Großkonzern oder Familienunternehmen? Schaut man auf das Trendence Graduate Barometer 2017, dann bevorzugen Österreichs Wirtschaftsstudenten die großen Namen. Einige Branchen aber stechen im Beliebtheitsranking heraus, von denen man es nicht unbedingt erwartet hätte.

Wäre Marcel Hirscher ein Unternehmen, dann würde er Red Bull heißen. Seit Jahren dominiert der Brauseproduzent die Rangliste der beliebtesten Arbeitgeber Österreichs so eindrucksvoll wie Hirscher den alpinen Ski-Weltcup. Schon nach den ersten Interviews der Saison ist meist klar: Am Jahresende steht Hirscher wieder ganz oben auf dem Stockerl. Und Red Bull auch. Zufälligerweise ist Red Bull auch Hirschers Sponsor.

Eine weitere Parallele aber würde sich Red Bull vermutlich gerne ersparen. Denn Hirscher droht im kommenden Winter zum ersten Mal seit sechs Jahren den Weltcup-Gesamtsieg zu verpassen. Er brach sich im August den Knöchel, wird monatelang ausfallen. Ereilt Red Bull das gleiche Schicksal? Das ist gut möglich. Die Tendenz jedenfalls zeigt klar in eine Richtung.

Im Jahr 2012 nannten noch 15,5 Prozent der österreichischen Wirtschaftsstudenten den Namen Red Bull auf die Frage, welcher Arbeitgeber besonders attraktiv sei. Im Jahr 2015 waren es noch 13,9 Prozent. Im aktuellen Trendence Graduate Barometer 2017 dagegen halten nur noch 10,9 Prozent den Energielieferanten für attraktiv. Das reicht zwar weiterhin für die Goldmedaille, der Vorsprung auf den Zweitplatzierten BMW indes ist nur noch hauchdünn. Oder um im Ski-Jargon zu bleiben: Er ist auf ein paar lausige Hundertsel zusammengeschmolzen.

Beliebtheitsrangliste: Berater auf dem Weg nach oben

Woran liegt das? Zum einen an der Stärke der Konkurrenz. Die Konsumgüterbranche liegt in der Gunst der BWLer lediglich auf Platz drei. Jeder Achte favorisiert einen Job bei Firmen wie L’Oreal, Coca-Cola, Brau Union, Procter & Gamble – oder eben Red Bull. Beliebter sind Steuerberatungen, Wirtschaftsprüfungen und vor allem Consulting-Firmen. 16,2 Prozent der Wirtschaftler würden am liebsten als Berater anheuern. Gleich sechs Consulting-Firmen haben es im Trendence-Ranking in die Top 25 geschafft: Boston Consulting Group, Deloitte, Ernst & Young, McKinsey, PwC und KPMG.

Und die Berater selbst führen uns direkt noch auf eine weitere Fährte. So stellte eine Deloitte-Studie kürzlich fest, dass bei den Millennials der Pessimismus steige. „Das turbulente Jahr 2016 hat Spuren hinterlassen“, heißt es dort. Angst vor Krieg, Terror, politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit lasse ihr Sicherheitsbedürfnis wachsen. 31 Prozent der befragten Millenials wollen länger als fünf Jahre bei ihrem derzeitigen Arbeitgeber bleiben, 40 Prozent sehen ihren Job durch die Digitalisierung bedroht. Nur ein Drittel glaubt daran, dass es politisch und wirtschaftlich bergauf geht.

Deloitte hatte dafür in 30 Ländern insgesamt 8.000 Arbeitnehmer mit akademischem Abschluss befragt, die nach 1982 geboren worden waren. Allerdings niemanden in Österreich. „Wir nehmen wahr, dass auch die Millennials in Österreich nicht vom pessimistischen Weltbild verschont bleiben“, ergänzt daher Elisa Aichinger, Senior Managerin im Bereich Human Capital bei Deloitte Österreich, gegenüber UNIMAG. „Auch hierzulande steigt das Bedürfnis nach Jobsicherheit.“

Absolventen: Sicherheitsbedürfnis wächst

Mit Jobsicherheit sei aber wohlgemerkt nicht gemeint, lebenslang bei ein und demselben Arbeitgeber bleiben zu wollen — so wie die Generation der Eltern oder Großeltern. „Vielmehr wird diese Sicherheit auf das Wissen, die Kompetenzen und die Qualifikationen, die man sich durch Ausbildung und Berufstätigkeit aneignen kann, bezogen“, sagt Aichinger. Wird mein Können in Zukunft noch gebraucht? Wie kann ich mich so weiterentwickeln, dass ich auch in zehn Jahren noch einen attraktiven Job finde? Solche Fragen würden sich Absolventen vermehrt stellen.

Der Wunsch nach Jobsicherheit und regelmäßige Arbeitgeberwechsel – das schließt sich also keineswegs aus. Im Gegenteil, ein Jobwechsel kann die eigenen Perspektiven – und damit die Sicherheit – maßgeblich verbessern. „Das erklärt auch das Paradoxon, warum es einerseits das Bedürfnis nach Jobsicherheit und andererseits das ausgeprägte Bedürfnis nach Work-Life-Balance sowie flexibler Arbeitszeit gibt“, meint Aichinger. „Millennials suchen sowohl nach einer interessanten und fordernden Arbeitsumgebung als auch nach Freiraum für Weiterentwicklung.“

Aber ist das die ganze Wahrheit? Beim Blick auf das Trendence-Barometer fällt auf, dass insbesondere der öffentliche Sektor bei Absolventen hoch im Kurs steht. Ein Sektor, der vor allem mit Jobsicherheit in Verbindung gebracht wird. Gleich vier Arbeitgeber aus diesem Bereich haben sich in den Top Ten platziert. Die Europäische Kommission liegt auf Rang vier, das Außenministerium auf Platz fünf. Ganz neu im Ranking ist die Wirtschaftskammer Österreich auf Platz 7 und die Österreichische Nationalbank auf Position neun. Sie alle locken mit sicheren Stellen, Abwechslung und guten Gehältern.

Bewerbungen im Außenministerium: „Tendenz steigend“

Aber der Weg ins Amt ist steinig. Beispiel Außenministerium: Die Bewerber für den Höheren Auswärtigen Dienst müssen unter anderem einen Gedächtnistest bestehen, einen Brief auf Englisch schreiben, ihre EDV-Kenntnisse durch eine Tabellenkalkulation nachweisen — und einen breit angelegten Wissenstest im Multiple-Choice-Format absolvieren. Beispielfrage aus einem früheren Auswahlverfahren: „Welcher Begriff passt zum Namen Vilfredo Pareto?“ Diese Antwortmöglichkeiten gaben die Prüfer vor:

A) Potenzialorientierte Geldpolitik.
B) Optimum in der Wohlfahrt einer Gesellschaft.
C) Bedingungen und Folgen der Volksvermehrung.
D) Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes.

Wer weiß es? Keine Anfängerfrage, aber immerhin gilt es aus Sicht des Ministeriums, die Spreu vom Weizen zu trennen. Im Zeitraum von 2013 bis 2017 kamen auf eine ausgeschriebene Stelle zehn bis zwanzig Bewerbungen. „Die Tendenz ist steigend“, so Ministeriumssprecher Thomas Schnöll auf UNIMAG-Anfrage. Bei den letzten beiden Auswahlverfahren hätten insgesamt 14 respektive 15 Bewerber den Zuschlag erhalten. Die richtige Antwort übrigens war: A.

© vadimguzhva / iStock

Feste Jobzusagen für Absolventen mit digitalen Skills

Eine weitere Überraschung im Trendence-Ranking: Die Reputation der Banken erholt sich. Immerhin neun Prozent der Befragten nannten die Finanz- als ihre Wunschbranche. Acht Geldinstitute wurden in die Top 100 gewählt, zwei sogar in die Top Ten. Darunter ist auch die Erste Bank.

„Banken waren nie wirklich unbeliebte Arbeitgeber, selbst in der Zeit, als in den Nachrichten nicht nur Positives über diese Branche berichtet wurde“, sagt Christian Dorfinger, Abteilungsleiter Employer Branding and Recruiting der Erste Bank. „Wir spüren hier vermehrt den Wunsch der Absolventen, Stabilität mit Innovation zu verbinden. Gerade in den vergangenen drei Jahren hat sich hier enorm viel verändert – ein großer Fokus auf Themen wie Digitalisierung und Data bringt ein neues, sehr attraktives Berufsfeld in die Banken“, so Dorfinger.

Ohnehin scheinen IT-Kenntnisse für Wirtschaftler immer wichtiger zu werden. Wer kurz vor dem Abschluss steht und über digitale Kompetenzen verfügt, hat laut Trendence mit einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit schon eine feste Jobzusage. Von den sogenannten Non-Digitals hat dagegen nur ein Drittel vorzeitig einen Job in der Tasche. Empfehlenswert also für Studierende: Theoretisches Wissen anhäufen, aber auch praktische Erfahrung sammeln – zum Beispiel im Umgang mit digitalen ERP- oder Business Analytics-Tools, mit Socal Media und Big Data.

Erste Bank: 100 Bewerber auf eine Stelle

„In Zukunft wird es vor allem darum gehen, die Business-Anforderungen mit der IT zu verbinden und somit den größten Kundennutzen zu generieren“, betont Christian Dorfinger. Ein beträchtlicher Teil der Neueinstellungen fände schon jetzt im IT-Bereich statt. „Und dieser wird mit Sicherheit auch noch weiter wachsen“. Eine Kombination aus IT- und Business-Wissen sei für Absolventen erfolgversprechend. Grundsätzlich hätten sowohl Informatiker als auch Betriebswirte gute Chancen auf eine Einstellung. Momentan bewerben sich bei der Erste Bank im Schnitt 100 Bewerber auf einen der begehrten Junior Jobs.

Auch scheinen die Zeiten der übermäßigen Bescheidenheit vorbei. So würden immer mehr Absolventen auf Selbstverwirklichung oder Verantwortung verzichten – oder für ein Unternehmen mit schlechtem Image arbeiten – wenn sie dafür ordentlich entlohnt werden. Hatten im Jahr 2016 noch 71,3 Prozent der Befragten ein „hohes Einstiegsgehalt“ von ihrem Arbeitgeber erwartet, waren es in diesem Jahr mit 74,4 Prozent deutlich mehr. Im Schnitt erwarten Wirtschaftler ein Jahresgehalt von 35.400 brutto und wollen dafür 41,4 Stunden pro Woche arbeiten.

Noch wichtiger als harte Euro aber bleiben weiche Faktoren: Wertschätzungen der Mitarbeiter erwarten 96,5 Prozent, auch Kollegialität. Bleibt das eigentlich auch im nächsten Beliebtheitsbarometer so?

Dann können wir auch die Frage beantworten, ob Red Bull die Krone behalten darf, ob die Energy-Drinks weiterhin höchste Wertschätzung erhalten. Apropos: Über mangelnde Wertschätzung kann sich Marcel Hirscher nicht beschweren. Ein Foto seiner Schinderei in der Reha haben über 12.000 Fans auf Facebook geliked.

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