INHALTSVERZEICHNIS
Oftmals unterschätzt, aber unverzichtbar: Manche Branchen stehen nur nach besonderen Ereignissen im Fokus der Öffentlichkeit, obwohl sie Grundpfeiler unseres Wirtschaftslebens darstellen. In unserem Artikel zeigen wir, wie einige dieser Wirtschaftsbereiche unseren Alltag, wie wir ihn kennen, erst ermöglichen – ohne dass wir immer bemerken, was alles dahintersteckt.

Manche Branchen stehen wie von selbst im Scheinwerferlicht – weil ihre Produkte entweder uns tagtäglich begegnen, sie besonders spektakulär sind oder manche ihrer Persönlichkeiten besonders glamourös daherkommen. Von anderen Bereichen der Wirtschaft wissen viele dagegen, dass es sie gibt, aber kaum, wie wichtig sie sind, um Wirtschaftsprozesse am Laufen zu halten und unseren Alltag komfortabel zu gestalten.
Die Bedeutung mancher Produkte, Dienstleistungen oder Versorgungen wird erst deutlich, wenn sie aufgrund von Krisen auszufallen drohen oder deutlich teurer werden. In welchem Maß sie ein unentbehrliches Rückgrat der Wirtschaft bilden, wird dann erst richtig verständlich.
Energieversorgung: Smarte Lösungen

Ein markantes Beispiel ist der Bereich der Energieversorgung und der Wert nachhaltig erzeugter Energie. Ein Politikum war die Energieversorgung schon immer, doch seitdem die Auswirkungen des Krieges Russlands gegen die Ukraine spürbar wurden, bangten ganze Länder in Europa um eine sichere Gasversorgung. Allein die massiv gestiegenen Energiepreise sorgten 2022 hierzulande für Wohlstandsverluste von zehn Milliarden Euro, so Berechnungen der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB).
Aufgabe der Energiebranche ist deshalb nicht mehr nur, vorhandene Energie zu einem möglichst günstigen Preis an Wirtschaft und Verbraucher zu liefern. Der Energiesektor muss vielmehr die Energieversorgung auf möglichst nachhaltige Weise sicherstellen und die Energie effizient verteilen. Wo früher große Kraftwerke das Bild der Energiebranche prägten, arbeiten heute Technik- und IT-Talente an „smarten“ Projekten. Um eine stabile und sichere Stromversorgung zu gewährleisten, müssen etwa die Einspeisung und der Verbrauch der Energie durch intelligente Netze („Smart Grids“) gesteuert werden. Allein Wärmepumpen und E-Autos werden künftig große Mengen Strom beanspruchen. Die Umstellung auf E-Mobilität kann nur mit einem dichten und zuverlässigen Netz an Ladestationen gelingen. Kein Zufall, dass der Energieversorger EVN auch größter Betreiber von Ladestationen in Österreich ist.
Weitere innovative Projekte mit dem Ziel, die Energieversorgung stabil zu halten und dabei neue ressourcenschonende Lösungen zu etablieren, finden sich etwa in dem Bereich Geothermie, klimaneutral mit „grünen“ Gasen betriebenen Kraftwerken, Agrarphotovoltaik-Anlagen in der Landwirtschaft, Solarparks, Fernkälte-Lösungen für eine umweltfreundliche Gebäude-Klimatisierung oder Großwärmepumpen. So entstehen im Energiesektor laufend neue Jobs und Aufgaben für Absolvent:innen mit entsprechendem Wissen.

Bruttostromerzeugung in Österreich (2023)
Wasserkraft 61 %
Wind, Solarenergie, biogene Brennstoffe 24 %
fossile Brennstoffe (Erdgas, Kohle, Erdöl) 14 %
sonstige Brennstoffe 1 %
Quelle: oesterreichsenergie.at/E-Control
Logistik & Transport: Lieferketten sichern
Lieferketten und die Prozesse entlang der gesamten Wertschöpfungsketten zu gewährleisten – sowohl von Unternehmen als auch ganzer Branchen –, ist die Aufgabe der Logistik- und Transportbranche. Wie wichtig, aber auch krisenanfällig funktionierende Lieferketten sind, beschreiben das Beratungsunternehmen Deloitte Consulting und die Wirtschaftskammer Österreich (WKO) in ihrer 2024 erschienenen Studie „Österreichs Industrie im Wandel“: „Trotz der langsamen Entspannung der globalen Lieferkettensituation im Vergleich zur Zeit der Corona-Pandemie unterstreichen Einzelereignisse im letzten Jahr, wie die Angriffe auf Containerschiffe im Golf von Aden oder die eingeschränkte Schifffahrt im Panamakanal aufgrund extremer Trockenheit, dass die globalen Lieferketten auch zukünftig durch unerwartete Ereignisse unter Druck geraten können.“
Die Lieferketten ständig zu optimieren und auch unter erschwerten Bedingungen aufrechtzuerhalten, ist Aufgabe des Supply Chain Managements. So werden die komplexen Prozesse in der Beschaffung, der Produktion, dem Vertrieb und der Entsorgung erst durch eine funktionierende Logistik ermöglicht. Dabei überwachen automatisierte Prozesse die Lieferketten, selbststeuernde Systeme identifizieren kontaktlos Güter und Waren.
Aber auch funktionierende Infrastrukturen wie Häfen, Flughäfen, Bahn- und Straßennetze müssen geschaffen und ständig erneuert werden. Zu einem effizienten Verkehrsfluss und einer Reduzierung von Emissionen werden in Zukunft immer stärker auch innovative Verkehrstechnologien wie elektronische Mautsysteme und intelligente Verkehrsmanagementlösungen mit KI-basierter Datenverarbeitung beitragen. Absolvent:innen mit entsprechenden Studienschwerpunkten finden hier hochspannende Aufgaben.
Vernetzte Wirtschaft
Die Wirtschaftskammer Österreich erklärt gegenüber UNIMAG, warum auch Branchen, die weniger im öffentlichen Fokus stehen, so elementar sind: „Das Zusammenspiel der unterschiedlichen Wirtschaftsbereiche ist entscheidend für das Funktionieren unserer Wirtschaft. Auf Sektorenebene betrachtet, verzahnen sich der Primärsektor als Rohstoffproduzent, der verarbeitende Sekundärsektor und der Tertiärsektor im nächsten Schritt der Vermarktung miteinander. Auf Branchenebene betrachtet, gewährleistet eine Vielzahl heterogener Vernetzungen das Funktionieren des Wirtschaftskreislaufs.
Dass die Entwicklung der einzelnen Bereiche ebenso wechselseitige Auswirkungen wie Effekte auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung hat, ist aktuell gut zu sehen: Die Branchen in Österreich weisen im ersten Halbjahr 2024 teils deutliche Unterschiede in ihrer Wertschöpfungsentwicklung auf. Während sich Industrie und Bau weiterhin in einer Rezession befinden, verzeichnen die Dienstleistungsbereiche Aufwärtsentwicklungen, die somit insgesamt ausgleichend wirken.“
Information & Kommunikation: Hohe Investitionen
Das Internet ist heute omnipräsent, das Smartphone ist zum Standardwerkzeug für fast alle denkbaren Aufgaben geworden, digitale Lösungen durchdringen nicht nur unseren Alltag, sondern große Teile von Wirtschaft und Verwaltung – auch dort, wo es für uns nicht immer sichtbar ist.
In der Industrie 4.0 stellen Maschinen selbst fest, wann sie gewartet werden müssen. Kommunizierende Systeme in der Automobilindustrie lassen intelligente, von Fahrassistenzsystemen gesteuerte Autos vom Fließband rollen. Die Medizintechnik wandelt sich in E-Health, etwa durch den Einsatz von Gesundheits-Apps, Telemedizin und softwaregesteuerten Prothesen. Und die intelligenten Stromnetze machen die Verbrauchsdaten außer für die Energieversorger auch für die Stromkund:innen transparent.
Nicht nur IT- und Telekommunikationsunternehmen investieren in Big Data, Cloud Computing, Internet of Things, Automatisierung & Robotik und künstliche Intelligenz. 28.000 IT-Fachkräfte fehlen der österreichischen Wirtschaft aktuell, allein 12.000 davon den Unternehmen in der IT-Branche, meldet der Fachverband für Unternehmensberatung, Buchhaltung und IT (UBIT) der Wirtschaftskammer Österreich – und warnt vor den Auswirkungen auf die heimische Wirtschaft. Der Mangel an IT-Expert:innen führe zu einem Wertschöpfungsverlust von bis zu 4,9 Milliarden Euro pro Jahr oder 175.000 Euro pro unbesetzter Stelle.
Welche Bedeutung eine stabile, zuverlässige IT- und Telekommunikationsinfrastruktur hat, zeigt sich spätestens dann, wenn IT-Dienste ausfallen, Unternehmen oder Organisationen Opfer von Cyberattacken werden oder wie im Juli 2024 ein einziges fehlerhaftes Software-Update des US-Unternehmens Crowdstrike weltweit ganze Flughäfen, Kliniken oder Finanzinstitute zwingt, ihren Betrieb runterzufahren. Angesichts der riesigen Mengen sensibler Daten, die verarbeitet werden und die ihrerseits komplexe Prozesse und die Produktion steuern, rückt zudem die Rolle von Expert:innen für IT-Sicherheit stärker in den Mittelpunkt – denn auch Cyberangriffe werden immer professioneller geplant und ausgeführt.
Versicherungen: Risiken kalkulierbar machen
Wie Banken mit dem von ihnen zur Verfügung gestellten Geld wirtschaftliches Handeln und Investitionen möglich machen, ist den meisten bewusst. Die Bedeutung der Versicherungsbranche erhält da weniger Aufmerksamkeit. Dabei geht es auch in der Versicherungswirtschaft um viel mehr als den Ausgleich des ein oder anderen begrenzten Schadens. Aufgabe der Versicherungen ist es, persönliche und unternehmerische Risiken abzusichern – erst das erlaubt Geschäfte und Investitionen auf einer sicheren und kalkulierbaren Basis. Im Jahr 2023 kamen auf diese Weise Leistungen in Höhe von 17,6 Milliarden Euro zusammen, die Österreichs Versicherungen an ihre Kundinnen und Kunden auszahlten, bei einem Prämienvolumen von 20,3 Milliarden Euro und über 50 Millionen Verträgen.
Versicherungen sichern das Risiko von Krankheiten, Unfällen und Erwerbsunfähigkeit ab, tragen zur finanziellen Absicherung des Lebensstandards im Alter bei, schützen vor Schäden bis zu den Folgen von Naturkatastrophen. Eine besondere Rolle für Unternehmen und ihre Finanz- und Risikostrategien haben Industrieversicherungen. Vor Risiken und Gefahren, denen Unternehmen ausgesetzt sind, schützen keine Angebote von der Stange, sondern auf die jeweiligen Bedürfnisse und Risikoprofile zugeschnittene Versicherungen – etwa als Sach-, Haftpflicht-, Transport-, Betriebsunterbrechungs-, Maschinen- oder Cyberversicherungen.
All das ermöglichen Aktuare und Aktuarinnen, die kalkulieren, wie viel (Risiko-)Kapital in einem Schadensfall zur Verfügung stehen muss. Sie errechnen mit versicherungsmathematischen Methoden, mit welcher Wahrscheinlichkeit bestimmte Ereignisse in Zukunft eintreten. Dies ist auch die Grundlage für die Kalkulation der Versicherungsbeiträge. Das Risikomanagement entwirft unterschiedliche Modelle und Szenarien und analysiert das jeweilige Risikopotenzial. Dafür müssen alle wirtschaftlichen, politischen und Umwelt-Rahmenbedingungen ständig im Blick bleiben, um die Einschätzungen des Risikomanagements jederzeit revidieren zu können.
Lebensmittelproduktion: Reiches Angebot
Österreich ist ein Land mit einem hohen Selbstversorgungsgrad bei Lebensmitteln. Gerade in krisenhaften Zeiten ist das eine beruhigende Nachricht. Bei der Produktion von Fleisch und Milch erreicht Österreich einen Selbstversorgungsgrad von 177 Prozent und 112 Prozent – das heißt, hierzulande könnte mehr produziert werden als verbraucht wird. Bei Getreide (94 Prozent) sowie Eiern und Erdäpfeln (jeweils 90 Prozent) liegen die Werte ebenfalls hoch und bei Gemüse und Obst wäre die heimische Lebensmittelindustrie in der Lage, 58 bzw. 48 Prozent des hiesigen Bedarfs zu decken. So lauten die vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Regionen und Wasserwirtschaft veröffentlichten Zahlen.
Damit die Produkte tatsächlich von den heimischen Bauernhöfen in die Supermärkte und zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern gelangen, sind einige Arbeit und aufwendige Prozesse erforderlich. Nach Angaben des Fachverbands der Lebensmittelindustrie in der WKO sichern über 200 Hersteller mit 27.000 direkt Beschäftigten das reiche Angebot der österreichischen Lebensmittelindustrie. Das Angebot reicht von Getreide-, Milch-, Fleisch-, Gemüse- und Obstverarbeitung über Gewürze, Süß-, Back- und Teigwaren bis zu Fertig- und Tiefkühlprodukten und Getränken. Dabei erwirtschaften sie ein Produktionsvolumen von mehr als 11 Milliarden Euro, davon 9,9 Milliarden Euro im Export – und zählen damit zu den Top 5 der österreichischen Industriezweige.
Die Bandbreite der Berufe und Tätigkeitsfelder in der Lebensmittelindustrie ist so groß wie die Vielfalt der Produkte: Sie reichen von der Lebensmitteltechnik, Milchtechnologie oder Brau- und Getränketechnik über Ernährungswissenschaft bis hin zu Maschinenbau und Betriebslogistik. Der Trend zu mehr Nachhaltigkeit in der Produktion und der verstärkte Einsatz digitaler Technologien sorgen für immer neue Aufgaben. Und Studiengänge wie „Agrartechnologie & Digital Farming“ zeigen, wie Innovationen auch in der Agrarwirtschaft zur Wertschöpfung bei der Lebensmittelproduktion beitragen.
Hier muss jedoch ein wenig Wasser in den (österreichischen) Wein gegossen werden: Wenn die Vielfalt heimischer Lebensmittel bleiben soll, müssen auch die Landwirtschaftsbetriebe durch faire Preise an der Wertschöpfung bei der Lebensmittelproduktion beteiligt werden. Hier ging ihr Anteil in den vergangenen Jahren von 20,2 auf 17,5 Prozent zurück, warnt das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO).






