Gestern Abend spielten die Jungs von Mother’s Cake anlässlich des Release ihres Albums „Creationks’s finest“ im Kultclub B72. Und übertrafen sich dabei selbst.

Es fing ruhig an, am Montag abend. Ich war schon um 20 Uhr am B72, ich solle meine Karten früh genug abholen, mailte mir der Manager der Band. Ich holte mir also brav meinen Stempel ab und stellte mich an die Bar, von der aus man die durch einen bärtigen Mann bewachten Türen zu jenem Raum beobachten konnte, in dem bald die Band auftreten sollte, für die ich gekommen war.

Zu Mother’s Cake kam ich, wie die Jungfrau zum Kind: Vor einigen Wochen bekam ich eine Mail, wie man doch nicht wenige bekommt. Neues Album, Band featuren, blabla, eh klar. Ich klickte mich durch den Pressfolder, dem das Album beigelegt war. Die Crux an unangefordertem Material ist zumeist die: Es hat seinen Grund, warum es unangefordert ist. Doch dann der erste Track. Dieser kommt in den ersten drei Akkorden daher wie eine Demoaufnahme. Dann das Schlagzeug, dann Bass und Gitarre. Und dann die Stimme. Und plötzlich hört sich nichts mehr an, wie Demo. Dann hört es sich an wie Weltniveau. Der Beat transformiert sich in einen harten Funk-Groove, um sich im Refrain in eine Sphäre zwischen Classic- und Progrock zu katapultieren. Alles ist abgestimmt, fließend, perfekt. Rhythmuswechsel, die so wunderbar ungeplant sind, dass sie wirklich überraschen. Die Bridge vor dem Finale, als ob At the drive in wiederauferstanden sind. Der ganze erste Track ist ein Schaustück der Rhythmik, Medodienwechsel und Riff-Ideen. Die nächsten Tracks überschlägt sich dieses Erstlingswerk mit Songideen. Dabei verweben die drei Tiroler das Erbe großer Bands wie Led Zeppelin, Mars Volta, Hendrix oder The Doors (die Liste ist schier unendlich) so selbstverständlich zu einem neuen Sound, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Episches Ende des 12 Tracks umfassenden Albums: Soul Prison Part II, die Fortführung ihrer bereits grandios mit Video versehenen Auskopplung. Dort zeigen die Jungs, welche kreative Gewalt hinter dem Trio steckt. Der Bass beginnt hier mit dem Riff, danach Hammond Sound und Schlagzeug. Riders on the storm, möchte man rufen, dann setzt die Gitarre wieder ein und erklimmt Stufe für Stufe die Höhen eines rockigen BB Kings, um dann komplett auszubrechen. Als hätten Hendrix und Page eine Strat zur Welt gebracht. Dann bricht es einfach ab. Stimmen erheben sich, werden mehr, mantraartig wiederholt, dann erhebt sich aus dem Hintergrund ein Mischwesen aus verzerrter Stimme und Gitarre, legt sich darüber, verfließt zu einem sphärischen Klangteppich. Leichte, eingestreute Dissonanzen erinnern an The Mars Volta. Der Sound wiegelt sich hoch bis zum Mechanischen, der Chor verstummt. Es ist Stille.

http://www.youtube.com/watch?v=KI_14pSKMdU&feature=youtu.be

Mich hat das Album also begeistert. Dann war ich im B72. Mittlerweile war es 21 Uhr. Die Menschen wurden mehr, die Luft stickiger, Bierdunst im Raum. Als fast kein Platz mehr im Vorraum war, wurden die Schleusen geöffnet und die Menschen flossen in den Konzertraum zur Vorband. Die spielten ein paar Lieder zur Einstimmung, bis es endlich ruhig wurde, um laut zu werden. Es war dunkel in dem engen Raum, der von oben her von einem Balkon gerahmt wird. Es ist egal, auf welchem Konzert man ist, es ist immer das gleiche Gefühl, bevor es beginnt. Dann ein junger Mann auf der Bühne. Und ein Didgeridoo. Er leitete die Show ein, nach und nach ließen sich die Jungs von besagtem Balkon herab (es war dann doch mehr ein Hängen und Klettern) und griffen zu ihren Werkzeugen. Was dann geschah ist für mich unerklärlich. Unerklärlich aus folgenden Gründen: Ich verstehe nicht genau, wie es eine junge Band schafft, das ewige Problem Liveband/Albumband derartig links liegen zu lassen. Mother’s Cake klingt auf dem Album wie Live. Und Live noch geiler. Da verbinden sie die Lieder so locker mit Zwischenspielen miteinander, da spielen sie schnelle Tracks um den Hauch schneller, dass er einem direkt in die Knochen fährt, da wachsen sie an ihren Instrumenten zu Meistern. Es gibt keine Oktavenverschiebungen zur Vereinfachung, kein Lick wird überspielt. Es ist die Potenzierung des Albums. Unverständlich, weil sie auch soundtechnisch keinen Fehler machen. Alles kommt an, Nuancen bleiben gehört, kein Effekt fehlt, alles tipptopp. Unverständlich, wie es eine junge Band schafft, ihr Publikum so dermaßen im Griff zu haben. Die Jungs wissen, wann sie aufdrehen müssen, wo es besser ist, zu steigern und zu bremsen. Und das spürt man. Und zu guterletzt bleibt mir eine große, nein, die größte Frage, deren Antwort ich aber leider erahnen kann: Warum zur Hölle spielen Mother’s Cake keine Hallen? Bands wie diese gehören raus auf die großen Bühnen. Auf die Festivals und Open Airs. Wenn Junge Leute es – wie Mother’s Cake – schaffen, ein solches Album zu produzieren, dass es nicht für nötig hält, sich mit Kinderkrankheiten abzugeben, wenn sie dann auch noch Shows spielen, an denen es nichts zu bemängeln gibt, sollte es selbstverständlich sein, dass sie so lange gefördert werden, bis sie sich nicht mehr um Miete, sondern nur um den nächsten Geniestreich kümmern müssen. Ich hoffe sehr, Wien, ja ganz Österreich kapiert endlich, das WuppWupp nicht die Antwort ist. Sondern handgemachte, ehrliche Musik. Oder es mit den Worten des großen Dave Grohl zu sagen: „[Music] is not about what goes on in a computer. It’s about what goes on in your heart and what goes on your head.“ In diesem Fall bin ich mehr als zuversichtlich.

Weitere Videos von Mother’s Cake

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