ChatGPT steht am Anfang einer langen Reise. Gewaltiges Potenzial für die Zukunft habe künstliche Intelligenz zweifellos, sagt der Wiener Organisationspsychologe Christian Korunka zu UNIMAG, gleichzeitig berge sie unerforschte Risiken. Ganz ähnlich wie es im Homeoffice, durch die Coronakrise beflügelt, Licht und Schatten gebe. Einem neuen, aber umstrittenen Trend traut der Experte einen baldigen Durchbruch zu.

Wenn Christian Korunka in seine Glaskugel schaut, dann sieht er Altenpfleger und Roboter gemeinsam durch die Gänge des Pflegeheims gehen. „Der AI-gesteuerte Roboter hebt den Patienten vorsichtig hoch. Der Altenpfleger spricht mit dem Patienten und bekommt keinen Bandscheibenvorfall mehr. So könnte die Zukunft in der Altenpflege aussehen. Diese Entwicklung wird schnell kommen, weil der Bedarf groß ist“, so der Universitätsprofessor, der den Arbeitsbereich „Arbeits- und Organisationspsychologie“ an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien leitet.
„Künstliche Intelligenz könnte uns unkreativer machen“
Die Beziehung zwischen Mensch und Maschine wird immer enger, entwickelt sich vielerorts zu einer heißen Affäre am Arbeitsplatz, nicht nur in der Industrie, auch in wissensbasierten Akademiker- und Schreibtischjobs. Der Siegeszug von ChatGPT und anderen KI-basierten Bots hat diese Entwicklung nur noch verstärkt. Im Personalwesen beispielsweise könnte künstliche Intelligenz die oft elend langen Auswahlverfahren verkürzen, die Masse an eingehenden Bewerbungsunterlagen und Daten zügig filtern und verarbeiten. Den Personalern bliebe so mehr Zeit für persönliche Gespräche. In der Medizin ist die KI schon heute ein potenter Helfer in der Bildgebung, etwa in der Radiologie oder der Dermatologie, kann Tumore, Entzündungen oder andere Anomalien genauer erkennen als das menschliche Auge. KI-Ethiker glauben sogar, dass künstliche Intelligenz vor Gericht blitzschnell Statistiken auswerten und Schuldfragen auf diese Weise nüchterner als Menschen bewerten, letztlich fairere Urteile fällen, zum Adjutanten der Richter aufsteigen könnte. „Bessere Tätigkeiten werden durch künstliche Intelligenz aufgewertet, einfache Tätigkeiten werden nicht mehr gebraucht und gehen verloren“, prophezeit Christian Korunka. Laut einer Analyse von Wissenschaftlern der technisch-naturwissenschaftlichen Hochschule von Lausanne (EPFL) und der Universität Lausanne haben von 1.000 untersuchten Professionen Physiker das geringste Risiko, von einer Maschine ersetzt zu werden, Schlachter und Fleischpacker hingegen das größte.

Die Wechselwirkung zwischen artifizieller Intelligenz und den Menschen am Arbeitsplatz indes ist ein bisher unerforschtes Terrain, die Frage noch nicht beantwortet, wie sich ChatGPT und Co. auf die Leistung und das Verhalten ihrer menschlichen Anwender auswirken. „Die AI kann die Entscheidungsautonomie untergraben. Und dies wäre zweifellos negativ, weil Autonomie für Menschen essenziell ist“, warnt Korunka. Es ist naheliegend anzunehmen, dass sich Menschen für weniger kompetent, gebraucht oder wertvoll halten, wenn sie immer mehr Aufgaben und auch Verantwortung an die KI übertragen. Korunka ergänzt: „Die Vermutung, dass KI die Kreativität reduziert, ist sehr plausibel. Das könnte zu einer Verringerung kognitiver Fähigkeiten führen.“ Texte schreiben, Bilder kreieren, Vorträge halten — schon heute ist dies dank ChatGPT, Midjourney und Co. problemlos möglich, ohne die grauen Zellen übermäßig zu strapazieren.
Andererseits schreiten die KI-Helfer nicht unaufgefordert ans Werk. Erst wenn ein Mensch Befehle, sogenannte Prompts, in den Rechner eintippt, präsentieren die KI-Chatbots ihre Ergebnisse. „Wenn Sie sich eine gute Bachelorarbeit von ChatGPT schreiben lassen möchten, dann müssen Sie zunächst gute Prompts verfassen. Das ist ja nicht so einfach. Sie müssen die Fragen schon sehr gut stellen“, so Christian Korunka. Auch aus der Werbebranche ist beispielsweise zu hören, dass ChatGPT, Midjourney, Dall-E oder Suno AI die Kreativität keinesfalls abwürgen, sondern im Gegenteil beflügeln würden, da sich mit ihrer Hilfe immer ausgefallenere Hirngespinste verfolgen, immer kreativere Arbeiten herstellen ließen.
„Homeoffice“ in acht Prozent aller Stellenanzeigen

Messen könnte die künstliche Intelligenz im Übrigen auch, wie viel und wie produktiv Mitarbeitende im Homeoffice arbeiten. Neu ist der Trend zur Heimarbeit nicht, aber er verstetigt sich. Laut einer Auswertung der Personalmarktforschung Index Research im Auftrag von UNIMAG haben in Österreich im Jahr 2023 rund 8.850 Arbeitgeber in mehr als 170.000 Stellenanzeigen aktiv auf die Möglichkeit zur Arbeit im „Home Office“ oder zu „Remote Work“ hingewiesen. 2019 enthielten diese Begrifflichkeiten nur knapp 12.000 Stellenanzeigen von zirka 1.200 Arbeitgebern. Damit thematisieren immerhin schon acht Prozent aller Stellenanzeigen in Österreich Homeoffice-Optionen, 2019 waren es erst zwei Prozent. Index Research hatte dafür 24 Printmedien, 55 Onlinebörsen und 77.000 Firmenwebseiten aus Österreich analysiert.
Studien deuten darauf hin, dass sich mobile Arbeit positiv auf die Produktivität auswirkt — allerdings nur, wenn sie zuhause erledigt wird und nicht irgendwo im Café oder gar an einem balearischen Strand. Gleichzeitig arbeiten Menschen im Heimbüro tendenziell länger. Eine im Fachmagazin Nature veröffentlichte Studie kommt außerdem zu dem Schluss, dass „über alle Fachgebiete, Zeiträume und Teamgrößen hinweg die Wahrscheinlichkeit, dass Forscher in diesen Remote-Teams bahnbrechende Entdeckungen machen, durchweg geringer ist als bei ihren Kollegen vor Ort.“
„Es gibt viele Vorteile durch das Homeoffice, aber sie haben ihren Preis“, sagt Christian Korunka. „Die Bindungen, die sowieso schon abnehmen, nehmen im Homeoffice noch mehr ab. Es gibt Studien, die zeigen, dass sogar Karriereverläufe eingeschränkt sind von Leuten, die immer im Homeoffice sind. Warum ist das so? Man sieht sie nicht. Zur Karriere gehört Sichtbarkeit dazu.“
Daran, dass Augmented Reality oder das Metaversum in Zukunft eine Brücke zwischen Homeoffice und Präsenz schlägt, glaubt der Organisationspsychologe nicht. „Bisher hat sich Augmented Reality nicht durchgesetzt, obwohl die Technik schon relativ weit ist“, so Korunka. „Man kann persönliche Kontakte bis zu einem gewissen Grade virtualisieren. Ich glaube aber, dass es gewisse persönliche Notwendigkeiten gibt, die man durch Virtualisierung nicht ersetzen kann.“ Dazu zählten spontane Begegnungen in der Kaffeeküche oder der informelle Austausch im Büro. „In der Covid-Zeit haben viele versucht, das Informelle nachzusimulieren“, erinnert sich Korunka. „Es gab diese Frühstücke um 10 Uhr, bei denen jeder sein Kipferl daheim vor dem Bildschirm gegessen und seinen Kaffee getrunken hat. Das hat schnell wieder aufgehört, weil es irgendwie komisch war. Diese Technik stößt an Grenzen.“
Viele Arbeitgeber haben in der Covid-Zeit gleichwohl gelernt, das Heimbüro in die Unternehmensrealität zu integrieren. „Es pendelt sich irgendwo in der Mitte ein“, meint Christian Korunka, bei zwei bis maximal drei Remote-Tagen pro Woche. Die beliebtesten Daheimbleibtage, das zeigen Umfragen, sind der Montag und der Freitag. „Es ist ein Privileg, im Homeoffice zu arbeiten“, gibt Korunka zu bedenken, denn längst nicht alle Jobs sind mit ihm kompatibel. Dazu zählten Tätigkeiten wie Altenpfleger, Müllwerker, Verkäufer oder Reinigungskraft, aber auch typische Akademikerberufe wie Arzt, Apotheker, Ingenieur und Lehrer.
Die vollständige Rückkehr ins Büro erscheint jedenfalls, wenngleich sich so manches US-Tech-Unternehmen darum bemüht, unrealistisch. Denn gleichzeitig haben viele Unternehmen ihre Büroflächen reduziert, um Kosten zu sparen. Die hybriden Modelle, die sich vielerorts durchgesetzt haben, sehen wechselnde Arbeitsplätze für die Beschäftigten im Büro vor. Das gilt als flexibel und effizient, kann aber für den Einzelnen anonym und unbehaglich werden. „Die New-Office-Konzepte laufen unterschiedlich gut“, sagt Christian Korunka, der sich an eine ganz spezielle Begebenheit erinnert: „Früher gab es in Büros Schreibtische mit Bildern und Blumen. Die gibt es in modernen Büros nicht mehr. In einem habe ich gesehen, dass dort Blümchen an die Wand gemalt worden waren. Das Bedürfnis nach den Blumen ist vorhanden, aber sie haben keinen Platz im New-Office-Konzept, also malt man sie an die Wand.“
Als Nächstes werde die Debatte über die Vier-Tage-Woche an Fahrt aufnehmen, meint Korunka. „Die Vier-Tage-Woche wird sich durchsetzen. Und sie wird sich tendenziell positiv auswirken“, glaubt der Wissenschaftler. „Wir haben die Vier-Tage-Woche in einem größeren Unternehmen untersucht. Einige Mitarbeitende, die drei Stunden täglich pendeln, haben sie als riesengroßen Gewinn erlebt. Für Beschäftigte, die genau neben der Arbeitsstätte wohnen, kann sie dagegen ein Nachteil sein.“ Gleichzeitig wächst der Widerstand, Forscher des Wiener Economica-Instituts für Wirtschaftsforschung warnten erst kürzlich vor einer Reduktion der Wochenarbeitszeit von den derzeit üblichen 38,5 auf 32 Stunden. Damit würde ein Beschäftigter im Laufe seines Erwerbslebens real bis zu 350.000 Euro verlieren. Laut Marktforschungsagentur Index Research vermehrten sich die Stellenanzeigen in Österreich, in denen das Modewort „Work-Life-Balance“ oder verwandte Begriffe wie „familienfreundlich“ enthalten waren, von rund 2.450 im Jahr 2019 auf zirka 8.350 im Jahr 2023. Damit sprechen mittlerweile elf Prozent aller Stellenanzeigen aktiv die Work-Life-Balance an. Die Suche nach der richtigen Balance zwischen Büro und Homeoffice, zwischen KI und Menschengehirn, sie ist noch lange nicht beendet.






