In ihren Clips tritt Alicia Edelweiss gerne kostümiert und überschminkt auf, mal in schimmernder Ritterrüstung, mal mit goldenen Engelsflügeln. Ihr Musikstil? Schwer zu definieren, als Freak-Folk, Anti-Folk, Chamber Pop oder Art Pop vielleicht. Im Mai erschien ihr zweites Studio-Album „Furie“, die im Juli in ihrem Geburtsort Waidhofen an der Ybbs gestartete „Tour de Furie“ läuft aktuell noch. Im Interview erzählt Alicia, die 1992 als Edelweiss Danner geboren wurde, warum sie nicht als Musikerin bezeichnet werden will, weshalb sie Misstrauen für eine gute Sache hält und wieso aus ihrem Hochschulabschluss wohl nichts mehr wird.

UNIMAG: Alicia, Du empfindest es als Beleidigung, als Musikerin bezeichnet zu werden. Als was sollte man dich bezeichnen?
Alicia Edelweiss: Ich meine das nicht so ganz ernst, aber ja, ich sehe mich als Künstlerin. Es gibt meiner Meinung nach viele Musiker*innen, die keine Künstler*innen sind. Es gibt gar nicht so viel Musik, bei der ich sage: Wow, das ist wirklich Kunst. Und ich empfinde mich halt selber eher als Künstlerin und nicht ausschließlich als Musikerin.
Wie muss man sich bei dir den kreativen Prozess vorstellen bei der Entstehung eines Songs oder einer Performance? Gibt es feste Rituale oder ist es eher eine wilde anarchische Angelegenheit?

Es ist eher Chaos. Ich bin auf jeden Fall keine, die sich jeden Tag oder jeden zweiten Tag hinsetzt und sagt: Ich arbeite jetzt an meiner Musik. Das passiert ganz zufällig zu irgendeinem Zeitpunkt, wenn ich Lust habe. Und dann arrangiere ich das zusammen mit meiner Band. Meine feste Band besteht im Moment aus einem Cellisten und einem Geiger. Für die Albumproduktion hatte ich außerdem ein Streicher-Quartett, mit dem ich die Arrangements gemeinsam ausgearbeitet habe. Die Grundstruktur des Songs war immer meine Stimme und mein Hauptinstrument – je nach Song war das entweder Klavier oder Akkordeon. Diese Parts haben wir live eingespielt, alles Weitere ist später im Studio dazugekommen: Overdubs, Backing Vocals, Synthesizer, Schlagzeug – solche Elemente sind nach und nach entstanden. Der ganze Prozess hat ziemlich lange gedauert, vor allem, weil es Zeit gebraucht hat, herauszufinden, wohin die Lieder überhaupt wollen – und dran zu bleiben.
Der Titel deines Albums lautet „Furie“. Bist du häufig wütend?
Mir hat das Gefühl von Wut geholfen, das Album fertig zu machen. Wut kann einem ja auch viel Energie geben. Aber sie kann lange unterdrückt werden. Ich bin generell auf verschiedene Sachen wütend. In der zweiten Hälfte des Albumprozesses war ich aus einem bestimmten Grund ziemlich wütend und es war sehr wichtig, der Wut endlich Raum zu geben. Jetzt im Moment bin ich es eher selten. Aber vielleicht schluck ich wieder alles runter und krieg’s nicht mit. Ich hoffe jedenfalls nicht.
Du schreibst sehr viel über persönliche, teilweise intime und autobiografische Themen. Gibt es denn auch ein Thema, über das du gerne schreiben würdest, dich aber nicht so richtig traust?
Ich habe in den letzten Jahren jetzt gar nicht so viele crazy Abenteuer gehabt. Aber die Lieder, auch die auf dem neuen Album, drehen sich halt immer um Geschichten und Abenteuer. Dabei besteht mein Alltag oft einfach aus Arbeitsbeziehungen und aus der Frage: Wie geht man miteinander um? Und ich habe noch nicht herausgefunden, obwohl das der Großteil von meinem Leben ist, wie ich das in der Musik umsetzen kann. Denn manchmal belasten mich diese Dinge schon sehr, aber auch diese ganzen anderen unromantischen Dinge wo es nicht um die Kunst geht, die man aber heutzutage als Musiker*in machen muss, die manchmal gefühlt schon 90 Prozent der Arbeit ausmachen.
Du hast mit 19 Jahren die Schule ohne Matura verlassen, das Akkordeon eingepackt und bist als Straßenmusikerin durch Spanien und Portugal gereist. War es im Rückblick für dich die richtige Entscheidung?
Ja, auf jeden Fall. Es waren wahrscheinlich die zwei intensivsten Jahre meines Lebens. Und auch die, die mich am meisten geprägt haben. Musikalisch gesehen habe ich gelernt, dass es das Wichtigste ist, für sich selbst zu spielen. Weil man so oft einfach ignoriert wird auf der Straße. Es gibt zwar auch immer wieder Leute, die das schätzen, stehen bleiben und zuhören. Aber die Mehrheit der Leute hat keine Zeit oder interessiert sich nicht. Und es gibt Leute, die alles, was auf der Straße passiert, automatisch als wertlos ansehen. Das war musikalisch also die Message für mich: Spiel für dich selber!
Was hast du auf der Straße noch gelernt, was dir keine Schule hätte beibringen können?
Vielleicht war ich vorher naiv, beziehungsweise war ich einfach voll darauf konditioniert, Leuten zu vertrauen und im Grunde genommen eine extreme People Pleaserin. Mein Bauchgefühl war immer ehrlich zu mir, aber ich war so erzogen, dass man zu allen Menschen nett und höflich sein muss, und ein Teil von mir dachte vielleicht auch wirklich, dass alle Menschen tief drinnen gut sind. Mittlerweile denke ich das nicht mehr, ich versuche auch nicht mehr, das Gute in allen zu finden. Während dieser Zeit habe ich einige nicht so schöne Situationen erlebt. Heute finde ich, dass Misstrauen generell im Leben etwas Gutes ist, und man sich nur selber vertrauen sollte.
Du spielst mehrere Instrumente, darunter Akkordeon, Klavier, Gitarre, Ukulele, Blockflöte. Wie ist deine innige Beziehung zur Musik entstanden?
Ich glaube, ich war so zehn oder elf, da wollte ich Popstar werden. Und dann wollte ich eine ganz lange Zeit Schauspielerin werden. Aber ich bin in keine Schauspielschule hineingekommen. Und das war der Moment, an dem ich beschlossen habe, dass ich reisen gehe. Und dadurch bin ich ein wenig unerwartet zur Musik gekommen. Aber Musik hat bei uns schon immer eine Rolle gespielt, wir haben immer viel gesungen zuhause. Wir hatten ein Klavier und ich habe oft statt zu lernen oder Hausaufgaben zu machen darauf gespielt. Heute ist es genau andersherum: Ich prokrastiniere, indem ich keine Musik mache.
Apropos Schauspielerei: Im Juni kam der Film Happyland von Regisseurin Evi Romen ins Kino, in dem du in einer Nebenrolle mitgespielt hast. Wie hast du die Dreharbeiten in Erinnerung?
Es war alles mega-professionell. Ich war überrascht, wie das alles so abläuft, aber auch, wie groß der Druck am Set ist. Wie schnell alles geht und wie schnell die Takes fertig sein müssen. Und dass keine Zeit ist, um wirklich in die Tiefe zu gehen. Jede Minute kostet Geld. Aber ich würde die Schauspielerei trotzdem gerne weiter verfolgen. Einfach, weil es etwas anderes ist und auch besser bezahlt wird (lacht).
Bist du eine Cineastin?
Ja, ich gehe sehr gerne ins Kino. Mein Lieblingsfilm ist wahrscheinlich „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“.
Du studierst Bildende Kunst an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, warst aber laut Homepage kaum jemals da. Machst du den Abschluss noch oder ist das für dich kein Thema mehr?
Gerade jetzt bei der Arbeit am Album habe ich gemerkt, dass es zeitlich echt schwierig wird. Aber ich schaue mal, ob ich vielleicht im nächsten Semester mehr für die Uni machen kann. Ich studiere jetzt nicht unbedingt, weil ich einen Abschluss haben will, obwohl das natürlich toll wäre, sondern weil ich etwas lernen will.
Also hat sich das Studium für dich bisher noch nicht gelohnt?
Ich bin generell jemand, der immer so extrem hohe Erwartungen hat. Ich habe wahrscheinlich erwartet, dass alle Menschen dort extrem super sind und dass es mein Leben sofort verändert. Und was das angeht, wurden meine Erwartungen nicht erfüllt.
Wenn du keine Künstlerin geworden wärst, was wärst du denn dann geworden?
Ich wäre vielleicht Stylistin geworden, also jemand, die Outfits zusammenstellt für andere Leute. Oder ich wäre Taucherin geworden, Apnoe-Taucherin ohne Flaschen. Tauchlehrerin vielleicht. Ich habe mit dem Tauchen begonnen, muss aber noch üben, weil ich Probleme mit dem Druckausgleich habe.
Und was wäre gar nichts für dich gewesen?
Ich wäre eine sehr schlechte Lehrerin. Ich habe das schon mal ausprobiert und Nachhilfe gegeben, aber ich kann das überhaupt nicht. Ich hätte Angst vor den Kindern. Ich habe jetzt noch immer Angst vor Kindern. Ich glaube, wenn man so ein bisschen gemobbt wurde, wird man immer etwas Angst vor Kindern haben.
Wenn du dich mit drei Adjektiven beschreiben müsstest, welche wären das?
Abenteuerlustig, humorvoll und leicht wahnsinnig.
Und welche drei passen überhaupt nicht zu dir?
Organisiert, engstirnig und mütterlich.
Alicia, danke für das Gespräch!







