INHALTSVERZEICHNIS
Unternehmen, die Diversität aktiv leben, ziehen Top-Talente an, denn sie bieten ihnen eine unterstützende Kultur, in der sie sich entfalten und langfristig wohlfühlen können. Doch Vielfalt funktioniert nicht von alleine. Wir zeigen, was Führungskräfte und Mitarbeitende für Vielfalt im Unternehmen tun können und warum davon alle profitieren.

Fast wirkt es wie ein Ruf aus der Vergangenheit: US-Präsident Donald Trump war erst wenige Tage zum zweiten Mal im Amt, als eine Reihe von Unternehmen in den USA Programme zur Stärkung von Vielfalt und Inklusion zunächst einmal auf Eis legte – als wollten sie einen befürchteten gesellschaftlichen Wandel vorwegnehmen. Zahlengetrieben werden diese Entscheidungen kaum gewesen sein. Denn dass Unternehmen umso erfolgreicher arbeiten und wirtschaften, je vielfältiger sie sich zusammensetzen, belegen seit Jahren zahlreiche Studien und Umfragen.
Die Unternehmensberatung McKinsey widmete sich im vergangenen Jahr – nach Untersuchungen aus den Jahren 2015 und 2020 – erneut diesem Thema. In der 2024 veröffentlichten Studie „Diversity Matters even more“ stellen die McKinsey-Expert:innen fest, dass Unternehmen mit mehr Frauen in Führungspositionen weltweit eine um 39 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit haben, überdurchschnittlich profitabel zu sein, als Unternehmen mit der geringsten Diversität. Auch beim Faktor ethnische Diversität liegt die Aussicht auf höhere Gewinne bei 39 Prozent. Analysiert wurden für die neue Studie Daten von mehr als 1.200 Unternehmen in 23 Ländern.
Innovativer und anpassungsfähiger

„Diverse und inklusive Unternehmen sind innovativer und anpassungsfähiger, daher performen sie auch besser. Das gilt mittlerweile als erwiesen“, sagt Karl-Heinz Strauss, CEO beim Baukonzern PORR AG. Das Unternehmen fokussiert sich deshalb jedes Jahr auf bestimmte Projekte und Bereiche, die es besonders fördern möchte. „Diese werden durch eine Markt- und Unternehmensanalyse hergeleitet, wobei auch lokale Faktoren für die Prioritäten jedes Marktes einfließen. Im vergangenen Jahr haben wir zum Beispiel etliche Angebote für Frauen lanciert, wie gruppenweites Frauenmentoring und Micro-Workshops“, erklärt Strauss.
Diversität steht für ihn selbstverständlich auf der Agenda des Unternehmens: „Bauen ist seit jeher ein sehr diverses Geschäft. Schon als die PORR vor mehr als 155 Jahren gegründet wurde, wurden dort Menschen aus allen Teilen der Monarchie beschäftigt. Heute sind jeden Tag Arbeitskräfte aus 80 verschiedenen Nationen und unterschiedlichen Altersgruppen für uns tätig. Wir haben zum Beispiel Baustellen, auf denen drei verschiedene Generationen derselben Familie beschäftigt sind, das freut uns sehr. Wir glauben, dass gerade diese Vielfalt eine große Stärke des Unternehmens ist.“
Erfolgsfaktor Diversität
Gründe, sich mit dem Thema Diversity auseinanderzusetzen, gibt es genügend. Denn Vielfalt ist nicht einfach nur ein Etikett, das Unternehmen sich anheften, und schon gar kein Selbstzweck – Diversität ist ein Erfolgsfaktor. Unternehmen, die das übersehen, verschenken Chancen. Je diverser ein Team aufgestellt ist und je mehr unterschiedliche Gruppen in ihnen vertreten sind, desto wahrscheinlicher ist zum Beispiel, dass bislang verborgene Marktpotenziale und Bedürfnisse verschiedener Kundenkreise erkannt werden. Diversen Teams gelingt es viel besser, die komplexen Welten ihrer Kund:innen zu verstehen. „Wer vielfältig ist und Vielfalt lebt, kann auch auf verschiedene Kund:innen, Stakeholder, Mitarbeiter:innen und Partner:innen eingehen und so auch einen Wettbewerbsvorteil generieren“, konstatiert die Wirtschaftskammer Wien.
„Diversität ist ein deutlicher Mehrwert“, betont auch die Wiener Städtische Versicherung auf ihrer Website. Astrid Limberger aus dem Bereich HR Management, Marketing und Kommunikation konkretisiert dieses Statement: „Diversität ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor, um eine respektvolle, leistungsstarke und kreative Unternehmenskultur zu etablieren. Eine vielfältige Belegschaft mit verschiedenen Perspektiven, unterschiedlichen Erfahrungen und Talenten führt zu innovativeren Ideen und besseren Problemlösungsstrategien – Kompetenzen, die gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten sehr wichtig sind.“
Vielfalt „von oben“ leben
Damit dies gelingt, braucht es Ideen – und zwar solche, die in homogen zusammengestellten Teams oft gar nicht erst aufkommen, weil es an unterschiedlichen Erfahrungen und Sichtweisen mangelt. Und damit ist es noch nicht getan: Wird innovativen Persönlichkeiten Raum gegeben, müssen ihre Ideen im Unternehmen auch unterstützt und weiterentwickelt werden. Deshalb ist es so wichtig, dass Vielfalt „von oben“ gelebt wird und auch die Führungsebenen möglichst divers zusammengesetzt sind.
Die Diversity-Strategie der Wiener Städtischen umfasst sowohl allgemeine als auch spezifische Maßnahmen. „Zu den allgemeinen Initiativen gehören unter anderem Diversity-Schulungen für Lehrlinge, neue Mitarbeitende sowie Workshops zu unbewussten Vorurteilen und interkultureller Kommunikation. Außerdem bieten wir Antidiskriminierungstrainings für Mitarbeitende und Führungskräfte an, um ein respektvolles Miteinander zu fördern“, so Astrid Limberger.
Spezifische Maßnahmen bietet das Unternehmen in den Bereichen Geschlecht und sexuelle Orientierung sowie Behinderung und Altersdiversität. Darunter sind etwa das Frauen-Netzwerk FRiDA, das mehr als 500 Mitglieder umfasst und Themen wie Female Empowerment, Karriereförderung, Führung und Vernetzung behandelt, die Unterstützung des Forschungspreises „Pride Biz Austria“ oder verschiedene Familienangebote wie ein Betriebskindergarten, lebensphasenorientierte und flexible Arbeitszeitmodelle sowie Pflegeangebote.
Kriterium bei der Jobwahl
Das Bauunternehmen PORR setzt auf Diversity-Maßnahmen mit besonderem Fokus auf die Bereiche Geschlechter, Alter, Ethnien und Gesundheit. „So verbessern oder erweitern wir unser bestehendes Programm. In Zukunft wollen wir im Bereich Menschen mit Einschränkungen oder Behinderungen verstärkt handeln, etwa bei der digitalen Barrierefreiheit“, berichtet Karl-Heinz Strauss.
Auch beim Auftritt als Arbeitgeber und in der Ansprache von Bewerbenden weist das Unternehmen bewusst auf die Vielfalt in all ihren Facetten hin: „Über alle unsere Recruiting-Kanäle vermitteln wir im Storytelling entsprechende Botschaften, zum Beispiel zeigen wir Videos mit Frauen in technischen Positionen. Bewerbenden wollen wir so die Gelegenheit geben, möglichst viele Personen und Teams kennenzulernen. Die Rückmeldungen sind durchweg positiv. Man merkt, dass Diversität im Unternehmen gerade für jüngere Kandidatinnen und Kandidaten eine Rolle bei der Jobwahl spielt“, so der PORR-Vorstand.
Höhere Arbeitgeberattraktivität
Gelebte Diversität erhöht die Arbeitgeberattraktivität deutlich. Viele Bewerberinnen und Bewerber achten auf das Bekenntnis zur Vielfalt in einem Unternehmen – und auf das, was dahintersteckt. Das zeigen etwa Ergebnisse der Studie „Vielfalt am österreichischen Arbeitsmarkt“ des Beratungsunternehmens PwC und der Kommunikationsagentur Ketchum aus dem Jahr 2022:
68 Prozent der Befragten gaben bei der Umfrage an, dass für sie eine klare Positionierung des Arbeitgebers gegen Rassismus von großer Bedeutung sei.
60 Prozent ist bei der Jobsuche Einsatz für Vielfalt am Arbeitsplatz wichtig.
58 Prozent erwarten hierfür klarere Konzepte und Strategien in den Unternehmen.
44 Prozent der unter 29-Jährigen sind der Meinung, dass nicht weiße Menschen in Unternehmen zu wenig gefördert werden.
Für die Wiener Städtische Versicherung ist Diversity ein zentrales Thema beim Recruiting-Prozess. „Damit positionieren wir uns nach innen und nach außen als attraktiver Arbeitgeber. Wir betonen, dass bei uns der Mensch im Mittelpunkt steht und wir alle Bewerbungen willkommen heißen, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung oder anderen persönlichen Merkmalen. Dies ermöglicht uns, eine vielfältige und talentierte Zielgruppe anzusprechen“, stellt Recruiting-Leiterin Kathrin Donhauser heraus. „Indem wir ein inklusives Arbeitsumfeld fördern, steigern wir nicht nur die Zufriedenheit unserer Mitarbeitenden, sondern gewinnen auch neue Perspektiven, die zur Weiterentwicklung des Unternehmens beitragen. Bewerber:innen bewerben sich gezielt bei uns, weil wir viel im Bereich Diversity anbieten. Für uns ist das ein Zeichen, dass unser Employer Branding wirksam ist.“
Mit Widerständen umgehen
Viele Beispiele zeigen, dass diverse Teams und Unternehmen in der Lage sind, Arbeitsprozesse schneller voranzutreiben. Sie profitieren von einer gestärkten Unternehmenskultur, höherer Leistungsbereitschaft und einem intensiveren Zusammengehörigkeitsgefühl. Doch tief greifende Veränderungsprozesse können auch Widerstände provozieren. Das ist gerade bei einem gesellschaftlich relevanten Thema wie Diversity nicht anders.
Bei einer Umfrage unter den Unterzeichnern der Unternehmensinitiative „Charta der Vielfalt“ in Deutschland äußerte knapp ein Drittel der Befragten, in der Vergangenheit mit Widerständen gegen ihr Engagement für Diversität und Inklusion konfrontiert gewesen zu sein. „Diversity Management erzeugt generell mehr Widerstand als kein oder wenig Diversity Management“, so die Autor:innen der Studie. Hier muss das Top-Management vorangehen, Führungskräfte mitnehmen und sensibilisieren und Vorbilder im Unternehmen fördern.
Vielfalt als Herausforderung
„Vielfalt ist eine Bereicherung, aber kann gleichzeitig eine Herausforderung sein. Sie regt dazu an, eigene Vorurteile zu hinterfragen und sich auf neue, manchmal ungewohnte Arbeitsweisen sowie Perspektiven einzulassen“, stellt Astrid Limberger von der Wiener Städtischen Versicherung fest. „Zu unseren Diversity-Initiativen erhalten wir überwiegend positive Rückmeldungen. Jobsuchende entscheiden sich aktiv für uns als Arbeitgeber, gerade weil wir viel in diesem Bereich anbieten. Auch unsere Mitarbeiter:innen schätzen die Offenheit und den respektvollen Umgang miteinander.“
Karl-Heinz Strauss gesteht zu, dass das Andersartige im ersten Moment auch befremdlich wirken kann. „Zum Beispiel kann die Kommunikation aufgrund unterschiedlicher Stile, Sprachen oder kultureller Hintergründe herausfordernd sein. Wir bieten Mitarbeitenden hier Unterstützung. Natürlich zunächst sprachlich: So ist in jeder Partie jemand, der übersetzen kann.“ Es gibt aber auch Hilfe bei der Konfliktlösung: „Sind die Anfangsschwierigkeiten erst einmal überwunden, erweitert sich für viele Menschen der Horizont. Sie finden gemeinsam neue Wege oder passen sich einander an. Diesen Schulterschluss zu sehen, ist etwas sehr Schönes“, hebt der PORR-CEO hervor.
Noch viel zu tun
Manche Anforderungen an Diversität sind in den Unternehmen bereits umgesetzt. Vieles ist aber auch noch zu tun, um wirklich allen Bewerbenden und Mitarbeitenden gleiche Chancen zu bieten, ihre Talente gewinnbringend einzubringen.
„Was die Vielfalt in Führungspositionen betrifft, sind wir bereits auf einem guten Weg: Eine 50:50-Geschlechtsverteilung im Vorstand unterscheidet uns deutlich von vielen anderen Unternehmen. Allerdings gibt es noch Bereiche, wie zum Beispiel im Vertrieb, in denen wir weiterhin Handlungsbedarf sehen“, findet Astrid Limberger von der Wiener Städtischen. „Außerdem wollen wir Diversity in allen Abteilungen stärker fördern und den Abbau unbewusster Vorurteile kontinuierlich vorantreiben. Das sind langfristige Ziele, an denen wir weiterhin aktiv arbeiten werden.“ Denn es bleibt dabei: Diversität funktioniert nicht von alleine.
Warum diverse Unternehmen erfolgreicher sind
Kreativität und Innovation: Ähnliche Persönlichkeiten haben ähnliche Ideen. Der Austausch innerhalb diverser Teams setzt dagegen mehr Kreativität und Innovationskraft frei.
Produktivität und Effizienz: Diverse Unternehmen profitieren von einer höheren Leistungsbereitschaft ihrer Teams. Diese sind in der Lage, Arbeitsprozesse schneller voranzutreiben.
Mitarbeitendenbindung: Diversität geht mit einer gestärkten Unternehmenskultur einher. Zusammengehörigkeitsgefühl und Arbeitsklima erhöhen die Bindung der Mitarbeitenden.
Talentgewinnung: Diversity vergrößert den Pool potenzieller Fachkräfte für ein Unternehmen. Vielfalt am Arbeitsplatz ist ein wichtiges Kriterium für Bewerber:innen.
Neue Kund:innen und Märkte: Diverse Teams verstehen die komplexen Welten ihrer Kund:innen viel besser. Das lässt sie verborgene Markt- und Wachstumspotenziale erkennen.
Unternehmensimage: Ein Unternehmen, das auf Vielfalt seiner Mitarbeitenden und Kund:innen setzt, wird als innovativ und sozial verantwortlich wahrgenommen.






