BÜCHERBÖRSE

Neue Wohnformen in Österreich: Nesthocker und ihre Folgen

Neue Wohnformen in Österreich: Nesthocker und ihre Folgen Christian Schröder

Immer öfter geistert eine kleine Schauermeldung durch die Medien: In Österreich lebt jeder vierte junge Erwachsene noch bei seinen Eltern; immer mehr Menschen um die Dreißig entscheiden sich freiwillig dafür, zuhause bei ihren Eltern wohnen zu bleiben. Forscher analysieren den Trend mittlerweile und geben dafür immer mehr der Gesellschaft statt den Jugendlichen selbst die Schuld – denn Wohnraum ist teuer und Sicherheit schwer zu erreichen. Gleichzeitig entstehen jedoch immer mehr Wohnungen für Studenten, damit dem Phänomen „Nesthocker“ entgegen gewirkt werden kann.

Die Jugenforscherin Beate Großegger ist in ihrer Publikation „Kinder in der Krise“ dem Phänomen der Nesthocker auf den Grund gegangen. Und hat festgestellt, dass die wenigsten Kinder freiwillig bis ins Erwachsenenalter bei ihren Eltern wohnen bleiben. Stattdessen gibt es für sie oft schlicht keine Alternative: Denn Wohnraum ist in den meisten Universitätsstädten in Österreich unbezahlbar, egal in welcher Form. Außerdem dauert die Ausbildung heutzutage länger und geschieht öfter in unsicheren Verhältnissen, sodass sich die Jugendlichen nicht sicher sein können, ob sie sich langfristig tatsächlich die eigene Wohnung werden leisten können. Da bleibt nur eine Möglichkeit: Das Hotel Mama so lange wie möglich in Anspruch nehmen.

Dass dies mittlerweile immer häufiger geschieht, ist wohl auch auf eine sehr fürsorgliche Elterngeneration zurückzuführen. Die Eltern der Generation Y sind in dem meisten Fällen tolerant und akzeptieren den anderen Lebensstil und die Bedürfnisse ihrer Zöglinge. Wirkliche Einstellungsklüfte gibt es selten in den Familien. Gleichzeitig tandieren die Eltern dazu, ihren Kindern alles ermöglichen zu wollen: Teure Studiengänge, unbezahlte Praktika und Auslandsaufenthalte werden finanziert, damit das Kind später die besten Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat.

Beate Großegger hat ihre Publikation dennoch „Kinder in der Krise“ genannt. Denn laut der Forscherin ist das „Hotel Mama“ nicht der Einstieg in ein erfolgreiches Leben: Wer zu lange bei seinen Eltern wohnen bleibt, lernt es nicht, eigene Entscheidungen zu treffen, Widrigkeiten selbstständig zu meistern und sich in der Gesellschaft durchsetzungsfähig zu zeigen. Selbst bei der bestmöglichen Ausbildung bleiben so wichtige Entwicklungsschritte aus, wenn man zu Hause wohnen bleibt.

Die Forscher sehen den Handlungsbedarf immer mehr bei der Politik und bei den Universitäten selbst: Es muss bezahlbarer Wohnraum für Studierende und junge Menschen in der Ausbildung geschaffen werden. Einige Universitäten reagieren bereits auf den Notstand, indem sie neue Studentenwohnheime bauen lassen. Die Montanuni in der Steiermark reagiert zum Beispiel auf die steigenden Studierendenzahlen mit dem Bau von exklusiven „Students City Lodges“, welche am Standort der Montan Uni fehlen.

Neben Studentenwohnheimen sind Wohngemeinschaften die gängstige Form des preisgünstigen Wohnens in Österreich. Aber auch die eigene Wohnung muss nicht unbedingt ein Traum bleiben; bei einer beharrlichen Suche finden sich auf Portalen wie ImmobilienScout24.at auch kleine Einzimmerwohnungen in größeren Städten. So scheint heutzutage der Schritt des Ausziehens tatsächlich ein großer, unsicherer und schwieriger Schritt zu sein – diesen zu meistern ist aber laut Beate Groeggers Thesen ja bereits ein wichtiger Schritt hin zu einem erfolgreichen Leben.

 

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