Von den einen werden Betriebswirte als Schnösel mit Gelfrisur angefeindet, von den anderen als Leistungsträger geadelt. Dabei mündet das BWL-Studium nicht automatisch in die ganz große Karriere. Nicht mal ein fester Job ist Betriebswirten sicher. Es sei denn, sie stellen sich schon im Studium gut auf.

Nicht immer werden die Entscheidungen getroffen, die dem Unternehmen den größten Nutzen versprechen. Das schrieb Herbert A. Simon schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg 1947 in „Administrative Behavior“. Das Werk ist ein Klassiker der Betriebswirtschaftslehre, der US-Amerikaner Simon Wirtschafts-Nobelpreisträger. „Jedes Verhalten beinhaltet die bewusste oder unbewusste Selektion bestimmter Handlungen aus all dem, was dem Akteur und den Personen, auf die er Einfluss und Autorität ausübt, physisch möglich ist“, heißt es in dem Klassiker hochkompliziert. Den meisten Studienanfängern wiederum fällt die Entscheidung, den Klassiker BWL auszuwählen, ganz leicht.

Fast 35.000 Menschen hatten im Studienjahr 2016/17 ihr Studium an einer öffentlichen Universität in Österreich abgeschlossen. Neuere Zahlen liegen noch nicht vor. Rund 8.500 von ihnen absolvierten ein Studium der Geisteswissenschaften. Auf Rang zwei der Beliebtheitsskala folgten schon die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften mit knapp 6.400 Absolventen. In diese Kategorie fallen das Fach Betriebswirtschaft, aber auch andere wie Volkswirtschaft, Wirtschaftspädagogik, Soziologie oder Statistik. Dazu kommen noch einmal rund 5.700 Wirtschaftswissenschaftler, die eine Fachhochschule besucht haben.

„BWL-Prekariat, das überflüssig wird“

Wohin nun mit all den Betriebswirten? Zweifel über ihre Verwendung sind angebracht. 2016 schrieb der deutsche Journalist Axel Gloger ein Buch mit dem denkwürdigen Titel „Betriebswirtschaftsleere – Wem nützt BWL noch?“. Seine Fundamentalkritik richtete sich gegen stumpfes Auswendiglernen und praxisfernes Pauken, das in der BWL an der Tagesordnung sei. „Wir züchten akademische Sachbearbeiter heran, nicht Lösungsfinder für unsichere Zeiten“, sagte Gloger damals in einem Interview mit der Wirtschaftswoche. Wie man Muster erkenne und Sachverhalte richtig einordne, das lerne man als BWL-Student nicht.

„Wir züchten uns ein BWL-Prekariat heran, das in der nächsten Dekade seiner eigenen Überflüssigkeit in die Augen sehen wird,“ so sein vernichtendes Urteil. Ob man im Unternehmen erfolgreich sei oder nicht, hänge von vielen Parametern ab, so das Credo, aber ganz bestimmt nicht davon, ob man Betriebswirtschaft studiert habe oder nicht. Gloger, der 2018 an den Folgen einer schweren Erkrankung starb, zog jahrelang als Kreuzritter gegen die BWL ins Feld. Seine Kritik ist noch immer aktuell. Sie könnte in Kürze aus dem theoretischen Seminar in den Praxistest überführt werden – nämlich dann, wenn die Konjunktur weiter zusammensinkt. Stimmt es also – ist die Betriebswirtschaft am Ende?

In seinem Qualifikations-Barometer zeichnet das Arbeitsmarktservice Österreich (AMS) Trends auf. Auf der Liste der Top-Berufe mit günstiger Prognose stehen Medieninformatiker und Software-Entwickler, Biotechnologen und Piloten, Elektrotechniker und Maschinenbauer (Stand: Juni 2019). Typische BWL-Berufe sucht man vergebens. Die deutsche Bundesagentur für Arbeit wiederum listete zuletzt in ihrer Fächkräfteengpassanalyse mehrere Dutzende Mangelberufe auf. Demnach werden vielerorts Pharmazeuten und Kinderärzte verzweifelt gesucht, Software-Entwickler und Mechatroniker, Altenpfleger und Klempner, Fahrlehrer und Hörgeräteakustiker. Der einzige Beruf auf der ellenlangen Liste, den typischerweise Betriebswirte ergreifen, ist der des Steuerberaters. Zu groß ist scheinbar der Nachschub an Betriebswirten für die Unternehmen.

Auf der anderen Seite nehmen sie auf dem Arbeitsmarkt einen immer größeren Raum ein. Gab es in Deutschland 2008 noch 1,13 Millionen Beschäftigte mit WiWi-Abschluss, waren es 2017 schon 1,78 Millionen. Auch in Übersee ist Business-Knowhow gefragt. So gibt das US-Arbeitgeberbewertungsportal Glassdoor jedes Jahr eine Liste der vermeintlich „besten Jobs in Amerika“ heraus. Unter den Top Ten für 2019 befinden sich drei Berufe, die man zur Domäne von Betriebswirten zählen darf: den Marketing Manager, den Produktmanager und den HR-Manager. Mit einem Mediangehalt, das laut Glassdoor bei 115.000 Dollar (umgerechnet ca. 103.500 Euro, Stand: August 2019) im Jahr liegt, ist vor allem der Produktmanager ein Top-Verdiener in den Vereinigten Staaten.

So vielseitig wie ein Schweizer Taschenmesser

Der große Vorteil von Betriebswirten ist ihre Vielseitigkeit. Jobs stehen ihnen in nahezu allen Branchen und Bereichen offen. Sie arbeiten als Unternehmensberater und Wirtschaftsprüfer, im Management und Marketing, in Rechnungswesen und Vertrieb, als Personaler und Steuerberater. Auch bewegen sie sich längst nicht mehr nur in elitären Kreisen – den Großkonzernen –, sondern werden vermehrt von kleinen und mittleren Unternehmen angeworben. Wichtig ist eine clevere Spezialisierung im Masterstudium. Beispiel Tirol: Wer die Basis mit einem Bachelor gelegt hat, kann an der Universität Innsbruck aus sechs Masterfächern wählen. Für angehende Manager bietet sich Strategisches Management an, IT-affine Techniker wissen Wirtschaftsinformatik zu schätzen. Wer mit einer Karriere als Wirtschaftsprüfer, Steuerberater oder Controller liebäugelt, ist bei „Accounting, Auditing and Taxation“ gut aufgehoben. Dann gibt es noch die Masterfächer Banking and Finance, Wirtschaftspädagogik und Organization Studies.

Auf dem Wiener Welthandelsplatz sind die Möglichkeiten zur Spezialisierung sogar noch größer. Die Wirtschaftsuniversität Wien hat 15 Masterprogramme für Bachelor-Absolventen im Programm. Da gibt es Wirtschaftsrecht und Marketing, International Management und Supply Chain Management. An der WU spricht man Englisch. In sieben Master-Fächern ist die Amtssprache deutsch, in acht dagegen Englisch. International aufgestellt ist die Betriebswirtschaft schon länger, das ist ein Markenzeichen des Fachs. Immer mehr Joint-Degree- und Double-Degree-Programme machen Appetit auf eine internationale Karriere.

WU-Wien

Ein anderer Trend ist die zunehmende Interdisziplinarität. Vielleicht ist die Verknüpfung mit anderen Fächern genau das Gegengift zum stupiden Bulimie-Lernen, das Kritiker beklagen. Ein Paradebeispiel ist der Masterstudien-
gang „Philosophy and Economics“, der an der Uni Wien im Wintersemester 2019/20 startet und keine reinen Zahlenmenschen, sondern gleichzeitig Denker heranzüchten will. An der Uni Salzburg hat man das Duo sogar zu einem Trio erweitert: „Philosophie, Politik und Ökonomie“, in Klagenfurt gibt es die Bachelor-Kombination „Wirtschaft und Recht“.

Erst Student, dann Star

Der Blick über den Tellerrand ist es, der bei den Unternehmen gut ankommt. „So ist etwa die Kombination von wirtschaftlichen und technischen Kenntnissen in der Industrie kontinuierlich stark nachgefragt, ähnlich wie die Kombination von Betriebswirtschaft und Rechtswissenschaften, zum Beispiel im Wirtschaftstreuhandswesen“, schreibt das AMS in einer Analyse zu den Jobchancen für Betriebswirte. Auch Big Data werde in den Unternehmen zu einem Faktor. Smarte Datenauswertung kann das Marketing, den Verkauf oder das Personalwesen effizienter machen. Wer also analytisch gut aufgestellt ist und IT-Tools bedienen kann, sollte als Betriebswirt in seiner Bewerbung darauf hinweisen.

Das Fazit muss also lauten: Ja, natürlich haben Betriebswirte eine Zukunft. Auf dem Arbeitsmarkt sind sie begehrter denn je. Sogar zum Medienstar kann man es als Wirtschaftswissenschaftler bringen. Für US-Ökonomen wie Paul Krugmann oder Joseph Stiglitz etwa ist in Blättern wie der New York Times immer eine Kommentarspalte frei. Mathematiker, Theologen oder Chemiker sucht man dort meist vergeblich.

Gute Aussichten für Steuerberater und Wirtschaftsprüfer

Richtig ist, dass Steuerberater und Wirtschaftsprüfer keine Zahlenallergie haben dürfen. Sie müssen aber zugleich gute Kommunikatoren sein. Das unterschätzen viele. Da sind auf der einen Seite die Klienten, auf der anderen Seite die Ansprechpartner in den Finanzverwaltungen. Mit denen müssen sie zusammenarbeiten und Kontakt halten, Informationen anfordern, verarbeiten, weitergeben.

Immerhin füllen Steuerberater und Wirtschaftsprüfer für ihre Klienten nicht nur die Anlagen der Steuererklärung aus oder erstellen den Jahresabschluss. Sie kommen vermehrt ins Spiel, wenn es um Themen wie Management, Compliance oder Strategieentwicklung geht. Dazu trägt auch das Wirtschaftstreuhandberufsgesetz bei, das 2017 im Nationalrat beschlossen wurde und ihnen mehr Befugnisse gegeben hat. „Im langfristigen Vergleich zeigt sich, dass die Wirtschaftstreuhänder auch in konjunkturschwachen Perioden gewachsen sind“, schreibt die Unicredit Bank Austria in einem Branchenbericht. Seit Mitte der 90er Jahre habe sich ihre Zahl in Österreich verdoppelt. „Hintergrund davon ist nicht nur die Tatsache, dass Jahresabschlüsse immer geprüft werden müssen. Zudem profitiert die Branche vom wachsenden Konkurrenzdruck und den möglichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Unternehmen in anderen Sektoren, Entwicklungen, die grundsätzlich einen erhöhten Beratungsaufwand und sehr oft größere Umstrukturierungsmaßnahmen nach sich ziehen.“

Innerhalb der Branche wächst der Vorsprung der „Big Four“. Nach Angaben der Bank Austria verbuchte das Top-Quartett 2017/18 schon fast 20 Prozent des gesamten Branchenumsatzes. KPMG kam auf 221 Millionen Euro, Deloitte auf 170 Millionen Euro, PwC setzte 146 Millionen Euro um und Ernst & Young 143 Millionen Euro. Studiengänge mit Schwerpunkt auf Finanz- und Rechnungswesen legen die Basis für eine Karriere als Wirtschaftstreuhänder. Und die ist – bis auf Weiteres – vielversprechend. „Die Branche wird zumindest in nächster Zukunft von nachhaltigen Nachfrageeinbußen verschont bleiben“, prophezeit die Bank Austria.

Text: Sebastian Wolking
Foto: (c) dinkaspell – istock.com

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