Mit AnnenMayKantereit war es uns möglich, die deutsche Band der Stunde zu interviewen. Im gemütlichen Burggasse 24 trafen wir Christopher Annen, Henning May, Severin Kantereit sowie Malte Huck und unterhielten uns über ihre Musik, ihr kürzlich erschienenes Debütalbum „Alles Nix Konkretes“, ihren Support-Act Faber und darüber, dass einige ihrer Freunde gar nicht mitbekommen haben, dass sie plötzlich bekannt geworden sind.

UNIMAG: Ihr kommt bald für zwei Shows nach Österreich. Früher habt ihr mehr auf öffentlichen Plätzen und in kleinen Bars gespielt. Wie unterscheidet sich ein Konzert von früher zu heute?

Christopher: Wenn wir draußen auf öffentlichen Plätzen Musik gemacht haben, konnte ich nur Akustikgitarre spielen, Severin hatte nur ein Cajón und Hennings Stimme war auch nicht verstärkt. Das heißt, er musste superlaut singen. Da kann man dann nicht mehr so eine schöne Melodie machen, man muss richtig brüllen und wir hatten auch noch keinen E-Bass dabei. Seitdem sind drei, vier Jahre ins Land gegangen, da hat man sehr viel geübt – also jeder auf seinem Instrument.

Severin: Also Stück für Stück. Wenn du auf Tour gehst, musst du ja auch Leute mitnehmen. Angefangen mit Andi, der als erster mitgefahren ist und den Ton vor der Bühne mischt. So kam es, dass wir unsere Crew aus Leuten, die wir mochten, Stück für Stück zusammengebastelt haben. Später kamen auch noch Leute dazu, die wir vorher nicht kannten und dazu geholt haben, was trotzdem glücklicherweise gepasst hat. Das ist auch ein ganz wesentlicher Punkt am Touren, der sich verändert hat. Dadurch, dass man größere Konzerträume spielt, braucht man mehr Leute, die mit aufbauen, das Licht machen… Das ist alles gewachsen, aber auch sehr schön gewachsen. Das ist eine große Klassenfahrt jetzt.

Henning: Ich glaube auch, dass ein wesentlicher Unterschied ist, dass wir nur eigene Lieder spielen (Zustimmung der anderen). Auf der Straße haben wir halt viele Improvs und Cover gemacht. Aber es ist schön, vor einem Konzert zu wissen, dass alle Lieder – abgesehen von den zwei Covern – von uns kommen.

Spielt ihr noch ab und zu draußen oder ist da dann zu viel los?

Henning: Draußen jetzt im Winter nicht (lacht). Aber wir spielen immer noch gerne draußen, bloß nicht mehr „auf Hut“, weil das immer schnell eine Erwartungshaltung entfacht. Wir möchten jederzeit aufhören können oder einfach ein Radler trinken. Wir genießen es sehr, wenn wir im Park spielen, auch einfach unter uns zu sein. Also Straßenmusik machen wir nicht mehr, aber draußen Musik schon noch gerne.

(an Malte) Du kamst 2014 in die Band. Wie kam es zu der Entscheidung, überhaupt noch jemanden aufzunehmen, und wie bist du es geworden?

Christopher: Wir hatten ein Casting (lacht). Wir hatten einen Bassisten, der nebenbei noch studiert hat, wir drei nicht. Das ist dann irgendwie immer zeitaufwendiger geworden, bis die Entscheidung kam: Studium oder Band? Da kamen dann auch noch andere Sachen dazu. Wir haben deshalb eben einen neuen Bassisten gesucht und unser Freund und Manager Carlo ist auch ein sehr guter Freund von Malte. Er meinte dann, wir sollten uns mal treffen. Kennengelernt haben wir uns dann bei Rock am Ring 2014.

Malte: Da haben wir uns das erste Mal getroffen. Zwei Wochen später haben mich die Jungs das erste Mal zum Proben eingeladen. Dann haben wir rund anderthalb Monate lang probiert, wie es im Proberaum so ist und viel zusammen rumgehangen. Im August 2014 haben wir zwei oder drei Konzerte gespielt. Sie meinten: „Spiel doch einfach mal ein paar Konzerte mit!“ Im Endeffekt habe ich noch die ganze Tour bzw. die Festivals mit zu Ende gespielt. Ich wurde dann gefragt, ob ich das noch länger machen möchte und habe gesagt: „Ja, klar! Mega Bock drauf!“ Ich wollte sowieso Musik machen und es war ein schöner Zufall, dass es so geklappt hat. Ab dem Zeitpunkt habe ich jedes Konzert mitgespielt.

Henning: Am Anfang haben wir uns Malte als Studio- und Live-Bassist vorgestellt. Auf dieser Ebene wollten wir es erstmal halten und da waren auch alle glücklich mit, weil das Commitment auf beiden Seiten noch nicht zu groß war und er auch die Chance hatte zu sagen, dass es vielleicht nicht sein Ding ist und er lieber studiert. Und dass auch wir die Möglichkeit haben zu sagen: „Du gefällst uns nicht“ – ganz blöd gesagt. Nach drei bis fünf Monaten haben wir aber gemerkt, dass es auf allen Ebenen stimmt. Dass man sich gut versteht, dass man zusammen albern sein kann, dass man sich vertraut. Du kennst das ja bestimmt auch. Manchmal lernt man Leute kennen und es passt einfach direkt. Das war bei Malte recht schnell so. Wir sind dann auch recht zügig auf ihn zugegangen und haben gesagt, dass es uns wichtig wäre, eine andere Art der Formation zu haben. Ihn nicht nur als Studio- und Live-Bassisten, sondern als richtiges Bandmitglied zu haben. Nachdem wir noch den alten Bandnamen haben und diesen auch behalten wollen, müssen wir oft die Frage beantworten, warum Huck nicht im Bandnamen ist. Wir haben halt dreieinhalb Jahre ohne Malte Musik gemacht und da ist dieser Name nicht mehr die drei Nachnamen, sondern ein eigener Name. Das ist jetzt etwas, das wir genießen und immer weiter wächst. Das muss jetzt erstmal ankommen bei den Leuten, die unsere Musik hören, dass wir zu viert sind. Aber wir lassen uns Zeit und machen uns keinen Druck.

Auf eurem Album habt ihr auch die Songs drauf, die auf YouTube ziemlich groß geworden sind. Die klingen jetzt allerdings zurückgenommener als noch auf der EP beispielsweise. Was hat euch dazu bewogen, das nochmal neu aufzunehmen? Oder wolltet ihr einfach nicht zweimal dasselbe veröffentlichen?

Severin:Mit dem ersten Album haben wir uns Zeit gelassen und wollten alles draufpacken, was wir in den vergangenen Jahren so gemacht hatten. Wir wollten nicht ein Album mit Liedern herausbringen, die noch keiner kennt und mit denen auf Tour gehen, sondern wir spielen die Lieder eben schon ganz viel live und haben Videos gemacht, damit man das ein bisschen verbreiten kann. Erst dann sind wir zu dem Punkt gekommen zu sagen: Jetzt haben wir so viel Erfahrung – das klingt jetzt so weise – wir haben so viel gespielt und mit Moses Schneider endlich den richtigen Typen gefunden, der auch nur live aufnimmt. Wir haben also auch im Studio nur live gespielt. Wir hatten zu dem Zeitpunkt noch nicht viele neue Lieder, von denen wir sagen könnten: „Die haben wir so sicher drauf, dass wir die gerne aufnehmen würden.“ So ist es dazu gekommen. Von der EP bis zum Album war ein Jahr Zeit. Da haben wir auch nochmal viel gespielt und die Lieder haben sich ganz anders gesetzt. Ein anderes Tempo gibt es zum Beispiel bei „21, 22, 23“, weil wir uns damit wohler gefühlt haben. Wir konnten jetzt besser als bei der EP-Aufnahme definieren, wo wir den Sound haben wollten, weil wir auch Moses besser kennengelernt haben. Daher war es für uns keine große Überlegung, dass Sachen vielleicht auch zweimal aufgenommen werden. Wir wollten das nochmal für uns machen und gerade auf dem ersten Album sollte ja auch alles drauf sein. Es wäre irgendwie komisch, wenn dann „Oft gefragt“ oder „21, 22, 23“ nicht auf dem Album wären, weil wir das schon aufgenommen haben.

Henning: Wir wollten außerdem für ein Debütalbum – das ja ein Album ist, mit dem wir vielen Leuten zum ersten Mal begegnen – die besten zwölf Lieder sammeln. Da war für uns gar nicht die Diskussion, dass es zu „Oft gefragt“ schon ein YouTube-Video gibt. Wir wollten die besten Songs raussuchen, diese so oft wie möglich spielen und dann aufnehmen. Eigentlich eine recht simple Sache.

Eure Touren sind eigentlich immer recht früh ausverkauft. Wie geht ihr damit um, dass das alles so groß geworden ist? Fragt ihr euch manchmal, wie es zu dem Punkt gekommen ist, an dem ihr euch jetzt befindet?

Severin: Naja. Für uns ist es nicht so plötzlich passiert, vom großen Label entdeckt und dann rausgeschossen worden. Wir machen das ja schon seit vier, fünf Jahren, da steckt schon viel dahinter. Wir waren auch so oft auf Tour, haben uns viel erspielt, haben Supports gespielt für viele Bands, haben im Studio rumprobiert. Für uns ist das natürlich viel nachvollziehbarer als von außen, wenn man ab einem gewissen Punkt dazustößt und merkt: Jetzt geht es bei denen aber los. Natürlich ist es so, dass es im vergangenen Jahr sehr schnell gegangen ist – auch für uns. Wir haben viele Festivals gespielt – das ist ein Ort, an dem man nochmal viele neue Leute erreicht. Aber das fühlt sich gerade alles noch sehr gut an. Man macht das ja auch mit Leuten außerhalb der Band, wie zum Beispiel Carlo und der Livecrew. Das sind alles Menschen, mit denen man das gerne macht und mit denen sich das sicher anfühlt.

Henning: Natürlich ist es faszinierend oder überraschend, wenn man nach Österreich fährt und 25 Leute mit dir über dein Album reden wollen. Aber das ist etwas, das wir genießen. Auch das mit dem Ausverkauf. Man kann schon sagen, dass uns das geflasht hat, dass Monate vorher die Tour schon ausverkauft ist. Wir kriegen das ja mit und können es live einsehen, wie viele Tickets verkauft wurden. Man unterhält sich dann schon darüber und findet das krass, wie das gerade abgeht. Es fühlt sich für uns aber nicht unnatürlich oder zu schnell gewachsen an. Wir sind eigentlich ziemlich glücklich damit.

Als Außenstehender steigt man natürlich erst irgendwann ein und dann wirkt das völlig anders.

Henning: Genau. Es ist immer so eine Sache der Innen- und Außenperspektive. Aus der Innenperspektive ist alles recht nachvollziehbar, aber wir verstehen das auch. Wir haben zum Beispiel Kumpels, die das nicht verfolgen und dann irgendwann in der Zeitung einen Artikel über uns lesen. Die meinen dann „Alter, was geht ab?! Wie ist das passiert?“. Dann erklärt man das denen eben. Es gibt da eine gewisse Kleinschrittigkeit, dass man erst vor 90, dann vor 100, 200, 600 und irgendwann vor 800 Leuten spielt. Das ist auch nichts Normales und das ist uns schon klar. Also nicht jede Band, die vor 100 Leuten spielt, spielt beim nächsten Mal zwangsläufig vor 200. Aber ich glaube, wir geben uns immer viel Mühe und probieren, jedes Konzert so gut wie möglich zu spielen. Wir sehen das sportlich. Wenn man seine beste Leistung abruft, dann ist die Möglichkeit hoch, dass das nächste Mal ein paar Leute ihre Freunde mitbringen. Auf der anderen Seite sind da dann auch Leute wie unsere Mitbewohner, die da von Anfang an dabei sind. Die braucht man dann auch, weil sie alles nachvollziehen können, und mit denen kann man dann auch darüber reden.

Ihr habt ja auch schon Lieder auf Englisch gemacht, aber auf dem Album ist jetzt nichts davon drauf. Macht ihr sowas mal wieder oder kommt das einfach, wenn es kommt?

Christopher: Ich glaube das kommt einfach, wenn es kommt. Wir haben uns jetzt nicht vorgenommen, nur noch auf Deutsch zu machen, weil gerade ein Verlangen nach deutscher Musik da wäre. Wir haben einfach geguckt, welche Texte uns gut gefallen und sind auch an einen Punkt gekommen, an dem wir gesagt haben, dass wir jetzt richtige Songs schreiben wollen. Nicht einfach mehr Improvisation machen. Und da braucht man auch einen guten Text. Auf Deutsch sind die Texte einfach supergut. Aber wenn es einen sehr guten englischen Text gibt, haben wir wahrscheinlich auch einen englischen Song relativ schnell. Wir verbieten uns das überhaupt nicht.

Henning: Ich kann das halt noch nicht. Ich glaube, wie können alle einfach keine guten, englischen Texte schreiben. Wir wünschen uns das bestimmt, aber mit wünschen, wollen und können ist das immer so ein schwieriges Verhältnis (alle lachen).

Eure Demo-CD „AMK“, die ihr ja noch selbst gemacht habt, wollt ihr re-releasen.

Henning: Das machen wir auch. Wir haben eine Holzkiste für Leute gebastelt, die praktisch nicht nur ein Album haben wollen, sondern etwas Umfassenderes. Wenn wir jetzt HipHopper oder Rapper wären, würden wir sagen „Deluxe Box“. Aber für uns ist das halt eine Holzkiste. Wir haben aufgehört, diese Demo-CD zu verkaufen, weil wir Konzerte mit circa 15 Liedern gespielt haben. Von den 15 Liedern waren dann nur zwei auf dieser Demo-CD. Da sind die Leute bei Konzerten zu uns gekommen und haben gemeint: „Ich hab‘ mir die CD gekauft. Sagt mal, wollt ihr mich verarschen? Ihr spielt 15 Lieder und davon sind zwei auf der CD, das ist doch Verarsche.“ Irgendwann haben wir gesehen, dass Leute sie für 200 Euro bei Ebay verticken. Das ist auch nicht richtig. Und jetzt – wie du so schön sagst – re-releasen wir. Man könnte auch sagen wiederveröffentlichen, ich bin nämlich nicht so ein Fan von Anglizismen. Wir haben uns dazu entschieden, einfach um dieser Ebay-Vertickerei einen Riegel vorzuschieben, dass das Album wieder verfügbar ist.

Auf eurer jetzigen Tour habt ihr als Faber aus der Schweiz als Support mit dabei. Könnt ihr uns da noch ein bisschen was drüber erzählen?

Henning: Faber ist ein junger Mann, der ein geiles Setting hat. Er hat nämlich einen Schlagzeuger, der auch Posaune spielt. Erstmal ist das geil für’s Auge, wenn du das das erste Mal siehst und daneben den jungen, hübschen Kerl mit der Gitarre. Der schreibt echt freche, deutsche Texte. „Zürich brennt nicht mehr, Zürich kauft jetzt ein“ finde ich eine sehr gute Zeile. Das ist Musik, auf die wir uns einigen konnten. Das ist ein junger Typ, der korrekt ist und ein gutes Gefühl für Texte hat.

Also ihr sucht die Bands auch immer selbst aus?

Severin: Immer.

Henning: Es gab noch keinen Support, den wir uns nicht selbst ausgesucht haben.

Christopher: Er hat auch eine super EP aufgenommen. Der Tim Tautorat, der unser Album co-produziert hat, hat mit Faber „Alles Gute“ aufgenommen und es ist echt super geworden. Es ist auch schön, wenn Leute, die einem was geben, auch noch an so einem Projekt Hand anlegen und da was Gutes rausholen.

Vielen Dank für das Interview!

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