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Wenn man künftigen Generationen das Jahr 2023 erklären will, dann müssen Namen wie Wladimir Putin, König Charles oder Barbie fallen — und natürlich ChatGPT. Der KI-Chatbot schreibt Essays und Liebesbriefe, beantwortet Fragen eloquent und wahrt sogar bei dummer Anmache die Contenance. Auf dem Arbeitsmarkt in Österreich ist die künstliche Intelligenz schon angekommen. Grenzenlose Möglichkeiten scheint Berufseinsteigern aber noch ein anderer Trend zu bieten.

Künstliche Intelligenz, reales Vermögen: Vor fünf Jahren war eine Aktie von Nvidia zeitweise für weniger als 30 Euro zu haben. Im August 2023 betrug ihr Wert mehr als das Fünfzehnfache, umgerechnet fast 470 Euro. Am Börsenkurs des KI-Chip-Herstellers aus Santa Clara in Kalifornien lässt sich die Euphorie rund um künstliche Intelligenz eindrucksvoll ablesen. Schon bald wird unser ganzes Leben vom Frühstückssemmerl bis zur Bettlektüre von künstlicher Schläue durchdrungen sein, glaubt man Trendforschern und anderen Orakeln.
Auch das Geschäftsmodell des Wiener Startups Legitary beruht auf KI. Mit seinen Algorithmen und Modellen prüft es, ob Musikrechte korrekt abgerechnet werden, ob Musiker auch wirklich die Erlöse erhalten, die ihnen zustehen, wenn ihre Songs auf Spotify und Co. gestreamt werden. Häufig kommt es hierbei offenbar zu Unregelmäßigkeiten. Gegründet wurde Legitary, ein Spin-off der TU Wien, 2019 von der Mathematikern Nermina Mumic. „Tatsächlich hatte ich mit der Musikbranche nichts am Hut. Ich habe Technische Mathematik studiert an der TU Wien im Bachelor und im Master“, erzählt Mumic im Gespräch mit dem Branchenportal Austrian Startups. Nach der Uni arbeitete Mumic ein halbes Jahr lang als Unternehmensberaterin, nahm dann einen Forschungsauftrag ihrer Alma Mater zum Thema „Fraud Detection“ an — hier entstand die Idee einer KI-gestützten Rechnungsprüfung für die Musikindustrie. Mumic baute ohne Vorwissen eine App, die sie Labels und Verlagen präsentierte — augenscheinlich ein großer Fortschritt im Vergleich zu den Excel-Sheets, die vielerorts noch mühsam per Hand gepflegt wurden. „Augenkrebs hat man schon bekommen, wenn man sie gesehen hat, aber sie hat funktioniert“, so Mumic über ihre App gegenüber Austrian Startups. Über ihren neuen Arbeitsalltag sagt sie: „Man sitzt schon mal in Jay-Z’s Plattenfirma in New York und trifft da spannende Menschen.“ Ob ihre Geschäftsidee wirklich trägt, möglicherweise gar das Rechnungswesen im Musikbusiness revolutioniert, werden aber erst die kommenden Monate und Jahre zeigen. Investoren gefunden hat Legitary noch keine.
Noch keine Stellenanzeige für Prompt Engineers in Österreich

Potenzial wird KI-Anwendungen überall dort nachgesagt, wo große Daten- und Zahlenmengen verarbeitet werden müssen, so auch in der Verwaltung von Spesenbelegen und Rechnungen in Unternehmen. Das Schweizer Startup Yokoy möchte diesen Prozess mithilfe künstlicher Intelligenz automatisieren. „Die schiere Menge an Belegen macht es Unternehmen schwer, jede Ausgabe im Detail zu prüfen – insbesondere wenn die Anträge von Hand bearbeitet werden“, sagt Mitgründer Thomas Inhelder. „Unsere Erfahrung zeigt, dass sich im Spesenprozess ein Automatisierungsgrad von 80 bis 90 Prozent erreichen lässt. Für Manager bedeutet das eine Entlastung von Routineaufgaben. Sie können sich dann auf die Fälle konzentrieren, die wirklich ihre Urteilskraft erfordern.” Das Startup hat sechs Standorte europaweit, einer davon in Wien am Hamerlingplatz in Schlagweite zur Uni Wien. Seit Juni arbeitet auch die Erste Bank aus Wien mit den Schweizern zusammen, will ihren Kunden in Österreich die KI-Lösung anbieten.
Legitary und Yokoy sind nur zwei Beispiele für Geschäftsideen, die auf künstlicher Intelligenz beruhen — aber genauso auf begeisterungsfähigen, innovativen und tatkräftigen Menschen aus Fleisch und Blut. In den ersten sechs Monaten des Jahres 2023 haben zirka 6.750 Firmen in Österreich rund 44.700 Stellen mit KI-Bezug ausgeschrieben — eine erkennbare Zunahme im Vergleich zu den ersten sechs Monaten des Vorjahres. Damals entfielen 39.700 KI-Stellenangebote auf 6.450 Firmen. Im ersten Halbjahr 2021 waren erst 4.900 Unternehmen auf der Suche und schrieben 24.900 KI-Jobangebote aus. Das zeigt eine exklusive Auswertung der Personalmarktforschung Index Research für UNIMAG. Die Marktforscher werteten dafür 24 Printmedien, 35 Online-Medien, das Stellenportal Arbeitsmarktservice sowie 77.000 Firmenwebseiten aus. Zu Berufen mit KI-Bezug zählen etwa KI-Entwickler, KI-Berater, Robotik-Ingenieure oder Machine-Learning-Experten. Als neues Berufsbild in aller Munde ist der Prompt Engineer oder Prompt Writer. Dieser erstellt Eingabebefehle für ChatGPT und andere KI-Chatbots, die möglichst ausgeklügelt und zielgerichtet sind und im Unternehmen für praktische Anwendungen eingesetzt werden können, beispielsweise im Kundensupport. Prompt Engineers benötigen Sprachgefühl und technisches Verständnis, und sie können scheinbar Unsummen verdienen. Im Netz kursieren Stellenangebote von AI-Firmen aus den USA, die Jahresgehälter von bis zu 375.000 Dollar versprechen. Doch die Wahrheit ist: Im Jahr 2023 hat es in Österreich noch keine einzige Stellenanzeige gegeben, die im Titel nach einem Prompt Engineer oder Prompt Writer Ausschau hielt. In der Schweiz ebensowenig, in Deutschland immerhin 75. Das zeigt die Auswertung von Index Research.
Reale Arbeitsplätze will AT&S schaffen. Am Stammsitz in Leoben baut der Elektronikkonzern aktuell ein Forschungs- und Produktionszentrum für sogenannte Interconnect-Substrate auf. IC-Substrate bestehen aus Silizium, Glasfaser oder Keramik und sind bei der Montage von Mikrochips unentbehrlich. Ohne leistungsfähige Mikrochips, die immense Datenmengen zügig verarbeiten können, wird der Aufbruch ins KI-Zeitalter nicht gelingen. 700 Arbeitsplätze sollen in der Steiermark entstehen, 200 davon sind schon besetzt, viele davon im Qualitätsmanagement und Engineering, oftmals von Spezialisten mit langjähriger Berufs- und Branchenerfahrung in der Mikroelektronik. „Das Recruiting richtet sich aber genauso an Absolventinnen und Absolventen von Fachschulen, Hochschulen und Unis, die mit frischem Wissen aus der Theorie in die Praxis einsteigen können“, sagt Sprecher Gerald Reischl. „Der Mix aus Menschen mit Berufserfahrung und jungem Forschergeist ist bei AT&S sehr gefragt. Viele Studentinnen und Studenten arbeiten bereits mit Hilfe von AT&S-Expertinnen und -Experten an ihren Abschlussarbeiten. Das hilft beim Berufseinstieg enorm.“ Das Ringen um fähige Köpfe ist spürbar. Speziell Studierende technischer Disziplinen können sich ihre Einstiegsjobs mitunter aussuchen, bekommen mehr eindeutige Angebote als die Bachelorette. So sagt beispielsweise auch der Telekommunikations- und Technologiekonzern Kontron, vormals bekannt als S&T, dass „in allen Regionen, in denen die Kontron Gruppe aktiv ist, die Verfügbarkeit von hochqualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern deutlich unter deren Nachfrage liegt und es daher zunehmend schwieriger wird, alle offenen Positionen kurzfristig besetzen zu können.“ Kontron hat Standorte in Linz, Hagenberg und Wien und rekrutiert zuvorderst Elektrotechniker, Maschinenbauer und Informatiker, am liebsten solche, die Embedded Systems nicht erst im Lexikon nachschlagen müssen.

Laut einer Auswertung von Statistik Austria beschäftigen 23 Prozent aller österreichischen Unternehmen IT-Fachkräfte. Im internationalen Vergleich ist das gar nicht so viel, in Dänemark oder Belgien sind es 33 bzw. 34 Prozent. Vor allem in großen Firmen sind viele Positionen vakant. Während über 81 Prozent der österreichischen Unternehmen mit 250 Mitarbeitenden oder mehr IT-Spezialisten im Hause haben, beträgt die Quote bei den kleinen Firmen mit bis zu 49 Beschäftigten gerade einmal knapp 17 Prozent. Insgesamt haben 60 Prozent aller Unternehmen Schwierigkeiten, offene IT-Stellen zu besetzen. Fast genauso viele wollen Maßnahmen ergreifen, um ihren ökologischen Fußabdruck zu verringern, besagt die Umfrage von Statistik Austria. Mit kleinen kosmetischen Korrekturen will sich Anlagenbauer Andritz aus Graz dabei nicht zufriedengeben, sich nach eigener Aussage vielmehr zu „einem der weltweit führenden Industriepartner für den Bau großer Wasserstoffanlagen“ aufschwingen. Der erste Auftrag, der Bau einer Großanlage zur Erzeugung von grünem Wasserstoff in Kristinestad in Finnland, ist unter Dach und Fach. Grüner Wasserstoff wird mithilfe erneuerbarer Energie aus Wind- oder Solarenergie produziert, ist nahezu emissionsfrei, kann Industrie und Verkehr sauberer machen und überdies Europa von Öl und Gas unabhängiger. Dem Rohstoff wird zugetraut, in der laufenden Dekade von der Nebenbühne auf die Main Stage der Energieversorgung zu wechseln. In den Köpfen der Wirtschaftsgranden sorgt er schon für feuchte Träume, ganz ähnlich wie die künstliche Intelligenz.
„Grüner Wasserstoff ist ein sehr trendiges Thema, und wir haben Bewerbungen von vielen hochqualifizierten Bewerbern erhalten, die sehr an unserem Projekt interessiert sind“, sagt Andritz-Sprecherin Susan Trast. „Wir suchen Bewerber mit einem Bachelor- oder Masterabschluss in Bereichen wie Verfahrenstechnik, Automatisierungstechnik, Chemieingenieurwesen, Maschinenbau oder verwandten Bereichen. Studiengänge in der Verfahrenstechnik bieten wesentliche Grundlagen für die Entwicklung von Wasserstoffanlagen. Darüber hinaus bilden Kurse im Projektmanagement wertvolle Fähigkeiten für eine effiziente Projektdurchführung aus.“ Auch die Verbund AG sowie Wien Energie, zwei der größten Versorgungsunternehmen Österreichs, suchen via Stellenanzeigen zahlreiche Wasserstoff-Spezialisten mit einem Abschluss in Fächern wie Technische Chemie, Physik, Verfahrenstechnik, Maschinenbau, Elektrotechnik, Energie- und Umwelttechnik. Erst im Juni hatte die Verbund AG das Tochterunternehmen Verbund Green Hydrogen GmbH gegründet, um ihre Aktivitäten rund um den hoffnungsvollen Rohstoff zu forcieren.
Nach dem Willen der EU-Kommission sollen bis zum Jahr 2030 zehn Millionen Tonnen grüner Wasserstoff in der Union erzeugt werden, um die Industrie und den Verkehr auf grün zu stellen, wenigstens ansatzweise. Auch die Gebrüder Weiss setzen auf Hydrogen. Das Speditionsunternehmen mit Sitz in Lauterach in Vorarlberg fährt Kaffeebohnen seit einiger Zeit mit einem Wasserstoff-Lkw zur Kaffeerösterei. Die Bohnen werden zuerst mit dem Segelschiff aus Südamerika nach Amsterdam gebracht, mit dem Lkw weiter nach Antwerpen befördert und von dort auf der Schiene nach Basel transportiert. In der Schweiz übernimmt der Wasserstoff-Brummi. Die „letzte Meile“ — in der Logistikbranche viel diskutiert und für ihre Tücken berüchtigt – soll dadurch nun emissionsfrei zurückgelegt werden. Nach Angaben von Gebrüder Weiss wird der Wasserstoff von einem Elektrolyseur in der Schweiz mit Hilfe von Wasserkraft produziert, ist dementsprechend auch wirklich grün.

Fahrrad und Bahn vorne, Auto und Flugzeug hinten
Noch besser, man würde die Bohnen hinten auf dem Gepäckträger festschnallen und zur Rösterei radeln. Das Fahrrad und die Füße sind und bleiben die besten und umweltfreundlichsten Fortbewegungsmittel, sagt die TU Wien. In einer Studie hatte das Forschungsteam rund um Günter Emberger vom Institut für Verkehrswissenschaften im Auftrag der ÖBB untersucht, welche Fortbewegungsarten auf lange Sicht zukunftstauglich erscheinen, also wie umweltschonend, sicher, leistungsfähig, alltags- und massentauglich und technologisch ausgereift sie sind. In der Auswertung landeten das Auto und das Flugzeug weit hinten, aber auch moderne Verkehrsmittel wie Drohnen oder futuristische wie die Raserröhre Hyperloop überzeugen nicht. Bessere Noten erhielt die Schifffahrt, allen voran aber die Bahn. „Wir befinden uns mitten in der Renaissance der Eisenbahn und die Zukunft hat für uns längst begonnen“, sagte dazu ÖBB-Vorstandsvorsitzender Andreas Matthä. „Automatisierung, Digitalisierung und die künstliche Intelligenz eröffnen hier ganz neue Perspektiven.“
Tatsächlich dürfte die ökologische Transformation der Wirtschaft, so lange sie wirklich erfolgreich durchgeführt wird, vor allem naturwissenschaftlich ausgerichtete oder ingenieurtechnische Berufe neu entstehen oder an Bedeutung gewinnen lassen. Darauf weist eine Studie vom Arbeitsmarktservice Österreich aus dem März hin. Aber nicht nur technische Experten profitieren von der Energiewende. Förderberater, die Unternehmen dabei helfen, gezielt an nationale oder EU-Fördertöpfe heranzukommen, haben schon heute Hochkonjunktur – entweder intern im Unternehmen oder als externe Berater. Aber wer weiß, vielleicht kann die leidige Aufgabe, Förderanträge und Formulare auszufüllen, alsbald auch ChatGPT übernehmen.
Stellenangebote in Österreich mit KI-Bezug
Stellenangebote in Österreich mit „KI“, „Künstliche Intelligenz“, „AI“ oder „Artificial Intelligence“ im Titel (Erstes Halbjahr 2021 vs. 2022 vs. 2023):
Jan–Jun 2023: 6.743 Firmen, 44.717 Stellenanzeigen, 24.728 Positionen.
Jan–Jun 2022: 6.465 Firmen, 39.716 Stellenanzeigen, 23.940 Positionen.
Jan–Jun 2021: 4.918 Firmen, 24.927 Stellenanzeigen, 15.619 Positionen.
Quelle: Index Research im Auftrag von UNIMAG.









