Mensch und Maschine arbeiten immer beherzter zusammen. Technologien, mit denen sie Daten austauschen, Prozesse automatisieren und dabei Ressourcen sparen, sind ein Heilsversprechen für die kriselnde Industrie. Und eine Chance für Absolventen.

© iStockphoto / gorodenkoff

„Der Einsatz von neuen Technologien, die Digitalisierung und das Ausschöpfen der Automatisierungspotenziale ist entscheidend für die Zukunft des Standorts Österreich“, sagte Claudia Plakolm, 29 Jahre alte ÖVP-Staatssekretärin für Digitalisierung, Jugend und Zivildienst, als sie im Juli gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen Accenture eine Studie zu AI und Robotics vorstellte. Ein Produktivitätspotenzial von 80 Millionen Euro schlummere, viele neue Jobs entstünden durch Automatisierung, so das Resümee der Studie. In der Tat scheint ein Produktivitätsschub das zu sein, was die Unternehmen in Österreich jetzt brauchen. Seit dem Ende der Pandemie sind die Lohnstückkosten in Österreich nach einer Analyse der UniCredit Bank Austria um 23 Prozent gestiegen, während der durchschnittliche Anstieg im Euroraum nur 15 Prozent betrug. Gleichzeitig gingen Gewinn und Margen der hiesigen Industrieunternehmen erheblich zurück, deutlicher als in nahezu allen größeren Euroländern. Fazit der Bank: Österreichs Wettbewerbsfähigkeit ist akut gefährdet. Wenn die Unternehmen nur ihre Datenmengen eingehender analysieren und verwerten würden, ihre Maschinen effektiv miteinander vernetzen, ihre Prozesse und Wertschöpfungsketten optimieren, dann — so jedenfalls das Versprechen der smarten Technologien — geht es auch wieder bergauf mit Produktivität und Profiten.

An der Umsetzung arbeitet Klinger Fluid Control, Hersteller von Industriearmaturen und Dichtungen aus Grumpoldskirchen südlich von Wien, mit Hochdruck. Die Einkäufer des Armaturenherstellers sehen seit Kurzem im Sekundentakt auf ihren Bildschirmen, wie sich die Zahl der Sechskantmuttern und anderer Artikel im Lager verändert. Der Live-Überblick hilft, das Lager optimal auszulasten und die Betriebskosten zu senken. Währenddessen verfolgen die Verkäufer von Klinger in Echtzeit, wie pünktlich, teuer und zuverlässig ihre Lieferanten die bestellten Waren anliefern. Verspätet sich ein Lieferant permanent, könnte man ja mal über einen Wechsel nachdenken. Die Daten-Tools entwickelte der Mittelständler gemeinsam mit dem Forschungsinstitut Fraunhofer Austria Research mithilfe von Open-Source-Software. Projektleiter war Alexander Schmid, ein an der TU Wien ausgebildeter Wirtschaftsingenieur, zu dessen Kompetenzen laut seinem Linkedin-Profil unter anderem Prozessverbesserung, Lieferkettenmanagement, schlanke Produktion, Veränderungs- und Projektmanagement sowie SAP zählen. Der bunte Strauß an Kompetenzen zeigt: Digitale Vernetzung ist ein weites Feld, eine Querschnittsaufgabe.

Gerne bemüht wird in diesem Zusammenhang der Begriff der Industrie 5.0, in der die Unternehmen selbstlernende Systeme in den Werkshallen etablieren, mehr Daten austauschen und Prozesse automatisieren, die Zusammenarbeit von Menschen und Maschine verstärken, künstliche Intelligenz und Augmented Reality einsetzen und dabei stets die Nachhaltigkeit im Blick haben. Aber schon die Vorläuferin, die Industrie 4.0, hatte und hat die intelligente Vernetzung von Maschinen und Produktionsprozessen zum Ziel. In der Studie „Intelligent Process Automation 2024“ sagte rund die Hälfte der 360 befragten IT-Entscheider aus Unternehmen in Österreich, Deutschland und der Schweiz, dass sie schon zwischen 100 und 500 Prozesse im Unternehmen automatisiert hätten. Bei rund neun Prozent der Befragten sind es sogar schon mehr als 500 Prozesse, die automatisch ablaufen.

© iStockphoto / abu

Die Leuchttürme der vernetzten Industrie

Führend ist die DACH-Region dabei nicht, Vorreiter ist China. Von den 153 Standorten, die das World Economic Forum zuletzt als Leuchttürme für die vernetzte Industrie definierte, liegen 62 im Reich der Mitte. In Europa stehen demnach 43 superschlaue Fabriken, in Österreich eine einzige: die ultramoderne Smart Factory von Elektronikhersteller Flex in Althofen im Nordosten Kärntens. Die US-Firma stellt im Auftrag bekannter Elektronikkonzerne Leiterplatten und andere elektronische Bauteile her, die zum Beispiel in medizinischen Geräten verbaut werden, in Dialyse- und Beatmungsgeräten oder Infusionspumpen. In der Flex-Fabrik wimmelt es nur so vor Robotern, die Leiterplatten bestücken und Bauteile montieren. Sensoren erfassen permanent Daten, mit denen die Produktion überwacht wird und die von Maschine zu Maschine weitergegeben werden.

Auch Maschinenbauer Andritz treibt die Automatisierung voran. Mit seiner digitalen Plattform Metris können Papier-Fabriken über einen längeren Zeitraum ganz ohne menschliches Zutun Zellstoff und Papier herstellen. Das denglische Fremdwort dafür heißt Lights-out-Factory; eine Fabrik also, in der man das Licht ausschalten kann und alles dennoch wie von Geisterhand weiterläuft. Normalerweise sind in der Zellstoff- und Papierproduktion 15 bis 20 Bediener rund um die Uhr im Einsatz, dazu kommen Produktionsleiter und Werksleiter. Andritz kann ihren Einsatz nun Stufe um Stufe zurückfahren, wie mit einer Gangschaltung: keine Autonomie, Operator-Unterstützung, Teilautonomie, bedingte Autonomie, hohe Autonomie und volle Autonomie. Die Zellulosefabrik von Zellstoffhersteller Eldorado im brasilianischen Três Lagoas hat die Endstufe schon fast erreicht. Nach Andritz-Angaben arbeitet das Werk zu 98 Prozent autonom und gleichzeitig um 18 Prozent produktiver, weil es weniger Energie und Chemikalien benötigt.

© iStockphoto / adventtr

Die smarte Revolution spiegelt sich längst in den Stelleninseraten der Grazer wider. Dort fahndet Andritz nach „Field Service Engineering Specialists für smarte Produkte“ und nach „Industrial Digitalization Engineers“. Aber auch Marketing Manager, Projektmanager oder Produktmanager werden gebraucht. Wie dynamisch die Entwicklung in der Automatisierungstechnik ist, zeigt der Fachkräfte-Index der Personalberatung Hays. Demnach waren in Deutschland im ersten Quartal des Jahres 2015 exakt 572 Positionen für Automatisierungsingenieure ausgeschrieben worden. Im ersten Quartal 2024 waren es 1.852, was einem Anstieg von fast 224 Prozent entspricht und damit den Zuwachs in allen anderen Ingenieurdisziplinen übertrifft. In Österreich führte etwa die TU Wien folgerichtig zum Wintersemester 2022 den neuen Masterstudiengang Automatisierung und Robotische Systeme ein. Er verknüpft Bereiche wie Sensorik, Messtechnik, Aktorik als ein Teilgebiet der Antriebstechnik, Robotik, Elektronik, Echtzeitsysteme, Algorithmik, Regelungstechnik und künstliche Intelligenz miteinander. Jobperspektiven für die Absolventen gibt es laut Studiengangsbeschreibung der TU Wien in Forschung und Entwicklung, als Ingenieur, in Vertrieb, Management und Beratung.

Dass sich das lohnt, davon sind viele überzeugt. Einerseits können vernetzte Technologien den Fachkräftemangel der Unternehmen lindern, andererseits neue Betätigungsfelder für Fachkräfte schaffen, und zwar anspruchsvolle und lukrative Betätigungsfelder. „Menschen tendieren dazu, neue Technologien zu überschätzen. Auf lange Sicht unterschätzen sie jedoch, was Maschinen tatsächlich leisten können. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen in den Prozess aktiv miteinbezogen werden, denn sonst werden sie die Entwicklungen nicht mittragen“, sagte Ingenieurpsychologe Ronald Pommer von der Fachhochschule Oberösterreich Anfang des Jahres bei der Konferenz „Automate Upper Austria“. „Insgesamt wird die Bedeutung von Automatisierung von den Unternehmen erkannt, Produktivität und Wirtschaftlichkeit zu verbessern“, so Thomas Edtmayr von Fraunhofer Austria Research auf derselben Veranstaltung. Zudem wies Edtmayr auf Studienergebnisse zum Einsatz von Robotik in der Industrie hin, nach denen Unternehmen, die bereits Automatisierung umsetzen, mehr Arbeitsplätze schaffen als solche, die das nicht tun.

Wie smarte Städte Technologie nutzen

Es sind indes gar nicht nur die Unternehmen, die Automatisierung für sich nutzen. Mit der richtigen Infrastruktur können auch Städte und Kommunen blitzschnell Informationen über Verkehr, Wetter oder Wasserstand erfassen. So lassen sich Ampelschaltungen in Echtzeit anpassen, damit der Verkehr flüssig fließt und Staus im Keim erstickt werden. Ganz oben im Smart City Index der IMD Business School in Lausanne rangiert Zürich. Die Schweizer erproben zum Beispiel Smart Parking, das Autofahrer schnell zu einem freien Parkplatz in der Stadt leitet. Sensoren auf dem Parkfeld erkennen, ob der Platz frei oder belegt ist, die Daten werden ans Parkleitsystem weitergeleitet und auf einschlägigen Autofahrer-Apps ausgespielt. Smart und simpel ist die Plattform „Züri wie neu“, auf der die Eidgenossen Schäden an der Infrastruktur online melden, seien es Löcher im Straßenbelag, eine tote Taube auf dem Spielplatz oder ein öffentlich abgestellter Pkw, der schon seit Ewigkeiten vor sich hinrostet. Auch installierten die Züricher in einem Pilotprojekt unter dem Stichwort „Erholungsmonitoring“ Infrarotsensoren am Waldesrand, um die Waldbesucher zu zählen und dadurch Entscheidungen darüber zu erleichtern, wie sie Besucherströme lenken, wo sie Bänke oder Feuerstellen errichten.

Nahezu endlos die Möglichkeiten, doch eine Erkenntnis bleibt haften: Daten sind die Rohstoffe der intelligenten Vernetzung; echte Menschen diejenigen, die sie fördern und veredeln. Die smarte Revolution hat gerade erst begonnen.

Spannende Artikel für dich:

Unimag Network
THE FIZZ – Student Housing. Just Better.

Du suchst die passende Unterkunft während deines Studiums oder sammelst gerade erste Berufserfahrungen in Wien? Das bedeutet für viele: Neue Freundschaften, räumliche Unabhängigkeit und die beste Zeit deines Lebens. Um all dies zu verwirklichen, brauchst du natürlich das perfekte Studentenwohnheim! Im THE FIZZ ist für dich garantiert etwas dabei. Denn dich erwartet ein Komplettpaket, welches de...[weiterlesen]

Unimag Network
Wirtschaftsprüfer/in – das ist genau das Richtige für dich!

Die Prüfung der Rechnungslegung und Berichterstattung von Unternehmen steht im Zentrum der Tätigkeiten von Wirtschaftsprüfer/innen. Dabei werden nicht nur Zahlen kontrolliert und verglichen, sondern man taucht tief in die jeweiligen Unternehmen ein, bekommt einen detaillierten Einblick in die Funktionsweisen und lernt alle wichtigen Prozesse kennen – und die Menschen, die hinter den Z...[weiterlesen]

Traineeprogramme
Direkteinstieg oder Traineeprogramm

„Das Traineeprogramm bot mir die Möglichkeit, ein Unternehmen über Jobrotations ganzheitlicher kennenzulernen als bei einem Direkteinstieg in einer Fachabteilung.“ So begründet Marlene Huber, warum sie sich nach ihrem Studium für einen Einstieg als Trainee bei der Erste Group Bank AG entschied und ihre Karriere nicht direkt auf einer festen Position startete. „Außerdem hatte ich Gelegenheit,...[weiterlesen]

Unimag Network
Das große UNI & FH ABC

Die Matura in der Tasche, hinter dir liegt der Sommer deines Lebens und jetzt ist es endlich soweit: Die Uni beginnt. Herzlichen Glückwunsch! Dir stehen ein paar richtig coole Jahre bevor! Um dir den Einstieg etwas zu erleichtern, haben wir den ultimativen Survival-Guide inklusive praktischer Checklisten für dich erstellt. So bist du für jede Situation gerüstet! PS: Auch ältere Semester können hier...[weiterlesen]

UNIMAG in deinen Posteingang?

Gewinnspiele, Karrieretipps, Studentenleben, Festivals uvm,

UNIMAG-Handy
UNIMAG Lap Top