INHALTSVERZEICHNIS
Der stationäre Handel bleibt eine feste Größe und konnte zuletzt gegenüber dem Onlinehandel sogar wieder aufholen. Absolventinnen und Absolventen finden hier vielfältige Karrierechancen für ganz unterschiedliche Talente. Wir zeigen, welche Herausforderungen auf sie in der dynamischen Branche warten – ob in der Filiale oder in der Zentrale.

53.000 Einzelhandelsunternehmen gibt es in Österreich und sie beschäftigen mehr als 312.000 Menschen – davon knapp die Hälfte in Großunternehmen mit mindestens 250 Beschäftigten. Das geht aus einer Studie hervor, die das Institut für Österreichs Wirtschaft (iföw) im Auftrag der Wirtschaftskammer Österreich erstellte. Die Zahlen zeigen: Der Einzelhandel ist einer der wichtigsten Arbeitgeber des Landes.
Corona-Pandemie, Ukrainekrieg, Energiekrise und die Inflation bereiteten dem stationären Handel in den vergangenen Jahren große Schwierigkeiten. Doch seit einiger Zeit gewinnt er wieder an Bedeutung. „Der E-Commerce-Trend der Pandemiejahre hat ein Ende gefunden: Kunden kaufen wieder bevorzugt im Store ein“, stellt der Spezialist für Gewerbeimmobilien CBRE Austria fest. Die Online-Ausgaben gingen zuletzt leicht zurück, ebenso ihr Anteil an den Einzelhandelsausgaben in Österreich insgesamt. „Das beinhaltet große Chancen für die Ladengeschäfte, wobei am besten diejenigen fahren, die online und offline geschickt verknüpfen“, stellte Rainer Trefelik, Obmann der Bundessparte Handel in der Wirtschaftskammer Österreich, gegenüber der Kleinen Zeitung fest.
Land der Supermärkte

Die Voraussetzungen dafür sind gut. So gilt Österreich als Land der Supermärkte. Laut Wirtschaftskammer sorgen rund 5.300 Supermarkt- und Discount-Filialen zusammen mit den kleineren Lebensmittelgeschäften für eine der höchsten Versorgungsdichten in ganz Europa. Zudem kann der stationäre Handel davon profitieren, wie die Herausforderungen der Pandemie gemeistert wurden. Viele Ideen, die vorher nicht mehr als ferne Zukunftsziele waren, wurden vorangetrieben, neue Lösungen und Geschäftsmodelle oft im Rekordtempo umgesetzt. Die Zielgruppen über ganz verschiedene Kanäle anzusprechen und Omnichannel-Konzepte aufzubauen und auszuweiten, ist für die Handelsbranche längst kein unbekanntes Terrain mehr.
Das Tempo, mit dem im Handel Ideen entwickelt und direkt am Point of Sale umgesetzt werden können, fasziniert auch Kathrin Hirczy, Gruppenleiterin im Bereich Online Brand Communication beim Lebensmitteleinzelhändler BILLA: „Der Handel ist eine sehr schnelllebige Branche. Es ist alles in Bewegung und wird nicht langweilig, das reizt mich sowohl am Handel als auch am Online-Marketing. Stillstand bedeutet in beiden Bereichen einen Rückschritt.“
Kathrin Hirczy hatte bereits Angewandte Medienwirtschaft an der Hochschule Mittweida studiert, bevor sie berufsbegleitend ihren Master in „Online Media Marketing“ an der Donau-Universität Krems absolvierte. Nach einigen Berufsjahren kontaktierte sie ein Headhunter und brachte sie mit dem Marketingleiter von BILLA ins Gespräch. „Mit ihm war ich direkt auf einer Wellenlänge und da wir uns von früheren Jobs bereits kannten, waren wir uns nach einigen Gesprächen einig, dass der Einstieg in das Unternehmen mein nächster Karriereschritt sein würde.“
Einstieg in der Zentrale oder Filiale
Spannende Einstiegsmöglichkeiten finden Absolventinnen und Absolventen in allen Bereichen des Handels – in den Zentralen wie in den Filialen. Das gilt für so unterschiedliche Bereiche wie Vertrieb, Einkauf, E-Commerce, Finance und Controlling, Logistik, Category Management, Marketing, Kommunikation, Human Resources, Recht, Technik oder IT. Gefragt sind deshalb fast alle Studienrichtungen. Gerade Berufseinsteiger:innen lockt die lebendige Branche mit der Chance, deutlich schneller als in anderen Wirtschaftsbereichen Verantwortung zu übernehmen und rasch aufzusteigen. So bereiten sich Trainees direkt auf eine Position im Einkauf oder die Leitung eines Bereichs, Marktes oder Verkaufshauses vor. Neben der Verantwortung für die Ladenfläche und den Umsatz gehört dann auch die Mitarbeiterführung zu ihren Aufgaben. Typische weitere Karriereschritte sind der Aufstieg zum Regional- oder Vertriebsmanager oder internationale Karrieren im Einkauf.
Um im Handel erfolgreich zu sein, ist ein tiefgreifendes Verständnis der Kundenbedürfnisse und lokalen Marktbedingungen erforderlich. In direktem oder indirektem Kontakt zu den Kund:innen stehen fast alle im Handel Beschäftigten. Wer nach dem Abschluss des Studiums in die Branche einsteigt, durchläuft deshalb während der Einarbeitungsphase fast immer eine Station im Verkauf. Denn auch wer eine Funktion in der Zentrale eines Handelsunternehmens übernimmt, muss verstehen, wie der Vertrieb funktioniert. Nur dann ist es möglich, die Systeme und Prozesse im Handel nachzuvollziehen und mitzugestalten. Für die Young Professionals ist es oft faszinierend zu erleben, was alles im Hintergrund passiert, bis ein Produkt im Regal präsentiert werden kann.
Kenntnisse über digitale Prozesse
„Der Lebensmitteleinzelhandel ist ein sehr kompetitives und dynamisches Umfeld. Es passiert viel, deshalb ist es wichtig, am Ball zu bleiben und sich ständig weiterzuentwickeln, um sich nachhaltig erfolgreich am Markt zu positionieren“, sagt Robert Bartz, der sich als Projektleiter Strategie bei BILLA seit Anfang 2023 mit dem Großhandel und den Kaufleuten in den Filialen beschäftigt. „Dieser Bereich beliefert und serviciert unsere BILLA- und ADEG-Kaufleute sowie unsere Tankstellen- und sonstigen Kund:innen, etwa Ethnomärkte.“ Als Beispiele für die täglichen Herausforderungen im Handel nennt der Absolvent der Cologne Business School die sich stetig wandelnden Erwartungen und das Kaufverhalten der Kund:innen, die Einbindung von Technologie in den Filialen und das Thema Nachhaltigkeit.
Praktika oder Werkstudententätigkeiten während des Studiums vermitteln bereits einen guten Eindruck von der Branche. Hilfreich bei der Bewerbung sind auch Marketingkenntnisse sowie Auslandserfahrung und Sprachkenntnisse. Denn das Handelsgeschäft spielt sich oft auf internationalen Märkten ab, etwa im Einkauf oder in der Logistik. Wichtig sind auch Freude am Umgang mit Menschen, Teamgeist und Verständnis für Zahlen – und immer stärker erste Vorkenntnisse über digitale Prozesse.
Neugierig sein
„Im stationären Handel kommt es darauf an, neugierig zu sein und ein Auge für operative Themen zu haben, ohne dabei den Blick für das große Ganze zu verlieren. Bei all unserer teils sehr strategischen Arbeit in der Zentrale dürfen wir nie unsere Märkte, Kaufleute und Kund:innen aus den Augen verlieren“, erklärt Robert Bartz. „Außerdem schadet eine gute Portion Hands-on-Mentalität nicht. Manchmal müssen wir kleine, kalkulierte Risiken eingehen, um zu schauen, wie sich Dinge entwickeln, bevor weitgreifende Entscheidungen getroffen werden.“
3D-Simulationen und Augmented Reality im Modehandel
So werden derzeit im Einzelhandel SB- bzw. Self-checkout-Kassen bis hin zu kassenlosen „Smart Stores“ intensiv getestet oder sind bereits etabliert. Und Bereiche wie der Modehandel setzten besonders früh auf die Optionen „Click&Collect“ und „Return to Store“ und reagierten so auf den Trend zum Onlineshopping. Wer sich für ein Kleidungsstück interessiert, hat die Möglichkeit, es online auszuwählen und anschließend in der Filiale abzuholen, anzuprobieren und es dort gleich wieder zu retournieren, falls es nicht gefällt.
Einen großen Schritt weiter geht die Modebranche mit der Integration von 3D-Simulationen und Augmented Reality in die Onlineshops. Hier kann die Kleidung virtuell zu Hause „anprobiert“ werden. Das gestaltet den Online-Kauf emotionaler – sonst ein Manko gegenüber dem Shopping-Erlebnis im Store – und soll zudem helfen, die gerade im Modehandel hohen Retourenquoten zu reduzieren. Das gelingt bislang nur bedingt: Nachdem die Zahl der Kund:innen, die zumindest einen Teil der im Distanzhandel bestellten Mode 2022 noch um vier Prozent gesunken war, stieg sie 2023 wieder von 43 auf 47 Prozent, so ein Ergebnis der „eCommerce Studie Österreich“.
User Experience im Mittelpunkt
Online-Marketing-Expertin Kathrin Hirczy ist es wichtig, stationären Handel und Onlinehandel nicht als zwei verschiedene oder sogar konkurrierende Geschäftsfelder zu sehen: „Beide haben das Ziel, Kund:innen mit Produkten zu versorgen. Unsere Aufgabe ist es, das auf einfache Weise zu ermöglichen. Wir sehen, dass die Bereiche Online und Offline von den Konsument:innen nicht getrennt werden, sondern für sie die User Experience im Mittelpunkt steht – darauf müssen wir uns konzentrieren.“
Nach Hirczys Erfahrungen werden viele digitale Maßnahmen, die der Erleichterung des Alltags der Kund:innen dienen, sehr gut angenommen: „Das reicht vom klassischen Onlineshop über Click&Collect bis zu Tests mit Scan&Go. Viele digitale Devices sind aus dem Alltag und auch aus dem Einkaufsverhalten nicht mehr wegzudenken.“
Läden attraktiv gestalten
Gerade im Lebensmitteleinzelhandel bleibt es entscheidend, den Kund:innen ein erstklassiges Einkaufserlebnis nicht nur im Onlineshop, sondern auch in den Filialen zu bieten, betont Projektleiter Bartz. „Dies stellt unser Kerngeschäft dar. Das Einkaufserlebnis vor Ort ist sozusagen die Visitenkarte der Marke BILLA und daher essenziell für uns. Um es so hervorragend wie möglich zu gestalten, gilt etwa den Themen Ladenbau, Frische und Mitarbeiter:innen unsere besondere Aufmerksamkeit. Die Räumlichkeiten sollen für die Kund:innen ansprechend sein und die flächendeckende Warenverfügbarkeit ist ein ‚Must-have‘ – auch in Zeiten von Lieferengpässen seitens der Industrie.“







