Es war der 11. Mai 2014: der Tag, an dem die Queen of Austria, Conchita Wurst, den Song Contest in Copenhagen gewann und ich beschlossen habe, 2015 beim Song Contest in Wien dabei sein zu müssen. Nicht als normaler Zuschauer, sondern mittendrin. Und: es hat geklappt! Es folgt ein Rückblick auf den ESC aus Sicht eines Volunteers.

Der Zeitpunkt des Song Contests im Mai 2015 hätte nicht besser sein können: keine Uni mehr und meine Arbeit kann ich mir frei selbst einteilen. Somit war auch gesichert, dass ich genug Zeit für den ESC aufbringen konnte. Ende Dezember vergangenen Jahres war es endlich so weit, die Bewerbungsphase für Volunteers hatte begonnen und meine Bewerbung war abgeschickt. Nach zwei Casting-Runden im Frühjahr trudelte im April endlich die erlösende Nachricht ein, die mir einen Freudenschrei entlockte: „DU BIST DABEI!“ Juhu!

Vorfreude – Enttäuschung – Freude

Einige Tage später wurde meine Freude etwas getrübt: bei den Castings war immer die Rede davon, dass ich – naheliegenderweise – im Social Media- oder Presse-Team eingesetzt werden sollte. Stattdessen wurde ich dem Bereich „Security Checkpoint Services“ zugeteilt. Auch wenn die Verwunderung groß war – immerhin hatte ich noch nie von diesem Bereich gehört und mich schon gar nicht dafür beworben – ich wollte erst mal alles auf mich zukommen lassen. Bereits am 8. Mai 2015 stand unsere große Kick Off-Party am Programm: alle 800 Volunteers erstmals auf einem Haufen! (Fast) Niemand kannte zu diesem Zeitpunkt andere Volunteers, umso gespannter blickten alle diesem Abend entgegen und für mich stellte sich bereits die erste Challenge: alleine auf eine Party gehen, wo ich niemanden kenne. Challenge accepted und bestanden! Der Vorteil, wenn niemand jemanden kennt, liegt auf der Hand: jeder ist darauf angewiesen, sich mit irgendjemandem zu unterhalten. Auf diese Weise lernt man in kurzer Zeit viele Menschen kennen und checkt schnell ab, mit wem man gut kann und mit wem eher nicht. Glücklicherweise lernte ich auf dieser Party ausschließlich nette Leute kennen, was eine große Erleichterung war, schließlich mussten wir die nächsten zwei Wochen miteinander verbringen. Die Party hatte nur einen Wehrmutstropfen: man durfte nicht gehen, wann man wollte. Als ich mich auf den Heimweg machen wollte, hielt mich der Security mit den Worten „Wenn du eh in Wien wohnst, kannst später auch noch heimfahren. Jetzt dürfen nur Leute gehen, die nicht aus Wien sind und später nicht mehr heim kommen würden“ vom Heimfahren ab. WTF?! Kleinigkeiten wie diese hinterlassen zwar einen schlechten Beigeschmack, insgesamt war die Party aber ein voller Erfolg, der gleich am nächsten Tag seine Fortsetzung fand.

Kick-Off

Unser Kick-Off-Event stand an, bei dem wir auch endlich erfuhren, was genau unsere Aufgaben sein würden. Begonnen hat der Tag mit einer Team-Building-Übung: einem Trommel-Workshop. Klingt erstmal nicht besonders spannend, aber die Energie, die entsteht, wenn 800 Leute miteinander trommeln, lachen und sich gegenseitig applaudieren, ist einfach unbeschreiblich! Voller Energie wurden wir nun in unsere Teams eingeteilt und lernten unsere Teamleaderinnen und unseren „Chef“ kennen. Auf seine Erklärungen folgte erstmal große Enttäuschung: niemand von uns hatte sich für diesen Bereich gemeldet (bei der Bewerbung existierte dieser Bereich noch nicht mal) und was uns erzählt wurde, klang alles andere als spannend. Ich war nicht die Einzige, die überlegte, ob ich nicht vielleicht doch aufhöre und es sein lasse. Im Nachhinein kann ich nur sagen: zum Glück habe ich nicht aufgehört. Bei einem Rundgang durch die Stadthalle wurde uns gezeigt, wo unsere Einsatzbereiche sein werden und plötzlich realisierten wir, dass wir es anscheinend doch ziemlich gut erwischt hatten.

Der Einsatz: wie es wirklich war

Bereits am übernächsten Tag wurde ich zum ersten Mal eingeteilt und konnte es kaum erwarten, alles zu sehen. Immerhin war es der Tag, an dem die ersten Delegationen in der Stadthalle ankamen und die ersten Proben und Pressekonferenzen stattfanden. Unsere Aufgaben sind schnell erklärt: wir standen überall dort, wo Securities standen (allerdings konnten wir uns die genauen Bereiche selbst aussuchen, sodass wir nur in Bereichen waren, wo man viel vom Geschehen mitbekommen konnte), beantworteten Fragen von Journalisten und Delegationen und achteten nebenbei darauf, dass niemand in einen Bereich geht, in den er nicht darf. Kurz gesagt: (fast) nichts tun, dafür viel tratschten, lachen und noch mehr beobachten. Unsere Einsatzbereiche waren sowohl in der Delegations-Area, im Pressezentrum, bei den Pressekonferenzen als auch Backstage, und auch bei den Proben konnten wir zusehen. Besser konnte es also gar nicht kommen. Vor den Shows konnten wir den KünstlerInnen dabei zuhören, wie sie sich einsangen, den TänzerInnen dabei zusehen, wie sie sich aufwärmten und ihre Choreografien durchtanzten, die Moderatorinnen dabei beobachten, wie sie nochmal konzentriert ihre Texte durchgingen, aufgeregten MusikerInnen bei aufgeregten Gesprächen belauschen und nebenbei noch mit KollegInnen und Securities (die übrigens allesamt sehr, sehr nett und immer für einen Spaß zu haben waren) plaudern.

Auch wenn unsere Aufgabe nicht die aller wichtigste war, die ich jemals hatte: die Stimmung und die Atmosphäre beim ESC sind einfach einzigartig und mit keinem „normalen“ Konzert zu vergleichen. Vor allem in der zweiten Woche, als die ersten Shows vor Publikum stattfanden, spürte man schon beim Aussteigen aus der U-Bahn die Vorfreude, denn bereits Stunden vor Einlass strömten hunderte Menschen mit Fahnen aus allen möglichen Ländern zur Stadthalle, machten gemeinsam Fotos, umarmten sich gegenseitig und wünschten sich Glück. Das ist das, was den ESC ausmacht: auch wenn die Länder in Konkurrenz zueinander stehen, verbindet sie doch die Vorfreude und die Begeisterung auf eine große, gemeinsame Party, bei der nicht ein Sieg im Vordergrund steht, sondern gemeinsam eine gute Zeit zu erleben.

Das gilt nicht nur für das Publikum, auch die KünstlerInnen waren sichtbar glücklich, dabei zu sein und genossen dieses besondere Flair. Als beispielsweise das 2. Semifinale stattfand und die Länder verkündet wurden, die ins Finale aufstiegen, stand ich gerade bei der Delegation aus Isreal. Nur noch ein Platz für das Finale war frei und Nadav Guedj, der Golden Boy aus Isreal, wurde immer noch nicht aufgerufen. Die Anspannung und Nervosität waren greifbar und die Erlösung, als die Moderatorinnen „ISREAL!“ aufriefen – unglaublich! Noch nie habe ich solche Freudenschreie gehört, die Erlösung und pure Freude vereinten. Die englischen, italienischen und österreichischen KandidatInnen, die gerade aus der Halle zurück gekommen waren, stürmten sofort zur israelischen Delegation und umarmten sie, sprangen mit ihnen herum und freuten sich mit. Gänsehaupt-Feeling pur! Auch die anschließende Pressekonferenz mit allen Delegationen, die ins Finale gekommen waren, war eines der Highlights: die Journalisten, die beim Song Contest sind, sind großteils selbst große Fans und schon seit vielen Jahren immer wieder beim ESC. Dementsprechend haben auch sie mitgefiebert und freuten sich wie kleine Kinder. Solch emotionale Pressekonferenzen wie beim ESC erlebt man sonst nirgends: ein amerikanischer Journalist gratulierte der polnischen Kandidatin Monika Kuszyńska, die seit einem schweren Autounfall im Rollstuhl sitzt, nicht nur zu ihrem Aufstieg ins Finale sondern auch zu ihrem starken Willen. Immer wieder kamen ihm dabei die Tränen und die Stimme brach ihm weg. Ein slowenischer Journalist war so begeistert, dass er beim Stellen seiner Frage fast hyperventilierte, eine andere war ebenfalls so aufgeregt, dass einer der Künstler sie daran erinnern musste, doch nicht auf das Atmen zu vergessen. Unsere Aufgabe bei der Pressekonferenz war, die Dominic Heinzls dieser Welt daran zu hindern, in die Delegations-Bereich (zu dem Journalisten keinen Zutritt hatten) zu kommen und die Fans (es gab Fans mit Akkreditierung, die dazu berechtigt waren, die Pressekonferenzen zu besuchen) in Zaum zu halten. Besonders die italienischen Kandidaten Il Volo hatten es den Fans angetan. Was sich auch zeigte, als die drei Herren an mir vorbei in den Delegations-Bereich gingen und sich mit einer Umarmung verabschiedeten. Wenn die Blicke der Fans töten könnten, würde ich heute sicher nicht mehr auf dieser Welt sein!

Finale!

Am Finaltag, kurz bevor die Show startete, stellten sich einige von uns Volunteers auf, bildeten einen Spalier und verabschiedeten die KünstlerInnen, die sich auf den Weg zu Halle machten. Ein großartiges Gefühl, sowohl für uns Volunteers, als auch für die Delegationen, die sich so auf ihren Auftritt einstimmen konnten.
Auch das Finale, das wir live in der Halle mitverfolgten, weil dort einer unserer „Security Checkpoints“ war, war natürlich eines der Highlights. Es war ein komisches, aber tolles Gefühl, all das, was man bereits zwei Wochen lang ohne Publikum gesehen hat, und die KünstlerInnen, die man seit zwei Wochen ständig sieht nun live vor 10.000 Menschen und bei gigantischer Stimmung performen zu sehen. Den Blicken der Leute um uns herum zu urteilen, wunderten sie sich, warum wir alle bei absolut jedem Lied mitsingen konnten. Man kann sich also vorstellen, welch einen Stellenwert der Song Contest während dieser Wochen bei uns eingenommen hat: den ganzen Tag hörten und sahen wir in der Stadthalle immer wieder die Proben. Trotzdem konnte ich nicht genug von einigen der Songs bekommen und hörte selbst in meiner (rar gewordenen) Freizeit ausschließlich ESC-Songs. Zum Glück ging es den anderen Volunteers nicht anders, wie man an unserer Textsicherheit erkennen konnte. Ein (lustiges) Highlight war, als ich den belgischen Kandidaten Loïc Nottet (der noch dazu mein persönlicher Favorit war) zur Toilette eskortieren musste. Der Green Room befand sich dieses Mal erstmals nicht Backstage, sondern direkt in der Halle. Deswegen mussten die KandidatInnen, wenn sie ein dringendes Bedürfnis verspürten, einige Meter durchs Publikum gehen. Deswegen, und auch, weil sie während der Show ihre Akkreditierungen nicht trugen und deswegen eigentlich nirgends hingehen durften, musste sie immer jemand von uns begleiten.

Bei all der Euphorie und Freude machte sich langsam Traurigkeit und die Angst vor dem bevorstehenden Abschied breit. Immer wieder hörte man unter uns Volunteers den Satz: „Ich kanns gar nicht glauben, dass heute schon das Finale ist“. Trotzdem wollten wir den letzten Abend noch auskosten, so gut es ging, und verbrachten deshalb die Punktevergabe nicht mehr in der Halle, sondern mit den JournalistInnen im Pressezentrum. Auch dort war die Stimmung unschlagbar: vor allem die schwedischen JournalistInnen drehten natürlich völlig durch.

Am nächsten Tag stand noch ein weiterer Höhepunkt für uns Volunteers bevor: unsere Abschlussparty in der Ottakringer Brauerei, die schon die ganze Woche zuvor als Location des EuroClubs diente, zu dem nur JournalistInnen und Delegationen (und wir) Zutritt hatten. Nachdem die EuroClub-Partys dort schon sehr gut waren, konnte die Volunteers-Party nur ein Erfolg werden! Auch wenn zu Beginn Abschiedsschmerz und Wehmut im Vordergrund standen (als ein „Thank You“-Video gezeigt wurde, bei dem sich ein Großteil der Delegationen bei uns bedankten, blieb wahrscheinlich kein Auge trocken), folgte eine rauschende Party, an die ich mich nicht mehr vollständig erinnere. Wir blieben jedenfalls bis zum Schluss, bis die Musik endgültig abgedreht wurde und wir rausgeschmissen wurden.

Over and out

Was für ein schöner Abschluss für eine unvergessliche Zeit, die einen viel größeren Platz in meinem Leben und – um noch pathetischer zu werden – in meinem Herzen eingenommen hat, als ich es mir jemals erträumt hätte. Ich habe bei einem Radio-Interview gesungen, vor einer Kamera getanzt, mit Mirjam Weichselbrauns Schwester gesprochen und dabei wegen ihres Tiroler Akzents kein Wort verstanden und deswegen einfach irgendwas geantwortet – kurz gesagt: es liegen zwei Wochen mit vielen neuen Erfahrungen, viel Spaß und Freude und viele neue Freundschaften, die hoffentlich noch lange halten werden, hinter mir. Ein Wiedersehen mit vielen ESC-Freunden ist jedenfalls geplant. Wer weiß, vielleicht sehen wir uns ja nächstes Jahr beim Song Contest in Schweden? Eine Überlegung ist’s wert.

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