwa 40 Werke verwirklichte der akribische Arbeiter bis zu seinem Ableben. Absolute Highlights sind das Post-Weltkriegs-Drama „Die Ehe der Maria Braun“ und seine Interpretation von Döblins „Berlin Alexanderplatz“, das er in eine 13-teilige Fernsehserie verwandelte.
Ansehen!: Angst essen Seele auf (1973), Die Ehe der Maria Braun (1978), Berlin Alexanderplatz (1979)

5-F W Murnau#5 F. W. Murnau
Zugegeben, der deutsche Stummfilmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau war knapp dran, aufgrund unserer Regelung, nur solche Filmemacher zu nehmen, die den Groß ihrer Arbeit in Europa vollbracht haben, aus unserer Liste gestrichen zu werden. Doch auch wenn seine letzten vier Werke in den U.S.A. verwirklicht wurden, die 18 Filme die er davor in Deutschland gedreht hat, reichen als Ausrede um ihn dennoch hier aufzunehmen. Schließlich wäre es eine Schande gewesen, ihn nicht zu erwähnen. Mit seinen in ihrer malerischen Schönheit unübertreffbaren Filmen wie dem Vampir-Klassiker „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ oder dem größtenteils auf Zwischentitel verzichtenden „Der letzte Mann“ verschuf er sich eine Eintrittskarte ins amerikanische Filmgeschäft. Dort realisierte er gleich zu Beginn sein persönliches Meisterwerk. „Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen“ handelt von einem fast schon getrennten Pärchen, das doch wieder zu sich findet und nach dem Umzug vom Land in die Stadt versucht, sich an das neue Umfeld anzupassen. Auch hier besticht Murnau vor allem durch die einzigartige Bildersprache, die aus einer vermeintlich plumpen Story einen Film zaubert, der selbst über 80 Jahre nach seinem Entstehen noch zum Taschentuchkonsum anregt.
Ansehen!: Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens (1922), Der letzte Mann (1924), Faust – eine deutsche Volkssage (1926), Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen (1927)

4-Franois Truffaut#4 Francois Truffaut
Bei aller Tragik, dass Francois Truffaut vor knapp dreißig Jahren mit gerade einmal 52 Jahren an Krebs starb, muss man doch zumindest froh sein, dass der Franzose noch rechtzeitig sein wahres Talent erkannte. Ursprünglich war er nämlich als Kritiker tätig, war einer der wesentlichsten Autoren des „Cahiers du Cinema“, dem bis heute bedeutendsten Filmmagazin der Weltgeschichte, und setzte sich mit einigen Kollegen daran, die von ihnen so stark kritisierten klassischen Erzählstrukturen in eigenen Filmen zu zerstören. So entstand die „Nouvelle Vague“, ihres Zeichens eine der wichtigsten Strömungen der Filmgeschichte. Schon mit seinem Langfilmdebüt „Sie küßten und sie schlugen ihn“ eroberte Truffaut die Herzen des französischen Publikums für sich. Seine Geschichte des Jungen Antoine Doinel, der nach einigen Streiten und Verfehlungen beiderseits aus seinem Stiefelternhaus flieht und sich daraufhin durchs Leben kämpft, traf damals den Nerv der Zeit. Viele Jahre später besetzte Truffaut seinen damaligen Hauptdarsteller Jean-Pierre Leaud in drei weiteren Filmen als Antoine Doinel und schuf so einen bis heute einzigartigen Filmzyklus. Darüber hinaus brilliert sein Lebenswerk auch mit dem Liebesdreieck „Jules und Jim“, dem wilden „Schießen Sie auf den Pianisten“ oder dem späten Drama „Die Frau nebenan“.
Ansehen!: Sie küßten und sie schlugen ihn (1959), Schießen Sie auf den Pianisten (1960), Jules und Jim (1962), Der Wolfsjunge (1969), Die letzte Metro (1980), Die Frau nebenan (1981)

3-Luis Buuel#3 Luis Buñuel
Ein Mann schleift sein Rasiermesser und blickt in den Abendhimmel. Eine Wolke zieht auf. Die Männerhand setzt mit seinem Messer am Auge einer jungen Frau an. Die Wolke zieht durch den Mond. Im nächsten Bild zieht das Messer durch das Auge, genau wie eben die Wolke durch den Mond. Nur wenige Momente benötigen Salvador Dalí und Luis Buñuel um den Surrealismus 1929 auf der Kinoleinwand zu etablieren. Der dazugehörige Kurzfilm trägt sinnlos, und damit die Zusammenhanglosigkeit des Plots unterstreichend, den Namen „Der andalusische Hund“. Aber der Spanier Buñuel wäre keine Legende geworden, hätte er diesem Geniestreich nicht noch viele weitere folgen lassen. Besonders in Erinnerung bleibt der im wahrsten Sinne des Wortes endlose Versuch zweier Ehepaare, ein gemeinsames Abendessen zu organisieren in „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ oder Catherine Deneuves masochistische Rolle in „Belle de jour – Schöne des Tages“
Ansehen!: Ein andalusischer Hund (1929), Das goldene Zeitalter (1930), Die Vergessenen (1950), Der Würgeengel (1962), Belle de Jour – Schöne des Tages (1967), Der diskrete Charme der Bourgeoisie (1972)

2-Fritz Lang#2 Fritz Lang
Wenn man bei Murnau schon über die U.S.A.-Sache streiten konnte, sind bei Fritz Lang wohl endlose Diskussionen vorprogrammiert. Immerhin hat der gute Mann sein halbes Werk in den vereinigten Staaten geschaffen. Doch am Ende wäre es einfach unfair, ihn nicht reinzunehmen. Seine bedeutendsten Filme hat er ja auch in Deutschland gedreht. An erster Stelle steht für viele hier natürlich „Metropolis“, das mit seinem bahnbrechenden Visuellen selbst moderne Meisterwerke wie „Blade Runner“ inspirierte. Mein persönlicher Favorit ist aber „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“. Wer dieses unverbrauchte Stück Filmgeschichte begutachtet, wird kaum glauben können, dass es heuer seinen 80. Geburtstag feierte. Zu modern wirkt die Bildersprache, zu modern aber auch die Verwendung der damals noch völlig neuartigen Tontechnik. Nicht zu vernachlässigen ist natürlich auch die Dr. Mabuse-Reihe, bei der sowohl die stummen ersten beiden Teile, als auch die bereits in der Tonfilmära realisierten Nachfolger vollends überzeugen können.
Ansehen!: Die Nibelungen Teil 1: Siegfried (1924), Die Nibelungen Teil 2: Kriemhilds Rache (1924), Metropolis (1927), M – Eine Stadt sucht einen Mörder (1931), Das Testament des Dr. Mabuse (1933)

1-Ingmar Bergman#1 Ingmar Bergman
Als der Schwede Ingmar Bergman 2007 verstarb, hinterließ er ein in seiner Geschlossenheit und seiner Qualität nicht nur in der europäischen Filmwelt einzigartiges Gesamtwerk. Seinen ersten Filmen merkt man noch die Herkunft des Theaters an, doch schon bald entwickelte Bergman eine eindeutig ihm zuzuordnende Bildsprache. „Das siebente Siegel“ mit dem berüchtigten Schachspiel des Ritters Antonius Block gegen den Tod, wird dank der symbolisch dargestellten Unentrinnbarkeit vor dem Schicksal wohl noch viele Jahrzehnte lang Cineasten in aller Welt begeistern. „Wilde Erdbeeren“, das sich wie nahezu alle Werke Bergmans um die Themen Tod und Familie kreist, könnte man nur allzu leicht auf den herrlich verstörenden Traum des einsam alternden Isak Borg reduzieren. Doch wie respektlos wäre es diesem Film gegenüber, der ebenso ein unumstrittenes Meisterwerk ist wie viele andere Werke Bergmans. Herausstechend ist auch „Persona“, bei dem der Filmemacher seine beiden Musen Liv Ullmann und Bibi Andersson auf eine Insel schickt, wo sie sich immer näher kommen, bis die Beziehung an ihrer eigenen Nähe zerbricht und die Grenzen zwischen den beiden Frauen immer mehr verwischt werden. Kommunikationsstörungen werden in Form eines zu seiner Zeit kontrovers diskutierten Sexualdramas in „Das Schweigen“ thematisiert. Ein Höhepunkt in Bergmans Filmschaffen ist auch sein persönlicher Kino-Abschied „Fanny und Alexander“, bei dem die beiden titelgebenden Kinder einen Priester als schrecklichen Stiefvater ertragen müssen bevor sie sich in einem Frieden findenden Finale in einer surrealen Welt verlieren.
Ansehen!: Das siebente Siegel (1957), Wilde Erdbeeren (1957), Die Jungfrauenquelle (1959), Das Schweigen (1963), Persona (1966), Schreie und Flüstern (1973), Szenen einer Ehe (1973), Fanny und Alexander (1982)

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

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