INHALTSVERZEICHNIS
Vielfalt im Unternehmen ist viel mehr als ein nettes Etikett. Diversität im Team ist ein Motor für mehr Kreativität und für die Firmen ein echter Wettbewerbsvorteil. Denn Unternehmen, die Diversität fördern, sind nicht nur attraktiver für Bewerbende, sondern arbeiten auch profitabler, wie verschiedene Untersuchungen zeigen.

„Leider viel“, antwortet Christian Trübenbach auf die Frage, was in Österreichs Unternehmen beim Thema Diversity noch zu tun ist. „Vor allem das Bewusstsein für Diversität zu schaffen, ist eine der wichtigsten Aufgaben des Top-Managements.“ Trübenbach ist Senior Manager & Senior Culture Coach beim Forschungs- und Beratungsinstitut „Great Place To Work“, das unter anderem die Arbeitgeberrankings „Beste Arbeitgeber“ durchführt und Unternehmen auch zum Thema Diversität & Inklusion berät.
Nicht nur ein Etikett
Gründe, sich mit dem Thema Diversity auseinanderzusetzen, gibt es genug. Denn Vielfalt ist nicht einfach nur ein Etikett, das Unternehmen sich anheften, und schon gar kein Selbstzweck – Diversität ist ein echter Wettbewerbsvorteil. So ist Vielfalt am Arbeitsplatz für viele Arbeitnehmende ein entscheidendes Kriterium bei der Arbeitgeberwahl. Das zeigen etwa Ergebnisse der Studie „Vielfalt am österreichischen Arbeitsmarkt“ des Beratungsunternehmens PwC und der Kommunikationsagentur Ketchum:

68 Prozent der Befragten gaben bei der Umfrage an, dass für sie eine klare Positionierung des Arbeitgebers gegen Rassismus von großer Bedeutung sei.
60 Prozent ist bei der Jobsuche Einsatz für Vielfalt am Arbeitsplatz wichtig.
58 Prozent erwarten hierfür klarere Konzepte und Strategien in den Unternehmen.

44 Prozent der unter 29-Jährigen sind der Meinung, dass nicht weiße Menschen in Unternehmen zu wenig gefördert werden.
Konzepte für mehr Vielfalt
„Diversity Management steht bereits durch den Generations- und Wertewandel auf vielen Agenden. Den österreichischen Unternehmen fehlt es jedoch oftmals noch an passenden Strategien und auch an Mut zur Umsetzung“, so Manisha Joshi, Business Director und Head of Diversity, Equity & Inclusion bei Ketchum.
„Hier sind vor allem die Führungskräfte gefragt, idealerweise vom Top-Management beginnend. Diversität ist immer ein Top-down-Thema, das heißt, es geht um Vorbildfunktion, also auch um Diversität in den Schlüsselfunktionen“, erläutert Christian Trübenbach. Unternehmen, die das versäumen, verschenken Chancen. Je diverser ein Team aufgestellt ist, desto wahrscheinlicher ist zum Beispiel, dass bislang verborgene Marktpotenziale und die Bedürfnisse verschiedener Kundenkreise erkannt werden. Denn diversen Teams – und damit Unternehmen, die auf Vielfalt setzen – gelingt es viel besser, die komplexen Welten ihrer Kundinnen und Kunden zu verstehen: „Wer vielfältig ist und Vielfalt lebt, kann auch auf verschiedene Kund:innen, Stakeholder, Mitarbeiter:innen und Partner:innen eingehen und so auch einen Wettbewerbsvorteil generieren“, konstatiert die Wirtschaftskammer Wien.
Innovationen gefragt
Dazu sind Innovationen und kreative Ideen gefragt – solche, die in homogen zusammengestellten Teams oft gar nicht erst aufkommen, weil es an unterschiedlichen Erfahrungen und Sichtweisen fehlt. Viele Beispiele zeigen, dass diverse Teams und Unternehmen in der Lage sind, Arbeitsprozesse schneller voranzutreiben. Sie profitieren von einer gestärkten Unternehmenskultur, höherer Leistungsbereitschaft und einem intensiveren Zusammengehörigkeitsgefühl.
„Je diverser, umso wirtschaftlich erfolgreicher sind Unternehmen, das zeigen unsere weltweiten Forschungen“, erklärt Christian Trübenbach von Great Place To Work. „Es geht vor allem darum, dass alle Mitarbeitenden im Unternehmen die gleichen Rahmenbedingungen vorfinden, um ihre Potenziale frei entfalten zu können – egal, welches Geschlecht, welches Alter und welche Herkunft sie haben oder an welchem Standort sie arbeiten.“
Je diverser, desto erfolgreicher
Je diverser, desto erfolgreicher – so lautete auch das Fazit der McKinsey-Studie „Diversity Wins – How Inclusion Matters“ aus dem Jahr 2020. Die Unternehmensberatung untersuchte Daten von mehr als 1.000 Unternehmen in 15 Ländern. Dabei kam heraus, dass Unternehmen mit hoher Gender-Diversität, die überdurchschnittlich engagiert für die Chancengleichheit der Geschlechter eintreten, eine um 25 Prozent höhere Chance haben, überdurchschnittlich profitable Ergebnisse zu erzielen. Beim Faktor ethnische Diversität lag die Aussicht auf höhere Gewinne sogar bei 36 Prozent.
Ideen kreativer Persönlichkeiten
Damit ist es noch nicht getan: Die Ideen kreativer Persönlichkeiten helfen niemandem, wenn sie im Unternehmen nicht unterstützt und weiterentwickelt werden. Deshalb ist es so wichtig, dass Vielfalt „von oben“ gelebt wird und auch die Führungsebenen möglichst divers zusammengesetzt sind. Um Diversity im Unternehmen zu etablieren und mögliche stille oder offene Widerstände dagegen zu überwinden, bedarf es konkreter und nachhaltiger Maßnahmen. „Diversity Management erzeugt generell mehr Widerstand als kein oder wenig Diversity Management“, stellt die Unternehmensinitiative „Charta der Vielfalt“ aus Deutschland fest. Hier muss das Top-Management vorangehen, Führungskräfte mitnehmen und sensibilisieren und Vorbilder im Unternehmen fördern.
„Diversität funktioniert nicht von alleine“, betont Senior Culture Coach Trübenbach. Als mögliche Maßnahmen nennt er Leitfäden und Sensibilisierungskurse mit Rollenspielen für Führungskräfte oder verpflichtende Regeln für gelebte Diversität, etwa diverse Teambesetzungen. Dabei können sich auch Berufseinsteiger:innen und Mitarbeitende aktiv und offensiv einbringen, um den Wandel mitzugestalten. „Es lohnt sich immer, Grundsätze vorzuleben, aktiv mitzuwirken und sich selbst zum Beispiel für eine Projektgruppe ‚Frauen in der Führung‘ zu engagieren oder Shared-Leadership-Ansätze vorzuschlagen, die die Betreuungssituation für Eltern verbessern können“, so Trübenbach weiter.
Toleranz im Alltag
Aber auch Toleranz im Alltag beim Kennenlernen und Erlernen von bislang Unbekanntem hilft enorm und bringt das gesamte Team weiter. „Lassen Sie auch einmal die muslimische Kollegin erklären, wie sie christliche Feiertage erlebt und wie sie selbst zum Beispiel Ramadan feiert. Das Wichtigste ist, immer wieder darüber zu reden und gerade den guten Dingen eine Bühne zu geben“, so der Experte von Great Place To Work. „Es gehört aber auch dazu, möglicherweise Unangenehmes im zwischenmenschlichen Bereich anzusprechen, etwa wenn man merkt, dass jemand aufgrund seines Aussehens oder anderer Unterschiede ausgegrenzt oder diskriminiert wird.“ Vielfalt setzt auch Offenheit und Transparenz voraus – und die Bereitschaft, sich selbst zu reflektieren.
Dann kann sich erweisen, was die Diversity-Expertin Manisha Joshi feststellte: „Vielfalt zu leben ist persönlich, kulturell, aber auch unternehmerisch ein voller Gewinn für alle.“






