BOSSE ist zurück! Am 12. Oktober erscheint schon sein siebtes Album – „Alles ist jetzt“ mit Hüftschwung und Melancholie, Lebensfreude und politischer Haltung. Wir haben mit ihm über seine Anfänge, das „Jetzt“ und die Freiheit gesprochen.

UNIMAG: Hast du studiert?

BOSSE: Nein. Wenn man das schon gefunden hat, was man gerne machen möchte, dann soll man sich darauf konzentrieren. Mit 15 war ich schon sicher, dass ich Musiker werden wollte; wir haben dann so einen fetten Wettbewerb gewonnen und einen Plattenvertrag gekriegt. Es war ein guter Grund mit einem aufzuhören was mich genervt hat – mit der Schule eben.

War deine Familie damit einverstanden?

Meine Eltern sind sehr tolerant gewesen. Wir haben immer eine gute Kommunikation gehabt und sie haben mir vertraut. Ich komme aus einem kleinen Dorf. Ich bin dann mit 16 nach Berlin gezogen und da habe ich gesagt: ich will kein Geld von euch, ich mache das alles selbst. Sie haben es komplett unterstützt! Sie wussten aber auch, dass ich nicht jeden Abend im Berghain-ähnliche Clubs ging und mich abschoss, sondern dass ich Musik machte, arbeitete und dann irgendwann Musiker werden würde. Dann habe ich das eben gemacht.

Das hast du auch ganz gut geschafft! Am 12. Oktober erscheint schon dein siebtes Album, „Alles ist jetzt“. Hast du vom Anfang an gewusst, wie es sein sollte?

Es wird immer schwieriger Themen zu finden und sich nicht zu wiederholen oder mich von mir selber nicht zu langweilen. Deswegen habe ich es diesmal beim Schreiben gesagt, dass alles erlaubt ist. Ich hatte aber gleichzeitig ein paar feste Punkte: ich wollte gerne über die Familie, das Glück und die politische Haltung singen, ich wollte auch, dass es tanzbar, mit viel Hüftschwung ist und dass es mindestens 2-3 Songs gibt, die komplett ehrlich und auch schnell geschrieben sind. Das waren meine Träumchen, die ich für das Album hatte.

Hast du sie verwirklicht?

Ich habe auf jeden Fall das aufgeschrieben, was mich in den letzten 2-3 Jahren umgetrieben hat und mir wichtig war: einmal sicherlich so ein schwarzes Gefühl bei dem Rechtsruck jetzt gerade in Deutschland oder europaweit und eine Wut, die ich immer versuche in etwas Gutes umzumünzen – in Energie. Auf der anderen Seite gibt es eine totale Lebensfreude. Ich habe schon gelernt, Sachen zu genießen und auch mal zu sagen: ich brauche gerade nicht viel mehr als das. Ich liebe das gerade, wie es ist und es ist mir egal, wie es dazu gekommen ist und wie es wird. Es ist eben einfach mal gut. Das konnte ich mit 23 noch nicht; da wollte ich immer mehr Ziele, immer mehr Freunde, immer mehr mehr mehr… Das schießt gegen Selbstzweifel und Selbstoptimierung.

Hast du also jetzt deine Ruhe gefunden?

Ja. Ich bin jetzt 38 und kann sagen, dass ich mit ganz vielen Sachen schon durch bin. Ich habe sie schon einfach gemacht. Als ich nach Berlin gezogen bin, habe sechs Jahre lang so hart gefeiert, dass ich schon mit 22 gesagt habe, dass ich das nicht mehr haben musste und dass ich da auch nichts mehr verpasste. Für mich hat eine gute innerliche Ruhe viel damit zu tun, dass man dieses Gefühl des Verpassens nicht mehr hat; das heißt aber nicht, dass ich mich für nichts interessiere und nichts mehr will.

Du suchst weiterhin nach interessanten Sachen, aber es ist auch nicht so, dass du jetzt unbedingt alles auf einmal machen willst.

Ja, genau. Die ersten fünf Male in Wien waren für mich sehr aufregend, weil ich Wien liebe –ich finde das alles so schön dicht beieinander. Früher habe ich jedes Mal alle 12 Freunde getroffen, die ich hier habe, war feiern, habe mir alles angeguckt, viel zu viel gegessen, viel zu viel getrunken… Ich war dann nach drei Tagen so müde, dass ich später krank geworden bin. So war Wien für mich. Jetzt ist es so, dass ich irgendwie ankomme und es reicht mir doch einfach irgendwo gut zu sitzen und nur zu gucken. Ich glaube man nennt das „alt werden“. (lacht)

Zu deinem Single „Alles ist jetzt“ hast du ein sehr ästhetisches, energievolles Video gedreht. Wie ist es entstanden?

Danke! Das war meine erste Regiearbeit. Ich drehe meine Videos immer mit zwei Freunden.  Wir fanden alle den Stopptrick immer gut und ich hatte auch einfach das Gefühl, dass ich vor allem einen schönen Tag bei Sonnenschein haben will. Die Idee für den Song war eigentlich nur, dass wir zu einer Party gehen, ein Kuss, ein Kind und ansonsten sollte es aber nur Energie sein.

Dann singst du: „alles was du träumst, das musst du machen“. Ist das dein Lebensmotto?

Dieser Song ist ein Wasserstand – eine Nummer, mit der ich zurückkommen wollte. Das machen die Hip-Hopper. Ich hatte Bock so einen Song zu schreiben und zu sagen: „hey, das habe ich gelernt, so sieht’s gerade aus. So ist es mit Hass und Empathie, mit den Drucksachen, wie sie auf einen einwirken und so ist es mit dem Alltag, der manchmal nervt und so ist es mit dem Amore“.  Die Quintessenz: das Leben ist zu kurz für ein langes Gesicht! Alles ist jetzt. Da gibt es eben diesen Zwischenteil „alles was du träumst das musst du machen, einfach machen“, der sehr mollig und irgendwie traurig ist. Est ist aber so. Wenn du beispielsweise mit diesem kleinen Roller ohne Helm fährst, die Straßenbahn kommt und du es bis dann nicht bis nach Neuseeland geschafft hast und es immer wolltest, dann ist es eben zu spät. Oder den Helm aufsetzen!

Willst du, dass Menschen mehr darüber nachdenken, was sie machen?

Nein, ich will gar nichts. Das, was ich für andere will, spielt überhaupt keine Rolle. Alles, was ich mache, mache ich in der ersten Linie nur für mich. Ich schreibe so, wie ich auch mit 12 geschrieben habe: ich habe ein Klavier, eine Gitarre und ein weißes Blatt Papier. Der ganze Rest ist nur Schnickschnack. Was man braucht ist eine Idee und irgendwas was einen berührt oder zum Tanzen bewegt…  ein Thema. Wenn ich aber vorher die ganze Zeit daran denke, was ich den Leuten mitgeben will, was die Presse dazu sagt, ob es im Radio läuft, wie das meine Oma findet – dann ist es ein Korsett und darauf habe ich keinen Bock. Dafür bin ich nicht eingetreten! Ich wollte immer so frei sein wie es nur geht. Wenn meine Musik berührt und motiviert, dann ist es doch super. Meine Intention ist aber erstmal einen guten Song zu schreiben ohne altkluges Zeug zu labern.

Denkst du dann gar nicht daran, wie der Song ankommt, sondern dass er dir gefällt?

Das ist das Wichtigste. Manchmal denke ich mir, dass ich mal einen Song hatte, der drei Millionen hatte, ich weiß gar nicht, wie ich das gemacht habe, aber das hätte ich wieder gerne… Das ist schon der falsche Gedanke. So wird das nichts. Ich muss einfach eine gute Idee haben und sie aufschreiben. Deswegen ist es mir auch so egal, wenn irgendwer mir sagt, dass ich schlecht tanze oder meine Musik schrecklich ist. Ja und?

Du hast eine ziemlich große Distanz zu der Welt und zu dir selbst, oder?

Nein, das nicht. Das ist immer nur so für den Moment, in dem ich neue Nummer schreibe. Später, wenn ich dann mit den Leuten tanze, finde ich es geil, wenn sie es geil finden und ich liebe es, wenn sie dann zu tanzen oder schreien anfangen.

So siehst du also die musikalische Freiheit. Wie ist es mit der Freiheit im politischen Sinne?

Die Freiheit im politischen Sinne sehe ich gerade kritisch; ich glaube wirklich, dass wir eine Demokratiegefährdung haben. Ich habe mal länger als ein Jahr in der Türkei gelebt und ich habe dann gelernt, was Freiheit bedeutet. In manchen Ländern kann es erschreckend sein, aber das Positive daran ist, dass sich dann immer Kulturen bilden, die auch was daraus machen. Es gibt immer eine Gegenreaktion. Ich bin in Deutschland total frei aufgewachsen, konnte alles machen und war immer schon der Meinung, dass alles was nicht faschistisch, gewaltverherrlichend oder diskriminierend ist, frei gesagt werden dürfen sollte… Willst du über Politik reden?

Wenn du sagst, dass das dein neues Album auch politisch ist, gerne.

Ich habe immer Musik gemacht wegen Glück, Freundschaften und kleinen Sachen, die aber viel größer sind als sie eigentlich wirken. Ich bin aber auch ein total politischer Mensch. Dann gab es in Deutschland eine Großveranstaltung, der Echo: da war die Band Frei.Wild nominiert und zeitgleich hat in Bautzen ein Heim für Geflüchtete gebrannt. Niemand hat sich an dem Abend dazu geäußert. Dann habe ich nach dem Song Stinkefinger gezeigt und eine Ansage gegen Nazis gemacht. Es war vielleicht ein bisschen übertrieben, weil es die ARD ist, also der größte deutsche Sender mit der größten Einschaltquote… Ich bin mir dann in dem Moment bewusst worden: das war mein erstes richtiges offensives politisches Statement. Und gleich ein Stinkefinger und eine Kampfansage! Da kam ein riesengroßer Shitstorm und seitdem ist bei mir so ein Knoten geplatzt und ich habe gemerkt, dass ich mit einer guten Idee und sehr wenig Arbeit ganz viel erreichen kann. Ich kann Konzerte für Pro Asyl spielen, ich kann Zelten für geflüchtete Obdachlosen sammeln, ich kann das alles machen. Was ich aber nie gemacht habe war, einmal wirklich politisch in einem Song zu sein. Das habe ich jetzt auf dem Album ausprobiert. Es ist gar nicht so leicht! Es soll nichts mit Parolen und irgendwelcher Flugblattromantik zu tun haben, sondern ich habe schon den Anspruch, dass es noch eine zweite Ebene hat und ein Gefühl beschreibt. Beispielsweise in dem neuen Song „Robert de Niro“ geht es darum, wie man sich in einer Zeit des Rechtsrucks fühlen kann, ist aber trotzdem auch einfach ein schönes Gedicht.

Diese Lieder wirst du auch am 1. Dezember im Wiener WUK spielen. Freust du dich darauf?

Ich liebe es, in Wien zu spielen! Es ist ein bisschen so, als würden wir in Berlin vor 10 Jahren spielen. In Deutschland spielen wir jetzt viel größer und hier gehen wir in so einen 600er Laden, der nicht mal ganz voll ist. Für viele Leute ist es noch ein kleiner Geheimtipp, was Neues. Das war immer der schönste Anreiz für mich: irgendwo hinfahren und die Leute, die fresh sind und es noch nicht so lange kennen, gewinnen. Das ist wahrscheinlich der Hauptgrund, warum ich mich darauf freue. Es sind immer so studentische, tolle Abende.

Und was können deine Fans erwarten? Wird dieses Konzert anders als die Vorherigen?

Ganz genauso gleich. (lacht) Es wird wie immer viel geschwitzt, viel getanzt, viel gelacht und auch viel getrunken, ich kann’s nur empfehlen!

Wir freuen uns dann schon drauf! Vielen Dank für das Interview!

Interview: Katarzyna Makusz 

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