Was früher das Abseits beim Fußball war, ist heute die Blockchain: Einem Laien unmöglich zu erklären. Die innovative Technologie galt erst als Wunderwerkzeug, ist aber schnell auf dem Hosenboden der Realität gelandet. Tot ist die Blockchain nicht, ganz im Gegenteil. Vor allem altgediente Organisationen finden Gefallen an der Blockchain. Und sie suchen dafür eine ganz bestimmte Sorte Mitarbeiter.

Die Österreichische Staatsdruckerei hat es schon gegeben, als sich die Wiener noch mit Pferdekutsche und Zylinder durch ihre Stadt bewegten. Im 19. Jahrhundert druckte sie in der Reichshauptstadt Briefmarken – so etwas wie der heiße Scheiß von damals. Längst ist die Staatsdruckerei in der Moderne angekommen. Heute fertigt sie Personalausweise und Reisepässe, beschriftet sie mit Laserstrahlen, macht die Dokumente durch Sicherheitsfarbeffekte oder Mikroschrift fälschungssicher.

„Die Karte nicht im Geldbörserl herumtragen“

Jetzt will die altehrwürdige Institution den nächsten Quantensprung vollziehen. Die chainlock ist eine Plastikkarte im Scheckkartenformat, hergestellt im Hochsicherheitsbereich der Staatsdruckerei, den man nur durch mehrere Sicherheitsschleusen erreicht. Zielgruppe sind Besitzer von Kryptowährungen wie Bitcoins. Sie lassen sich die Karte nach Hause liefern und transferieren ihre Bitcoins darauf. Die digitalen Münzen sind fortan auf der Karte abgespeichert, komplett offline, nicht einmal die versiertesten Hacker der Welt kommen jetzt noch an sie heran.

„Die Karte ist vor allem für langfristige Investitionen geeignet, zum Beispiel für Bitcoin- oder Ether-Holder, die ihre Tokens und Coins für lange Zeit hochsicher verwahren wollen“, erklärt Stefan Vogl, Chief Technology Officer der youniqx Identity AG, die 2017 als digitale Tochter der Österreichischen Staatsdruckerei gegründet wurde. Am besten ist die Karte in einem Bankschließfach aufgehoben oder zuhause in einem Tresor oder an einem anderen sicheren Ort. Denn bei der Karte gilt dieselbe Regel wie bei allem auf der Blockchain: Ist der Private Key futsch, kann der Besitzer nicht mehr auf seine digitalen Werte in der Blockchain zugreifen. „Die Karte sollte also sicher aufbewahrt und nicht im Geldbörserl herumgetragen werden“, empfiehlt Vogl.

Bitcoins sind das bekannteste Anwendungsgebiet der Blockchain. Vereinfacht gesagt besteht die Blockchain aus immer neuen Datenblöcken, die hintereinander gehängt werden. Wie ein fortlaufendes digitales Notizbuch, das aber nicht nur an einem Ort abgelegt wird, auf einem Server etwa oder bei einem Unternehmen. Stattdessen speichern alle beteiligten Akteure die Informationen ab.

Was einmal in der Blockchain steht, steht für immer dort, kann von allen eingesehen, aber nicht mehr rückgängig gemacht werden. Mit der Blockchain soll es möglich werden, Verträge direkt untereinander zu schließen. Das Prinzip ist für Häuserkäufe interessant, für Finanztransaktionen und Versicherungspolicen, für Grundbucheinträge oder Urheberrechte an Musikstücken. Mittelsmänner wie Banken, Immobilienmakler oder Behörden könnten ausgeschaltet werden. Das wäre billiger, schneller, fälschungssicher.

Blockchain: Energiefresser und Geldwäscher

Doch aus dem Wind, den die Blockchain anfangs aufgewirbelt hatte, ist in letzter Zeit ein laues Lüftchen geworden. Zwar könnte der globale Markt an Blockchain-Applikationen laut Gartner-Report von einem Volumen von 1,5 Milliarden Dollar 2018 auf 23,3 Milliarden Dollar im Jahr 2023 wachsen. Gleichzeitig aber geben die IT-Marktforscher zu bedenken, dass „sich innovative Lösungen, die durch die Blockchain unterstützt werden, hauptsächlich in der Experimentierphase befinden“. Speziell Banken und andere Finanzdienstleister hätten Mühe, „Geschäftsmodelle für Blockchain-Lösungen in größerem Maßstab zu entwickeln.“

Für Christian Wolf folgt die Blockchain einfach nur einem altbekannten Muster, dem Hype-Cycle. Demnach ruft jede neue Technologie zunächst überzogene Erwartungen hervor – und rauscht dann, nach dem ersten Realitätsschock, ins Tal der Enttäuschungen hinab. Erst danach könnten mit den gewonnenen Erfahrungen nach und nach produktive Lösungen und Geschäftsmodelle entwickelt werden. Wolf ist Head of Strategic Partnerships & Ecosystems der Raiffeisen Bank International.

Die Wiener experimentieren viel und gerne mit der Blockchain, entwickeln Lösungen für den digitalen Zahlungsverkehr, für die internationale Handelsfinanzierung oder den Handel mit Crypto Assets, also digitalen Wertgegenständen. „Es ist ein Fehler, bestehende Lösungen unbedingt durch die Blockchain ersetzen zu wollen“, sagt Wolf. „Die Blockchain hat aus meiner Sicht die größten Potenziale dort, wo sie zu komplett neuen Anwendungen führt.“

Sie macht sogar kreative Höhenflüge möglich. Den Beweis lieferte das selbsternannte Wiener Crypto-Kollektiv Vron, das hinter dem Projekt „Crypto Wiener“ steckt. Die Crypto Wiener sind bekannte Persönlichkeiten aus der Hauptstadt – von Sigmund Freud bis Toni Polster – die als liebevoll gestaltete Pixel-Männchen auf der Blockchain gespeichert, gesammelt und getauscht werden können. Für die Krypto-Kunst erhielt Vron den Austrian Blockchain Award, der im Frühjahr erstmals vergeben wurde. Ein hübsches Kunst- und Kulturprojekt ohne kommerzielle Hintergedanken, das man einfach mögen muss.

In Wahrheit aber macht es zugleich auf die dunklen Seiten der Blockchain aufmerksam. Denn der Energieverbrauch, den die Generierung von immer mehr Datenblöcken verursacht, ist exorbitant. Experten schätzen, dass die Berechnung eines einzelnen Blocks in einer Bitcoin-Datenkette 10.000 Mal mehr Energie verschlingt als eine stinknormale Kreditkartentransaktion. Wissenschaftler wie Tilman Santarius, Professor für nachhaltige Digitalisierung an der TU Berlin, drängen deshalb darauf, die Blockchain nur für Projekte einzusetzen, in denen es wirtschaftlich und ökologisch Sinn ergibt. Spaß-Projekte wie die Crypto Wiener dürften nicht darunter fallen.

Corona-Comeback für die Blockchain?

Das ist nicht der einzige Nachteil der Blockchain. Juristen berichten vermehrt von Fällen, in denen Kryptowährungen von Kriminellen für ihre Zwecke eingespannt werden. Tatsächlich ist die Bitcoin ein perfektes Vehikel für Geldwäsche. Die Blockchain-Technologie macht es schwer bis unmöglich, die Teilnehmer zu identifizieren.

Auch der Datenschutz ist ein Problem, die Regulierung, die horrenden Entwicklungskosten für Unternehmen. „Der größte Vorteil der Blockchain ist, dass sie unveränderlich ist“, sagt Christian Wolf. „Das kann für manche Anwendungsfälle aber auch ein Nachteil sein.“ Denn nur weil etwas in der Blockchain steht, muss es noch lange nicht der Wahrheit entsprechen.

Trotz aller Rückschläge könnte ausgerechnet die Corona-Pandemie der Blockchain wieder Auftrieb geben. Im März schloss sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit Konzernen wie IBM, Microsoft und Oracle zusammen, um eine Datenplattform zur Bekämpfung des Virus zu entwickeln – basierend auf der Blockchain.

Rückverfolgung von Lieferketten

IBM nutzt die Blockchain bereits, um Lieferketten nachzuverfolgen und transparenter zu machen. Dafür arbeitet der IT-Konzern mit Handelsunternehmen wie Walmart, Nestlé und Carrefour zusammen. Am Ende soll der Verbraucher die Gewissheit haben, dass der Lachs, den er sich gerade in den Einkaufswagen gelegt hat, wirklich aus Norwegen stammt und dass der Kaffee aus Äthiopien wirklich Fairtrade ist.

Dafür benötigen die Unternehmen IT-Fachkräfte, Entwickler und UX-Designer und Blockchain Consultants. „Bei der Entwicklung sind natürlich vor allem Development Skills gefragt“, so Stefan Vogl. „Wenn man als Entwickler gleichzeitig an der Blockchain-Technologie interessiert ist und vielleicht sogar eigene Erfahrung mitbringt, ist das natürlich doppelt wertvoll.“ Aktuell beschäftigt die Digitaltochter der Staatsdruckerei 30 Mitarbeiter.

Entwickler heiß begehrt

Bei der Raiffeisen Bank International sinkt die Zahl der Mitarbeiter seit Jahren, vor allem in den Filialen. Entwickler aber werden nach wie vor gesucht. Christian Wolf stellt Bewerbern gerne eine Frage: Habt ihr selbst schon in Kryptowährungen investiert? „Sobald man eigenes Geld in Crypto investiert, entsteht meist automatisch Interesse an der Technologie. Man möchte ja verstehen, worin man investiert ist und auch wie man sein Geld wieder zurückbekommt“, sagt er augenzwinkernd.

Er selbst habe sich irgendwann auch ein paar Bitcoins gekauft und sie fröhlich hin und hergeschickt. Nur so steige man immer tiefer in das Thema ein, würde mit ständig neuen Fragestellungen und Problemen konfrontiert. Zwar könne „jeder Developer problemlos die technischen Grundlagen der Blockchain lernen,“ so Wolf. Doch die wenigsten hätten echtes Interesse an der Materie, könnten die Zusammenhänge nicht richtig verstehen oder in Kundenbedürfnisse übersetzen.

Sobald man eigenes Geld in Crypto investiert, entsteht meist automatisch Interesse an der Technologie. Foto: (c) eclipse_images – istock.com

„Aufgrund der rasanten technologischen Entwicklung, gibt es nicht DEN Blockchain-Experten. Es ist sehr oft Learning by Doing“, sagt Wolf und ergänzt: „Ich habe festgestellt, dass jene, die sich auch privat mit Blockchain auseinandersetzen bzw. die Bereitschaft haben, sich generell neue Technologien anzusehen, bereits eine der wichtigsten Grundlagen mitbringen: die Neugier.“

Die Raiffeisen Bank kooperiert unter anderem mit der Wirtschaftsuniversität Wien, die für ihre Blockchain-Expertise bekannt ist. Das Institut für Kryptoökonomie an der WU war vor zwei Jahren von Shermin Voshmgir gegründet worden, die in den Medien schon als „Blockchain-Queen“ gefeiert wurde. Bis Anfang des Jahres aufflog, dass sie ihre Dissertation großflächig abgekupfert hatte. Die WU stellte Voshmgir dienstfrei, ihren Doktortitel soll sie verlieren, das Renommee als Blockchain-Queen ist auch futsch.

Ein kurioser Fall: Der Expertin für eine fälschungs- und manipulationssichere Technologie werden wegen einer dreisten Fälschung die Meriten entzogen. Die Blockchain ist eben sehr widersprüchlich – und wird es wohl auch bleiben.

Text: Sebastian Wolking

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