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Künstliche Intelligenz gestaltet die reale Welt von heute mit. Durch sie entstehen neue Berufsbilder, andere fallen weg, viele verändern sich. Auch der erste humanoide Roboter aus Österreich wäre ohne KI undenkbar. Ein anderer Trend, der unser Leben verändern könnte, ist dagegen weitgehend frei von der neuen Wundertechnologie.

Ümit Bas will Europa retten. „Ich beschäftige mich schon lange mit dem Thema Robotik. Durch die Weiterentwicklung der KI in den letzten Jahren ist das Thema immer attraktiver geworden für neue Anwendungen“, sagt der Gründer von Iono FlexCo aus Linz, eines im April 2025 gegründeten Startups, das den ersten humanoiden Roboter made in Austria entwickeln will. „Ende des vergangenen Jahres ist mir aufgefallen, dass es in der EU keine wirklichen Startups in diesem Bereich gibt. Der Markt wird von US-amerikanischen und chinesischen Anbietern dominiert. Das war der Zeitpunkt, wo ich gesagt habe: OK, wir machen jetzt die europäische Lösung,“ erzählt Bas, der seinen Bachelor-Abschluss in Software Engineering an der FH Oberösterreich in Hagenberg gemacht hat. „Auch die geopolitischen Diskussionen rund um Elon Musk und Donald Trump haben gezeigt, wie stark die Welt von US-amerikanischen Technologien abhängig ist, das hat uns zusätzlich motiviert, eine europäische Alternative zu entwickeln.“
Bas’ Team besteht – er selbst mit eingerechnet – aus vier Personen. Zwei Softwareingenieure, ein AI Researcher und ein Robotik-Ingenieur arbeiten an der Erschaffung eines humanoiden Roboters, eines Roboters also, dessen Gestalt und Bewegungen dem Menschen nachempfunden sind. „Wir bekommen sehr viele Anfragen von Bewerbern in allen Bereichen. Dass so viele Menschen diese Technologie in Österreich vorantreiben wollen, motiviert uns“, sagt Bas. Das Startup befindet sich in der Pre-Seed-Phase, die als extrem risikoreich gilt, in der viele Projekte schon im Ansatz steckenbleiben und vielen Startups das Geld ausgeht. Doch Interesse von potenziellen Investoren ist offenbar vorhanden. „Wir sind in Gesprächen“, so Bas. Der erste Kunde aus der Automobilbranche sei bereits gewonnen, sagt der Gründer, im Laufe des Oktobers starte man mit diesem ein Pilotprojekt. „Wir fokussieren uns auf Industrieanwendungen mit humanoiden Robotern, insbesondere in der Automobilindustrie“.
Humanoide Roboter in der Fabrik und im Haushalt

Humanoide Roboter sind so etwas wie die Verkörperung von künstlicher Intelligenz. Der Präsident der International Federation of Robotics (IFR), Takayuki Ito, betonte kürzlich, dass physische KI es Robotern ermögliche, in virtuellen Umgebungen zu trainieren und durch Erfahrung statt durch Programmierung zu lernen, was ihre Weiterentwicklung enorm beschleunige. Wie beweglich die menschenähnlichen Blechkameraden schon sind, konnten Beobachter im August bei den World Humanoid Robot Games in Peking live miterleben, wo sie gegeneinander Fußball spielten, Kickboxing-Kämpfe austrugen und um die Wette liefen. Mit einem Haushaltshumanoiden, der für Privatkunden den Geschirrspüler ausräumen und die Wäsche falten soll, macht derweil das deutsche Startup Neura Robotics auf sich aufmerksam. Mitte September stellte die chinesische Ant Group einen humanoiden Roboter vor, der unter anderem als Tour Guide fungieren, Arzneimittel in Apotheken sortieren, medizinische Beratungen leisten oder einfache Küchenarbeiten ausführen kann.
Ohne die atemberaubende Entwicklung von KI hätte es das Startup von Ümit Bas nicht gegeben. Doch zugleich wächst die Angst vor einem möglichen Arbeitsplatzverlust. Vor allem Programmierer machen sich angesichts des Vibe-Coding-Phänomens, bei der man der KI das Coden überlässt, Sorgen. Bei Microsoft und Google werden schon 30 Prozent des hauseigenes Codes von der KI geschrieben, die Entlassungswelle in den Vereinigten Staaten ist in vollem Gange. Laut einer Harvard-Studie stellen Unternehmen in den USA, die generative KI einsetzen, 40 Prozent weniger Junior-Mitarbeiter ein. In Deutschland ist die Zahl der Arbeitslosen, die eine IKT-Tätigkeit anstreben, im Jahr 2024 gegenüber dem Vorjahr um 30 Prozent auf 43.000 gestiegen. Die Arbeitslosenquote beträgt 3,7 Prozent – was freilich immer noch eine niedrige Quote, aber zugleich der höchste Stand seit Erfassung im Jahr 2017 ist. Die Zahl der gemeldeten IT-Stellen sank zudem von 24.000 im Jahr 2022 auf nur noch 16.000 im Jahr 2024. Und in Österreich? Hierzulande wurden von Jahresbeginn bis Juli durchschnittlich 445 offene Stellen für Softwareentwickler pro Monat per Stellenanzeige ausgeschrieben. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es noch 573 Stellen pro Monat, die via Jobanzeige besetzt werden sollten, im Vergleichszeitraum des Jahres 2023 gar 704 – ebenfalls eine klar negative Tendenz also. Dies hat eine Auswertung der Personalmarktforschung Index für UNIMAG ergeben. Nichtsdestotrotz stehen laut der Wirtschaftskammer Österreich 28.000 offenen IT-Stellen nur 18.000 IT-Absolventen in den vergangenen fünf Jahren gegenüber. Sonnig bleiben die Aussichten etwa für Cyber-Security-Spezialisten. Laut Index wurden in Österreich im Jahr 2024 insgesamt 1.983 offene Positionen für Cyber-Security-Spezialisten per Stellenanzeige ausgeschrieben, etwas mehr als 2023 (1.966) und etwas weniger als 2022 (2.042), aber eine 140-prozentige Steigerung im Vergleich zu 2019 (825).
Künstliche Intelligenz als Jobkiller?

Müssen sich Absolventen nun fürchten, dass die KI ihnen die Jobs wegnimmt oder nicht? “Keinesfalls“, meint Bernhard Dieber, Software Development Director bei Dynatrace in Klagenfurt. „Künstliche Intelligenz ist vorrangig ein weiteres Werkzeug, das es uns erlaubt, unsere Aufgaben schneller, effizienter und sicherer zu erledigen. Allerdings ist das dahinterliegende technische Verständnis nach wie vor essenziell, daher wird die menschliche Komponente in diesem Prozess nicht von KI abgelöst. Vielmehr kann uns KI kleinteilige, repetitive und mühsame Arbeitsschritte abnehmen und erlaubt es uns, unseren Fokus auf wichtigere oder kreative Aufgaben zu legen.“ Manche Experten erwarten gar einen gegenteiligen Effekt, dass nämlich durch KI die Zahl der Developer in die Höhe schnellen werde, weil der neu entstehende Code auch von irgendjemanden gepflegt und geprüft werden müsse, und zwar fortwährend.
Bei Dynatrace ist die Kundennachfrage nach Echtzeit-Observability derzeit besonders hoch. Dabei geht es darum, die IT-Systeme eines Unternehmens permanent zu überwachen und Daten zu analysieren – zum Beispiel die Logs von Benutzern, CPU-Auslastung oder Antwortzeiten einer Webseite – um Fehler zügig erkennen und damit letztlich kostspielige Ausfälle vermeiden zu können. Eine Aufgabe, die vor dem Hintergrund der schier unermesslichen Datenmengen bei gleichzeitig wachsenden Anforderungen an Bedeutung gewinnt und die ebenfalls durch künstliche Intelligenz gestützt wird. “Im Berufsleben ist ein hohes Maß an Flexibilität unerlässlich. Es bleibt nach wie vor essenziell, ein Studienfach zu wählen, für das man eine echte Leidenschaft entwickeln kann. Die meisten Berufsfelder unterliegen einem stetigen Wandel und werden zunehmend von technologischen Entwicklungen geprägt“, so Dieber, der an der Universität Klagenfurt Angewandte Informatik studiert und daraufhin an gleicher Stelle seinen Doktortitel in Informationstechnik gemacht hat. „Entscheidend ist daher, die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen zu fördern und sich nicht zu stark auf einen engen Karriere- oder Rollenfokus zu beschränken. Vielmehr sollte der Schwerpunkt darauf liegen, in einem Umfeld tätig zu sein, in dem die eigenen Stärken optimal und gewinnbringend eingesetzt werden können.“ Er selbst habe sich dieses Motto zu Eigen gemacht, immerhin umfasst Diebers Werdegang unterschiedliche Stationen sowohl in der Forschung als auch in der freien Wirtschaft, unter anderem in Führungsfunktionen. „Darüber hinaus habe ich mich in der Personalentwicklung und Ausbildung engagiert und bin als systemischer Coach sowie Erwachsenenbildner mit Schwerpunkt auf Gender und Diversity tätig“, sagt Dieber. „Statt einem bestimmten Jobtitel nachzujagen habe ich immer versucht, Rollen zu finden, in welchen ich meine eigenen Stärken im aktuellen Moment am produktivsten einsetzen kann.“
5G-Broadcast: TV ohne Internet aufs Handy
Der Blick nach links und rechts hilft also. Geschäftspotenziale – sowie mögliche Zukunftsperspektiven – gibt es auch in Bereichen, die noch gar nicht im KI-Schnellzug sitzen und die daher nicht jeder auf dem Schirm hat, im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Beispiel ist nämlich die Vision, TV-Übertragungen oder Radio live via 5G-Technologie auf die Smartphones von Millionen Menschen gleichzeitig zu bringen, ganz ohne Internetverbindung, SIM-Karte oder Handyvertrag. Das Prinzip von 5G-Broadcast: Die Rundfunksender senden ihre Daten einmal und jeder innerhalb der jeweiligen Reichweite kann sie empfangen – wie beim Fernsehen. Die Österreichische Rundfunksender GmbH und Co. KG (ORS) experimentiert schon seit 2019 mit 5G-Broadcast und will die vielversprechende Übertragungstechnik weiter vorantreiben. „Damit 5G-Broadcast massenwirksam werden kann, braucht es Unterstützung durch die Geräteindustrie. Nur wenn Hersteller Smartphones und andere Endgeräte mit entsprechender Empfangstechnik ausstatten, kann der Service tatsächlich bei den Konsumentinnen und Konsumenten ankommen“, sagt Johann Mika, Chief Innovation Officer der ORS Group.
Auch für Absolventinnen und Absolventen könnten sich dadurch neue Möglichkeiten ergeben. „Ingenieur:innen mit Kenntnissen in Funknetzplanung, Signalübertragung und IT-basierter Infrastruktur sind gefragt, um die Netze effizient aufzubauen und zu optimieren“, so Mika und ergänzt: „Da Rundfunk zunehmend IP-basiert wird, sind Fähigkeiten in Softwareentwicklung, Netzwerkmanagement, Virtualisierung und Cloud-Technologien zentral. Auch Kompetenzen in Content-Distribution, Datenaufbereitung und User Experience gewinnen an Bedeutung.“ Im Gegenzug würde klassisches Hardware-Know-how – etwa rein analoge Übertragungstechnik – allmählich an Stellenwert verlieren, da Systeme verstärkt software-definiert und standardisiert betrieben werden. „Für junge Absolvent:innen bedeutet das: Wer technisches Wissen mit einem Verständnis für Medien, Telekommunikation und digitale Plattformen verbindet, findet in diesem Bereich spannende Aufgaben – sowohl bei Netzbetreibern wie der ORS als auch im erweiterten Ökosystem“, so Mika.
Ob die großen Pläne Wirklichkeit werden, ist freilich noch nicht sicher, sondern von mehreren Variablen abhängig. Grundsätzlich mündet bekanntlich nicht jeder Technologie-Trend in lebensverändernde Umwälzungen. Die Blockchain-Technologie etwa, seit Jahren ein Hoffnungsträger, hat mit Ausnahme von Kryptowährungen noch keinen weiteren Anwendungsfall mit Massenappeal vorzuweisen. Auch die virtuelle Welt namens Metaversum, wegen der Mark Zuckerberg Facebook eigens in Meta umbenannt und Milliarden von Dollar verbrannt hat, kennen die meisten bislang nur vom Hörensagen. Ein Top-Trend von heute ist die agentenbasierte KI, bei der man mehrere künstliche Intelligenzen miteinander verbindet und anleitet, wie der Dirigent sein Orchester. Wohl kaum ein Experte, der heute nicht sagen würde, dass wir alle in fünf oder zehn Jahren mit KI-Agenten arbeiten werden. Aber es kann eben auch ganz anders kommen.







