INHALTSVERZEICHNIS
Die Arbeit in der Bauwirtschaft geht auf hohem Niveau weiter – trotz schwieriger gewordener Rahmenbedingungen. Die hoch qualifizierten Bauingenieur:innen werden für praktisch alle Bereiche und Projektphasen gesucht und haben besonders gute Chance, wenn sie schon während des Studiums intensive Praxiserfahrungen sammeln. Dann warten auf sie Aufgaben, bei denen sie die aktuellen Megatrends und die großen Themen der Zukunft mitgestalten können.

Lange hat sich die österreichische Bauindustrie krisenfest gezeigt. 2021, mitten in der Corona-Pandemie, fuhr sie mit einem Umsatzplus von rund 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr sogar Rekordergebnisse ein. Danach wurde es schwieriger für die Branche: Steigende Preise für Baustoffe, explodierende Energiekosten infolge des russischen Kriegs gegen die Ukraine und höhere Zinsen ließen 2022 nur noch ein reales Nullwachstum zu, wie das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) errechnete. Das heißt: Wird aus den höheren Umsätzen des Jahres 2022 die Teuerung herausgerechnet, liegt die Wirtschaftsleistung etwa auf dem Niveau des sehr erfolgreichen Jahres 2021. „Das ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass die Baupreise zum Teil über zehn Prozent gestiegen sind. Wir haben ein starkes Produktionswachstum, nur bleibt real wenig davon über“, erklärte Wifo-Experte Michael Klien gegenüber dem „Standard“. Für 2023 rechnet er mit einer ähnlichen Entwicklung.
Bauwirtschaft sucht Fachkräfte
Dass die Arbeit in der Bauwirtschaft auf hohem Niveau weiterging, zeigen auch die Ergebnisse des „Fachkräfteradars“, einer Umfrage der Wirtschaftskammer Österreich unter mehr als 4.000 österreichischen Betrieben. Hier gaben im vergangenen Jahr 81 Prozent der Unternehmen des Bau- und Baunebengewerbes an, „sehr stark“ oder „eher stark“ von einem Mangel an Fachkräften betroffen zu sein, nur drei Prozent weniger als im Jahr davor.

Einer der begehrten Nachwuchskräfte in der Bauindustrie ist Frederik Saniter. Er studiert Bauingenieurwesen an der Technischen Universität Wien und konnte schon während seines Studiums beim Planungsunternehmen pde Integrale Planung in Wien einsteigen. Der Kontakt kam über das „Talente Programm“ der TU Wien zustande: „Hier bekommen Studierende die Möglichkeit, sich mit Vertreter:innen verschiedener Firmen aus der Baubranche zu unterhalten, Kontakte zu knüpfen und im Rahmen des Programms zwei Praktika zu absolvieren. Mit der pde habe ich mich darauf geeinigt, schon vor dem eigentlichen Praktikum in Teilzeit als Konstrukteur in der Tagwerksplanung einzusteigen, und bin seitdem dort geblieben.“
Bauingenieurwesen breit gefächert
Bauexpert:innen werden für praktisch alle Bereiche und Projektphasen gesucht. Das reicht vom Hochbau, Tiefbau, Spezialtiefbau und Straßenbau über Umwelttechnik, Infrastruktur und Design bis zum Engineering, also der Analyse, Planung und Kontrolle der Realisierung der Projekte – bis zur Inbetriebnahme.

Die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten machten das Bauingenieurwesen auch für Frederik Saniter interessant. „Natürlich reizten mich die guten Berufschancen überall auf der Welt und die Chance, die Umwelt mitgestalten zu können. Dazu kam aber, dass das Bauingenieurwesen einfach sehr breit gefächert ist und ich am Anfang noch nicht genau wusste, was ich machen möchte. Für die meisten klärt sich im Laufe des Bachelor-Studiums allmählich, ob sie sich in Richtung Statiker:in spezialisieren, lieber jeden Tag draußen auf der Baustelle unterwegs sein, ins Management, in die Verkehrsplanung, die Forschung oder doch noch mal in einen anderen Bereich außerhalb der Bauindustrie gehen möchten.“
Digitalisierung auf dem Bau
Die Digitalisierung macht auch vor der oft noch „händischen“ Bauwirtschaft nicht halt. Sicherheit im Umgang mit IT gehört auch rund um den Bau längst zu den selbstverständlichen Kompetenzen, etwa beim Einsatz von CAD-Programmen, Baustellen-Apps, softwaregestützter Gebäudeplanung (Building Information Modeling, BIM) oder 3D-Druck. Expert:innen des Technologieprogramms „Stadt der Zukunft“ des Bundesministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK) gehen davon aus, dass in der Baubranche in den nächsten Jahren die Beschäftigung in Routine- und Hilfsarbeiten tendenziell abnehmen wird. Für die hoch qualifizierten Tätigkeiten von Bauingenieur:innen oder IT-Fachkräften rechnen sie dagegen mit einer weiterhin stabilen oder leicht zunehmenden Nachfrage.
Der Schwerpunkt der pde Integrale Planung, eines Tochterunternehmens des Baukonzerns PORR AG, liegt auf Großprojekten im Hochbau. „Für mich dreht sich im Alltag sehr viel um BIM und die kontinuierliche Abstimmung mit Statiker:innen, Architekt:innen und anderen Konstrukteur:innen. Zeitmanagement spielt auch eine große Rolle, da sich in der Baubranche sehr viel um Abgabetermine dreht und sich am Anfang oft nur schwer einschätzen lässt, wie lange man für eine bestimmte neue Aufgabe braucht“, berichtet Bauingenieur-Student Saniter.
Ressourceneffizientes Green Building
Die Bauwirtschaft muss heute Megatrends wie Mobilität, Nachhaltigkeit und Urbanisierung mitgestalten. Dabei sind zum Beispiel innovative Lösungen für Fragen wie Kühlung und Wärmedämmung gefragt. Ressourceneffizientes „Green Building“ wird bald Standard sein. Auch bei aufwendigen Infrastrukturprojekten geht ohne Bauingenieur:innen nichts. Wenn etwa dem fast 4.900 Kilometer langen Streckennetz der ÖBB weitere Strecken hinzugefügt sollen, muss nicht nur ein Weg für das Schienennetz geschaffen, sondern auch die Energieversorgung gesichert werden. Beim Bau von Kraftwerken oder der Sicherung der Trink- und Abwasserversorgung – oft im kommunalen Sektor – tragen sie zum verantwortungsvollen Umgang mit unseren Ressourcen bei und sind mitverantwortlich für das gesamte Gemeinwesen. Besonders spannend für die jungen Ingenieurinnen und Ingenieure ist, die neuesten Entwicklungen in der Bauwirtschaft hautnah zu erleben und sie gleich mit umzusetzen.
Frederik Saniter kann aus seinem Studium viel theoretisches Wissen in den Bereichen Statik und Bautechnik einbringen: „Von den praktischen Anwendungen, die im Arbeitsalltag relevant sind, habe ich zwar fast alles ‚on the Job‘ gelernt, der Großteil davon baut aber direkt auf den Grundlagen auf, die man in der Uni lernt. Man könnte sagen, in der Uni lernt man, im Job zu lernen.“ Bei seinem Einstieg bei der pde Integrale Planung halfen ihm ein Team, das sich Zeit für den neuen Kollegen nahm, sowie Schulungen für die im Unternehmen verwendete Software. „Ich hatte wahrscheinlich auch etwas Glück, dass unsere größeren Projekte zu dem Zeitpunkt gerade in keiner ‚heißen Phase‘ kurz vor Abgabeterminen waren“, lacht der 24-Jährige.
Projekte planen und koordinieren
Bauingenieur:innen sind verantwortlich für die Planung und Koordinierung von Projekten. Dabei müssen sie nicht nur die technische Umsetzung, sondern auch die finanzielle Kalkulation im Auge behalten. Frederik Saniter war nach seinem Einstieg überrascht, wie unberechenbar große Bauprojekte sind und wie viele Anpassungen und Improvisation der Planungsprozess umfasst. „Im Studium dreht sich immer alles um den Idealfall, aber der tritt natürlich in der Realität so nie ein.“ Denn die Praxis entspricht nicht immer dem, was in der Theorie noch schlüssig klang. Unvorhergesehene Ereignisse sind bei Bauprojekten Alltag. Dann geht es auch schon mal darum, Konfliktmanagement zu beherrschen und Teamfähigkeit zu beweisen, um mögliche Hindernisse schnell gemeinsam überwinden zu können.
Typisch ist in der Baubranche die Arbeit in Projektteams. Neben Fachwissen sind hier Kommunikationsfähigkeit und Einfühlungsvermögen gefragt, denn bautechnische Themen müssen nicht nur Fachleuten, sondern auch Bauherren und Gewerken verständlich vermittelt werden. Soft Skills wie Teamorientierung, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit spielen deshalb eine immer wichtigere Rolle.
Mit Kreativität und technischem Verständnis
Dem angehenden Bauingenieur Saniter gefällt besonders, schon in frühen Phasen an der Planung großer und komplexer Bauprojekte mitarbeiten zu können. „Hier arbeiten die verschiedenen Gewerke wie Architekt:innen, Tragwerksplaner:innen oder Haustechniker:innen Hand in Hand. Es gibt fast jeden Tag irgendwelche neuen Probleme, die man dann mit einer guten Mischung aus Kreativität und technischem Verständnis lösen muss. Besonders beeindruckend finde ich ein Projekt, an dem ich gerade arbeite: Ein riesengroßes neues Produktionszentrum für Elektroautos, das mitten in München gebaut wird.“
Hilfreich ist, schon während des Studiums möglichst viele praktische Erfahrungen in der Bauwirtschaft zu sammeln. Wenn die ins Studium integrierten Praktika dann gleich in eine Anstellung in einem Ingenieurbüro oder Planungsunternehmen münden wie bei Frederik Saniter, ist das fast schon der Idealfall. Die Möglichkeit, sich früh gestaltend einzubringen, sollten Studierende in jedem Fall nutzen. „Als Berufseinsteiger:in wird nicht von dir erwartet, dass du dich mit allen technischen Details auskennst. Das Wichtigste ist am Anfang, immer sofort nachzufragen, wenn etwas unklar ist.“
Heinz Peter Krieger









