Die Welt dreht sich immer schneller. Das hat auch Auswirkungen auf die Vorlieben von Österreichs Wirtschaftswissenschaftlern. Laut Trendence Graduate Barometer können Unternehmen, die mit einer internationalen Ausrichtung werben, immer weniger punkten. Heimische Arbeitgeber liegen dagegen im Trend. Sogar die Fußball-WM hatte Auswirkungen auf die Beliebtheitsrangliste.

„Die Arbeitgeberwahl wird politisch“, sagt Bernhard Vierhaus, Country Manager Austria vom Beratungsunternehmen Trendence. Das habe ihn beim Blick auf die Befragungsbögen am meisten überrascht. Bei den Studenten, die sich für den Öffentlichen Sektor entscheiden, gehe die Präferenz „klar weg von europäischen, hin zu nationalen Institutionen“, so Vierhaus. „Die politische Stimmung scheint eine Rolle zu spielen.“

Tatsächlich legen die österreichischen Wirtschaftswissenschaftler laut Trendence-Barometer heuer weniger Wert auf ein internationales Umfeld als noch vor einem Jahr. 64,9 Prozent der Befragten ist dies wichtig, nur zwei der insgesamt 19 abgefragten Attribute waren für sie noch unbedeutender („Corporate Social Responsibility“ sowie „Status und Prestige“). 2017 hatten noch 68,5 Prozent gesagt, ihnen sei ein internationales Umfeld wichtig. Vor allem die krisengeschüttelte EU-Kommission verliert in der Gunst der Absolventen. Im vergangenen Jahr war sie noch beliebtester Arbeitgeber der Wirtschaftswissenschaftler im Öffentlichen Sektor, jetzt steht sie nur noch auf Rang drei – hinter dem Außenministerium und der Wirtschaftskammer Österreich.

Wichtigkeit von Corporate Social Responsibility im Abwertstrend

Noch größere Verluste gab es für das, was man neudeutsch unter Corporate Social Responsibility zusammenfasst. Wenn ein Arbeitgeber etwa auf ressourcenschonende Produktion oder faire Arbeitsbedingungen achtet. 63,7 Prozent der Wirt­schaft­ler in Österreich erwarten von ihrem künftigen Arbeitgeber ein ausgeprägtes soziales Gewissen – 3,9 Prozent weniger als vor einem Jahr. International geht der Trend in die andere Richtung, wenn man der Millennial Survey 2018 des Beratungsunternehmens Deloitte folgt. „Millennials erwarten sich von den Unternehmen, dass soziale Themen eine zentrale Rolle einnehmen“, so Elisa Aichinger, Senior Managerin bei Deloitte Österreich. „Beim eigenen Arbeitgeber steht aber laut den meisten Befragten die Gewinnmaximierung an erster Stelle.“ Dafür hatte Deloitte über 10.000 Millennials in 36 Ländern befragt – Österreich war jedoch nicht darunter.

Adidas: Fußball-WM bringt Punkte

Und dennoch: Es scheint fast so, als könnten Unternehmen mit den Buzzwords aus dem Marketing-Baukasten immer weniger punkten. So verlor auch der Punkt „Diversity und Chancengleichheit“ an Stellenwert, dieser war den österreichischen Absolventen weniger wichtig als noch vor einem Jahr. Ausgesprochen vielfältig ist dagegen das Popularitätsranking der Arbeitgeber. Am liebsten würden Österreichs Wirt­schaft­ler weiterhin bei Energy-Drink-Hersteller Red Bull anheuern, Autobauer BMW und Internet-Gigant Google komplettieren das Stockerl. In den Top Ten finden Konsumgüterhersteller, Automobil- und Technologiekonzerne, Fluggesellschaften, Banken und Behörden Platz. Österreichische Unternehmen, US-amerikanische und deutsche.
Zu Letzteren zählt Adidas, auf Platz fünf ein Aufsteiger in der diesjährigen Trendence-Rangliste. Das Sportartikelunternehmen nannten 6,7 Prozent der Absolventen als Wunscharbeitgeber – zwei Prozent mehr als im Vorjahr.

Die Fußballweltmeisterschaft trug ihren Teil dazu bei, dass Adidas als Produktmarke und auch als Arbeitgeber stärker ins Bewusstsein rückte, glaubt Bernhard Vierhaus. Als großer Marketing-Triumph entpuppte sich die WM 2018 hinterher allerdings nicht.  Von den Halbfinalisten spielten nur die Roten Teufel aus Belgien in drei Streifen. Frankreich, Kroatien und England liefen in Nike-Uniformen auf. Bei der WM 2014 hatte es mit Deutschland gegen Argentinien noch ein reines Adidas-Finale gegeben.

Keine großen Unterschiede bei Absolventen und Absolventinnen

Neun Prozent der männlichen Wirtschaftswissenschaftler würden gerne bei Adidas anfangen. Damit zählt die Sportartikelfirma zu den Unternehmen, die eher Männer als Frauen ansprechen. Dazu zählen auch Apple und die Boston Consulting Group. Frauen bevorzugen laut Ranking L’Oréal, Swarovski und den ORF als Arbeitgeber. Bei L’Oréal sind schon 69 Prozent aller Beschäftigten weltweit weiblich, auch in Österreich. „Unser Produktportfolio bedingt naturgemäß eine überdurchschnittliche Attraktivität für Frauen, aber wir sind durchaus auch für männliche Zielgruppen interessant“, sagt Sprecherin Alexandra Pifl von L’Oréal. „So haben wir etwa in Campus-Veranstaltungen einen verstärkten Fokus auf Business- statt Marketing-Themen.“ Dennoch ist die Kosmetikfirma 2018 erstmals aus den Top 20 der Trendence-Rangliste gefallen.

Die ganz großen Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es im Übrigen gar nicht. Die drei beliebtesten Arbeitgeber sind – sowohl für Frauen als auch für Männer – Red Bull, BMW und Google.

Banken und Medien: „Den Trend verschlafen“

Die beliebteste Branche unter Wirtschaftswissenschaftlern bleibt die Consulting-Branche. 17,6 Prozent aller Wirtschaftswissenschaftler würden sich ihr gerne anschließen, das ist der unbestrittene Top-Wert. Noch populärer ist die Branche bei den Absolventen, die Trendence als sogenannte Digitals definiert. „Digitals sind leistungsbereiter, belastbarer, flexibler und zuverlässiger als ihre Kommilitonen und bringen darüber hinaus auch mehr soziale Kompetenzen mit“, meint Vierhaus. Mit Digitals meint er aber nicht einfach Digital Natives, die mit Smartphone und Facebook großgeworden sind. Trendence hat dafür einen eigenen Katalog entwickelt, der insgesamt 18 Kriterien umfasst. Welche digitalen Medien nutzt jemand? Welche digitalen Tools? Lernt er oder sie digital? Wie gut kann er mit Hardware umgehen? Sieben von 18 Kriterien müssen erfüllt sein, damit der Student zum Digital wird. Das schaffen allerdings nur 30 Prozent der Wirtschaftswissenschaftler. Interessant: Trendence stuft nur diejenigen als Digitals ein, die eine „positive Grundeinstellung“ mitbringen, in der Digitalisierung also mehr Chancen als Risiken sehen.

Weniger gut weg kommen bei den Digitals Banken, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, auch Medien und Werbung. „Es sind Branchen, die sich zwingend mit der Digitalisierung beschäftigen müssen, aber den Trend ein wenig verschlafen haben“, meint Vierhaus. „Wenn Banken, Medienhäuser oder Wirtschaftsprüfer in den Augen der Studenten für eines nicht stehen, dann ist es Innovation.“

Worauf Absolventen am Arbeitsplatz partout nicht verzichten möchten – völlig unabhängig von der Branche – sind Entwicklungsmöglichkeiten, Wertschätzung, Kollegialität und ein guter Führungsstil. Nahezu jedem Befragten sind diese Aspekte wichtig. Aber was macht einen guten Chef eigentlich aus? „Expertise ist nicht entscheidend für Führungskräfte. Die Hälfte der Studenten der Wirtschaftswissenschaften will Chefs, die motivieren und organisieren“, meint Vierhaus. Fachwissen komme erst an fünfter Stelle ihrer Anforderungen. „Das hat mich sehr überrascht.“ Motivationskünstler statt Experten, Soft Skills statt Hard Skills. Gute Konfliktmanager, die Empathie mitbringen und kritikfähig sind – so wünschen sich Wirtschaftler ihre Vorgesetzten. Jetzt müssen sie sie nur noch finden.

Die beliebtesten Aarbeitgeber im Ranking:

1

Red Bull

2

BMW Group

3

Google

4

Außenministerium

5

adidas

6

Wirtschaftskammer Österreich

7

Apple

8

Austrian Airlines

9

Erste Bank und Sparkassen

10

Europäische Kommission

11

Raiffeisen Bank International

12

Österreichische Nationalbank

13

HOFER (ALDI)

13

Porsche Holding

15

OMV

16

BCG

16

Deloitte

18

KPMG

19

EY

19

FINANZMARKTAUFSICHT

19

McKinsey

19

voestalpine

23

L’Oréal

23

Österreich Werbung

25

Coca-Cola

26

Daimler / Mercedes-Benz

27

Swarovski

28

Hilton Hotels & Resorts

28

ORF

30

PwC

31

Siemens

32

Microsoft

33

IKEA

33

ÖBB

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