Lange waren Softwareentwickler:innen unverwundbar. Dann kam die Entlassungswelle, die durch die amerikanische Tech-Branche bis nach Europa schwappte. Nun wirbeln generative KI und Low-Code-Plattformen die Szene durcheinander. Der Beruf steckt in seiner ganz eigenen digitalen Transformation.

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„Österreich ist das Land der ungenutzten Potenziale, denn nur 15 Prozent der heimischen Betriebe setzen KI ein und gerade einmal 8 Prozent GenAI“, sagt Isabel Eichinger, Beraterin bei Accenture Österreich. Im Rahmen einer im Januar 2025 erschienenen Studie hatte die Unternehmensberatung untersucht, wie weit die Digitalisierung in Österreichs Betrieben vorangeschritten ist. Fazit: Es ist noch Luft nach oben. Dass die Potenziale groß sind, zeigt das Beispiel eines österreichischen IT-Dienstleisters, der laut Accenture durch KI-gesteuerte Softwaretests eine Zeitersparnis von 50 bis 60 Prozent bei der Dokumentenerstellung erzielt habe.

KI als Assistent im Entwickler-Alltag

Generative KI kann Texte erstellen, Bilder generieren, Songs komponieren oder eben Programmcode schreiben. Für Softwareentwickler:innen eine verheißungsvolle, vielleicht auch bedrohliche Entwicklung. Schon heute ist es für viele Entwickler:innen Usus, sich von der KI helfen zu lassen. Nur wenige Texteingaben und sie schreibt Code, dokumentiert, testet und überprüft ihn auf Bugs. Mittlerweile gibt es Dutzende KI-Tools, die sich speziell an die Gattung der Programmierer:innen richten, von Clickup über AIxcoder, Cody und Tabnine bis Alphacode. Die intelligenten Helfer versprechen eine höhere Produktivität und Effizienz, schnellere Lernprozesse und eine einfachere Zusammenarbeit mit anderen Teammitgliedern. Die Liste der Segnungen liest sich zu gut, um sie rundherum ignorieren zu können. In der jährlichen Umfrage der Plattform Stackoverflow unter professionellen Softwareentwickler:innen weltweit sagten rund 63 Prozent, dass sie AI-Tools bereits einsetzen. Weitere 13,5 Prozent wollen dies in Zukunft tun.

„In der KI-Entwicklung gibt es aktuell große Fortschritte in diversen Themenfeldern. Wir freuen uns auf wesentliche Erleichterungen in unserem Alltag und gleichzeitig eine Steigerung der Qualität, die mit diesem technologischen Fortschritt einhergehen“, so Julius Spari, Head of Software Development beim Automatisierungsunternehmen Knapp in Hart bei Graz und erklärt: „Wir setzen verstärkt den GitHub Copilot ein. Er wird von vielen Entwicklern gerne verwendet, weil lästige Tipparbeit wie zum Beispiel beim Erstellen von Klassen- und Methodengerüsten sowie Basislogik erspart wird. Vereinfacht gesagt nutzen wir KI bei der Generierung von Boilerplate-Code. Die Programmlogik selbst wird vom Entwickler selbst erstellt.“

Kampf zwischen KI und Low Code

Künstliche Intelligenz hat sich auf der Agenda vieler Unternehmen ganz nach oben katapultiert — und droht damit einen Trendsetter der vergangenen Jahre aus dem Feld zu schlagen. Denn schon vor dem Erscheinen von ChatGPT und Co. haben Low-Code-Plattformen in der Branche für Furore gesorgt. Dabei handelt es sich um Applikationen, die das Programmieren mithilfe grafischer Tools zu einem vermeintlichen Kinderspiel machen — eine Art „Malen nach Zahlen“ für die Softwareentwicklung. Populäre Low-Code-Plattformen sind beispielsweise Outsystems, Mendix, Appian oder Microsoft Power Apps. Noch einen Schritt weiter gehen No-Code-Anwendungen, mit denen selbst Laien ohne Vorerfahrung Code schreiben können, so die Versprechung. Die Zielsetzung ist also die gleiche wie bei generativer KI, nämlich die Programmierung von einem Profi- in einen Amateursport zu verwandeln. Man könnte auch von der Demokratisierung der Softwareentwicklung sprechen. Die IT-Marktforscher von Gartner etwa prognostizierten letztes Jahr, dass in diesem bereits 70 Prozent aller neuen Softwareanwendungen auf Low Code und No Code basieren werden.

Gleichzeitig gerät Low Code durch die KI unter Druck. Warum überhaupt noch durch die Low-Code-Plattformen navigieren, argumentieren manche Experten, wenn man sich von der KI gleich den gesamten Code servieren lassen kann? Low-Code sterbe aus, so ein gängiges Credo, seinen Platz nähmen generative KI-Tools ein. Wenn die künstliche Intelligenz nur nicht so fehleranfällig wäre. Einer Analyse des australischen IT-Wissenschaftlers Hammond Pearce zufolge wiesen rund 40 Prozent aller Programme, die mit dem GitHub Copilot erstellt wurden, Sicherheitslücken auf, welche von Angreifern ausgenutzt werden könnten. Ein Experiment des Stanford-Forschers Neil Perry mit 47 Teilnehmenden kam wiederum zu dem Schluss, dass diejenigen, die Zugriff auf AI-Assistenten hatten, erheblich unsichereren Code schrieben als die Versuchskaninchen, die keinen KI-Zugang hatten. Weitere Studien zeigten, dass KI die Entwickler oftmals zur Nachlässigkeit animiere, diese dann zum unreflektierten Copy and Pasten neigen. Vor dem Hintergrund, dass in den vergangenen 30 Jahren alleine mehr als 20 verschiedene Versionen der Programmiersprache Java veröffentlicht wurden, ist das problematisch. Denn jede Version führt neue Features ein, macht andere im Gegenzug obsolet. Da die KI aber teilweise auf alten Datensätzen trainiert wird, lässt sie womöglich aktuelle Entwicklungen außer Acht und gibt veraltete Vorschläge ab. Oder sie halluziniert vollständig, erfindet also Inhalte oder reimt plausibel klingenden Unsinn zusammen.

Wenn künstliche Intelligenz mehr Arbeit verursacht als abnimmt

In der Umfrage von Stackoverflow sagten dann auch zwei Drittel der Softwareentwickler:innen, dass sie den Antworten oder Lösungsvorschlägen der KI nicht trauen würden. Ebensoviele bemängelten, dass die künstliche Intelligenz den Kontext, die interne Architektur oder das Firmenwissen nicht kenne und daher kaum die bestmögliche Lösung vorschlagen könne. Immerhin jeder achte Befragte war der Meinung, dass KI-Tools letztlich mehr Arbeit verursachen als abnehmen. Und dass die KI in der Lage sei, komplexe Aufgaben zu lösen, glaubten gerade einmal drei Prozent. Trotz aller Defizite aber stehen rund 72 Prozent der Entwickler:innen dem KI-Einsatz in ihrem Job positiv gegenüber, wenngleich dieser Wert im Vorjahr noch bei 77 Prozent gelegen hatte — ein Ausdruck von zunehmender Ernüchterung?

Eine Ablösung von menschlichen durch künstliche Mitarbeitende indes droht eher nicht. Dass KI-Tools Entwickler:innen ihre Jobs kosten könnten, glauben laut Stackoverflow-Umfrage nur zwölf Prozent der Befragten. Und auch wenn in einer Bitkom-Erhebung immerhin fünf Prozent der Unternehmen in Deutschland angaben, mit KI Personalengpässe überbrücken zu wollen, meint Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder: „Künstliche Intelligenz kann eine IT-Abteilung nicht ersetzen. KI kann aber IT-Fachkräfte bei den unterschiedlichsten Aufgaben unterstützen und zum Beispiel bei Problemen und Fragen aus dem Team oft ebenso gute Unterstützung bieten wie ein menschlicher Support.“

Offene Stellen für Developer gehen zurück

In Österreich fehlen nach Berechnungen des Fachverbands UBIT 28.000 IT-Fachkräfte. Erst jedes fünfte Unternehmen beschäftigt laut Statistik Austria überhaupt welche. Je größer das Unternehmen, desto wahrscheinlicher, dass IT-Leute auf der Lohnliste stehen. In vielen kleineren Firmen dagegen sind die Computerfachleute noch Exoten. „Zwei von drei Unternehmen, die einschlägiges Personal suchen, haben Schwierigkeiten beim IT-Recruiting. Es gibt zu wenige Bewerbungen und Defizite bei Berufserfahrung oder Qualifikation“, so Tobias Thomas, Generaldirektor von Statistik Austria.

Doch völlig problemlos ist die Jobsuche nicht mehr. Im Jahresdurchschnitt 2024 gab es laut Statistik Austria quer durch alle Berufe insgesamt 173.800 offene Stellen in Österreich, 32.600 weniger als im Vorjahr und sogar 56.600 weniger als 2022. Softwareentwickler:innen bleiben davon nicht unberührt. Laut einer exklusiven Auswertung des Personalmarktforschungsinstituts Index Research für UNIMAG wurden im Januar 2025 in Österreich Stellenanzeigen für 485 offene Stellen für Softwareentwickler:innen geschaltet. Deutlich weniger als im Januar 2024, als 530 offene Stellen ausgeschrieben wurden. Im Januar 2023 sollten sogar noch 804 Positionen per Stellenanzeigen besetzt werden. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 6.286 Developer-Stellen zur Fahndung ausgeschrieben, nach 7.808 im Jahr 2023. Gelegentlich suchen die Unternehmen auch explizit nach Low-Code-Developern. Programmiersprachen beherrschen sollten diese aber auch. So steht es in nahezu allen Stellenanzeigen. Als Fazit bleibt: KI und Low Code können helfen, aber professionelle Programmierer:innen noch lange nicht ersetzen.

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