Karriere und der Weg auf Führungspositionen ist für Frauen immer noch mühsamer als für Männer. Das liegt häufig an der ungleich verteilten Verantwortung für die Kinderbetreuung, an tradierten Rollenklischees, aber oft auch am Bild, das Frauen von sich haben. Beispiele aus der Praxis zeigen, welche Maßnahmen helfen können, Karrieren von Frauen voranzutreiben – durch Gesellschaft, Unternehmen und Berufseinsteigerinnen selbst.

„Frauen haben oft die Tendenz, sich selbst unterzuordnen anstatt sich selbst als ‚Chef‘ zu sehen. Das ist schade, weil hier öfters viele Chancen und Potenzial verloren gehen“, findet Sabrina Pretzler. In solcher mangelnden eigenen Wertschätzung sieht sie – neben der Organisation der Kinderbetreuung – einen der Gründe dafür, dass Frauen oft mühsamere Karrierewege haben und vor allem höhere Führungspositionen weiterhin häufiger von Männern besetzt werden.

Pretzler studierte Montanmaschinenwesen & Automatisierungstechnik an der Montanuniversität Leoben und stieg nach ihrem Diplom 2013 als Projektiererin beim Technologieunternehmen KNAPP ein. Danach wurde sie Senior, Gruppenleiterin und schließlich Teamleiterin im Bereich Systems Engineering für Fashion Logistik.

Potenzial für Führungskarrieren

Das von der 35-jährigen Ingenieurin angesprochene Potenzial für Führungskarrieren von Frauen ist in der Tat da. Das zeigt ein Blick in die Bildungsstatistiken. Der Frauenanteil an den Studienabschlüssen an den öffentlichen Universitäten in Österreich lag zuletzt bei 55 Prozent. Und die Hälfte der jungen Frauen in Österreich hat die Matura erfolgreich abgelegt, während der Wert bei den Männern nur bei 35 Prozent liegt.

Doch je höher man in die Führungsetagen der Unternehmen schaut – Stichwort „gläserne Decke“ –, desto weniger spiegelt sich die gute Ausbildung der Frauen wider. Nur 27 Prozent der Sitze in den Aufsichtsräten und zwölf Prozent der Posten in den Geschäftsführungen der 200 umsatzstärksten Unternehmen Österreichs werden von Frauen besetzt. Das geht aus dem „Frauen.Management.Report.2024“ der Arbeiterkammer Wien hervor.

Bessere Performance durch Geschlechtervielfalt

Dieses Ungleichgewicht nützt niemandem. Denn die Praxis zeigt, dass Unternehmen, die auch auf Führungspositionen auf Geschlechtervielfalt setzen, besser performen und profitabler arbeiten. Laut der Studie „Women in Business und Management“ der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) erzielt die Mehrheit dieser Unternehmen Zuwächse von zehn bis 15 Prozent.

Bettina Meister, Teamleiterin im kaufmännisch-technischen Recruiting der Wiener Stadtwerke-Gruppe, erklärt, wie sich der Frauenanteil speziell in Technikjobs steigern lässt: „Zuerst durch frühe Förderung und Bildung sowie das Wecken von Begeisterung für einen technischen Job allgemein. Im Recruiting ist es uns wichtig, Frauen und Männer gleich zu behandeln. Dennoch hat es einen hohen Stellenwert, insbesondere Frauen für Positionen in technischen Bereichen zu fördern und dafür zu begeistern. Das beginnt bei der Ermutigung zur Bewerbung. Das Schöne ist, dass wir großartige und inspirierende Frauen in Top-Management-Positionen haben, die sicherlich für die eine oder andere junge Frau ein Vorbild sind.“

Vorbilder für Berufswege

Vorbilder aus dem technischen Bereich hatte Sabrina Pretzler bereits in ihrer Familie. Ihre Eltern arbeiten als Techniker und Technikerin und haben das Interesse an Mathematik und Geometrie bei ihrer Tochter immer gefördert. „Als ich begann, mich für ein Studium zu interessieren, studierte meine Schwester bereits in Leoben und meine Mutter war damals als Doktorandin an der Montanuniversität. Somit war es für mich eine naheliegende Wahl. Nach der Matura wollte ich etwas studieren, was mit Mathematik zu tun hatte und eine gute Jobperspektive versprach.“

Der möglicherweise geringe Anteil an Kommilitoninnen im Maschinenbau-Studium schreckte sie nicht ab: „Ich habe während meiner Studienzeit so viele Freunde kennengelernt, mit denen ich mich immer noch treffe. Die meisten sind Männer, aber was macht das für einen Unterschied?“

Sprachkenntnisse und frühe Auslandsreisen

Bei der KNAPP AG ging es für die junge Ingenieurin schnell voran. In einem Praktikum in dem Unternehmen während des Studiums konnte Pretzler, die nach der Matura als Au-pair in Portugal gearbeitet hatte, aufgrund ihrer Sprachkenntnisse bereits an einer Dienstreise nach Brasilien teilnehmen. „Die Möglichkeit, mein Interesse für Sprachen einbringen zu können und Reisen in ferne Länder zu unternehmen, war ein Faktor, mich für die Stelle bei KNAPP zu entscheiden. Außerdem war es ein sehr positives Arbeitsumfeld, das mir bis heute viel Freude bereitet.“

Bei den Wiener Stadtwerken haben Absolvent:innen unter anderem die Möglichkeit, über Traineeprogramme einzusteigen, die ein vielfältiges Programm bieten und den Start in die Karriere erleichtern. „Dazu zählen etwa das Klimaschutz-Traineeprogramm, die Basic IT-Academy und insbesondere auch Traineeships der Wien Energie oder der Wiener Linien. In unsere Traineeprogramme nehmen wir gezielt Frauen auf und fördern sie in ihrer Entwicklung. Darüber hinaus bieten wir in den Konzernunternehmen immer wieder direkte Einstiegspositionen an“, erklärt Recruiterin Meister.

Förderung durch Coaching und Mentoring

Studentinnen und Absolventinnen informieren die Wiener Stadtwerke auf Messeauftritten, auf dem eigenen Karrieretag „LEVEL UP“ sowie bei Events von Kooperationspartnern über die Einstiegsmöglichkeiten im Konzern und die Arbeit in den verschiedenen Fachbereichen. In der Berufswelt angekommen, sind Coachings und Mentoring wichtige Instrumente, um Frauen im Beruf zu fördern.

„Das bieten wir beispielsweise in Form unseres Cross Mentoring Programms an, bei dem Mentees eine Mentorin an die Seite gestellt bekommen. Teilnehmerinnen werden gefördert und in beruflichen Situationen unterstützt. Außerdem gibt es bei uns unterschiedliche Frauen-Netzwerke“, so Bettina Meister. „Wir sind bestrebt, dass Frauen gleichwertige Chancen wie Männer auf eine erfolgreiche Karriere haben, und fördern Frauen in Führungskräftepositionen“, betont die Personalexpertin.

Unterstützung durch Networking

Funktionierende berufliche Netzwerke sind gerade für Frauen überaus wertvoll, um die Karriere (gemeinsam) voranzubringen. Um den Vorsprung aufzuholen, den Männer beim Thema Networking und Seilschaften oft haben, müssen gar keine männlichen Feierabendrituale imitiert werden. Netzwerke lassen sich auch nach Meetings, auf Konferenzen, beruflichen Weiterbildungen oder schlicht in der Kaffeeküche knüpfen und pflegen.

Werden dabei die eigenen Kompetenzen deutlich gemacht, um einander unterstützen zu können, klappt es fast automatisch mit dem „Match“, wenn wichtige Aufgaben oder Posten verteilt werden – ob im eigenen oder in einem anderen Unternehmen. Tipps und gegenseitige Unterstützung können sich Frauen auch in verschiedenen organisierten Netzwerken und Initiativen holen.

Von Anfang an Verantwortung übernehmen

Bei KNAPP werden Einsteiger:innen heute in einem umfangreichen Einschulungsprogramm mit dem Unternehmen vertraut gemacht, das beim Start von Sabrina Pretzler noch nicht existierte. Sie wurde bei ihrem Einstieg durch einen Mentor betreut und hatte von Anfang an Gelegenheit, Verantwortung zu übernehmen: „Ich war bei jedem Meeting mit dabei und habe unterstützt, wo ich konnte. In der Projektierung hat man viel Verantwortung und gleichzeitig fordert der Beruf einiges an Kreativität und Vorstellungsvermögen. Das hat mich immer begeistert.“

2019 war sie an einem großen Projekt in Brasilien beteiligt, verbunden mit zahlreichen Übersee-Reisen. „Es war damals das größte Automatisierungsprojekt in Südamerika und soweit ich weiß, ist es das heute noch. Einfluss auf ein solch millionenschweres Projekt zu haben, ist nach wie vor herausfordernd. Es erfüllt mich mit Stolz, zu wissen, dass ich einen großen Beitrag zu dessen Erfolg geleistet habe“, hebt sie hervor.

Stereotypes Denken aufbrechen

Bettina Meister ermutigt junge Frauen, sich auch auf Positionen zu bewerben, bei denen sie eventuell nicht alle Anforderungen zu 100 Prozent erfüllen: „Meine Erfahrung ist, dass vieles erlernbar ist und persönliches Engagement, Lernwille und Einsatzbereitschaft die fehlenden Prozent leicht wettmachen können.“ Außerdem ist ihr wichtig, weibliche Talente dazu anzuhalten, selbst Teil der Veränderung zu sein und stereotypes Denken aufzubrechen: „Wir haben in der Wiener Stadtwerke-Gruppe durchaus einige Bereiche, in denen der Frauenanteil noch gering ist, doch auch hier merken wir, dass Frauen präsenter werden und mit Mut und Selbstbewusstsein vorangehen.“

Sie selbst studierte zunächst berufsbegleitend Unternehmensführung an der FH Wien der Wirtschaftskammer Wien und spezialisierte sich im Master-Studium auf Personal- und Organisationsentwicklung. Während ihres Studiums arbeitete sie im Bereich Personalberatung und anschließend mehrere Jahre als HR-Generalistin. „In dieser Zeit merkte ich, dass Recruiting meine Leidenschaft ist. Seit fast drei Jahren bin ich nun in der Wiener Stadtwerke-Gruppe in diesem Bereich und seit April 2024 in einer Führungsfunktion tätig. Am besten an meiner derzeitigen Position gefällt mir, dass ich einer sinnstiftenden Tätigkeit nachgehen kann“, stellt Meister heraus.

Frage der Kinderbetreuung

Eine entscheidende Hürde für eine erfolgreiche Karriere und den Aufstieg in die Führungsetagen bleibt für Frauen oft die Frage der Kinderbetreuung. Sabrina Pretzler brachte 2022 eine Tochter zur Welt und betreute diese zwei Jahre. Die Leitung ihres Teams übernahm ein Kollege. Bei dieser Lösung blieb es auch, nachdem sie Anfang dieses Jahres in Teilzeit wieder zurückkehrte.

„Die Kinderbetreuung wird meistens von den Frauen übernommen. Nur selten übernehmen die Männer mehr als zwei Monate Karenz. Viele Väter sehen es gar nicht in ihrer Zuständigkeit, ihre Kinder über diese Elternkarenzzeit hinaus zu betreuen. Ganz wichtig wäre, eine Karenz für Männer als normal zu etablieren, etwa durch höhere Förderungen für Paare, die sich die Karenz 50:50 teilen“, regt die erfolgreiche Ingenieurin an. Die Betreuung ihrer Tochter kann sie sich mit ihrem Lebensgefährten aufteilen: „Er ist Lehrer und hat öfters frei, was die Kinderbetreuung erleichtert und mir die Möglichkeit gibt, mehr zu arbeiten. Da ist mir mein Arbeitgeber bisher sehr entgegengekommen.“

Topsharing: Teilzeitarbeit für Führungskräfte

Ein weiteres Modell, für das Sabrina Pretzler plädiert, um vor allem Frauen trotz Kinderbetreuung den Weg oder die Rückkehr in die Führungsebenen zu erleichtern, ist die „geteilte Führung“, bei der zwei Führungskräfte sich die Führungsposition zeitlich und organisatorisch teilen. Der Ansatz greift das Thema Teilzeitarbeit auch für die Führungsebenen auf und soll weibliche wie männliche Fach- und Führungskräfte entlasten sowie den Frauenanteil im Management erhöhen.

Ein Beispiel, wie das auch „Topsharing“ oder „Joint Leadership“ genannte Management-Modell praktiziert werden kann, geben die Wiener Stadtwerke: „Wir bieten an, eine Funktion im Job als Tandem auszuüben. Beispielsweise führen meine Führungskollegin und ich unser Team im Shared-Leadership-Modell“, berichtet Bettina Meister.

„Unsere Erfahrungen im Recruiting zeigen, dass sowohl für Frauen als auch für Männer flexible Arbeitsmodelle und Kinderbetreuungsangebote einen hohen Stellenwert haben und immer wichtiger werden. Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist bei uns kein bloßes Schlagwort, sondern gelebte Praxis. So fördern wir Wiedereinsteigerinnen, die nach einer beruflichen Pause wie einer Karenz zurückkommen“, so die Recruiterin weiter.

Gerechtes Gehalt

Aufgaben, die angeblich nur Männern vorbehalten sind, versucht Ingenieurin Sabrina Pretzler so oft wie möglich selbst zu lösen – und vermittelt das auch bei der Kindererziehung. Ihr Rat an junge Berufseinsteigerinnen: „Verstecke dich nicht und zeige, was du draufhast! Du bist eingestellt worden, weil du bei deiner Chefin oder deinem Chef einen guten Eindruck hinterlassen hast. Sei motiviert, zeige Engagement, Selbstständigkeit und Verlässlichkeit.“

Realismus und Mut wünscht sie Frauen nicht zuletzt für die nächste Gehaltsverhandlung: „Pokere nicht zu hoch, aber sei dir auch bewusst, dass Frauen (fast) immer weniger verdienen als Männer – sei also mutig bei deinen Forderungen.“ Denn zur Wertschätzung der eigenen Leistung gehört auch und gerade eine angemessene, gerechte Entlohnung.

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