Corey Taylor ist als Leadsänger von Slipknot und Stone Sour sowie als Solokünstler ein sehr anerkannter Mann in seinem Genre. Mit UNIMAG sprach er vor seinem Stone-Sour-Konzert in Wien über eitle Kalifornier, seine Wertschätzung für höhere Bildung und warum er nicht der neue Sänger von Velvet Revolver wurde.

Du hast in diesem Jahr mit Stone Sour dein Doppelalbum ‚House Of Gold and Bones‘ fertiggestellt, wovon Ihr im Oktober den ersten Teil veröffentlicht habt. Woher kam die Idee, ein Doppelalbum aufzunehmen? Wusstet Ihr das schon vorher oder hat sich das erst im Songwriting-Prozess ergeben?

Eigentlich ergab sich das alles erst während des Songwriting-Prozesses. Erst im Nachhinein haben wir festgestellt, dass wir stapelweise Demos hatten. Wir haben unsere Auswahl auf 24 Songs reduziert, 23 davon haben wir schließlich aufgenommen. Das letzte Lied war ein Instrumental, das sich nicht ganz richtig anfühlte. Nach dieser Herausforderung haben wir uns dafür entschieden, das Album in zwei Teilen zu veröffentlichen, weil es vom kreativen Standpunkt viel sinnvoller war. So können wir jedes der beiden Alben wie ein eigenes Event, ähnlich wie einen Film behandeln. Das macht es auch für unsere Fans sehr spannend. Zudem war ein sehr praktisches Kriterium ausschlaggebend für den getrennten Release: CD’s sind heutzutage sehr teuer und wir wollen durch die separate Veröffentlichung unsere Alben zu einem fairen und leistbaren Preis anbieten.

In den letzten zwei Jahren hast du oft behauptet, es würde einige Zeit brauchen, damit Slipknot wieder so funktioniert, wie es alle wollen. Ein neues Slipknot-Studioalbum ist für dich nicht in Sicht. Hat die fehlende Aktivität bei Slipknot dazu beigetragen, dass Ihr mit Stone Sour dazu fähig wart, ein umfangreiches Doppelalbum zu schreiben?

Ein bisschen. Das Schreiben der Musik für das neue Album hat mir sehr dabei geholfen, Druck von mir zu nehmen. Die Geschichten um Slipknot haben mich nämlich sehr belastet. Ich versuche, immer daran zu denken, wohin mich meine Energie gebracht hat. Daher hat es für mich mehr Sinn gemacht, mich auf diese Sache (Anm.: Stone Sour) zu konzentrieren. Wir können uns zur Zeit wirklich kein neues Slipknot-Album vorstellen, aber das heißt nicht, dass wir ab und zu Musik für die Band zusammenstellen. Jim, Joey und ich arbeiten alle an neuen Ideen für Slipknot, aber bis zu einem neuen Album wird es wohl noch eine Weile dauern.

Gerüchten zufolge hättest du letztes Jahr neuer Lead-Sänger bei Velvet Revolver werden sollen. Warum kam es nicht dazu?

Die Band hatte verschiedene Vorstellungen davon, in welche Richtung die Musik gehen soll. Wir haben ein paar Demos gemeinsam aufgenommen, die wirklich toll waren, aber es schien so, als hätten die einzelnen Bandmitglieder zu der Zeit alle verschiedene kreative Anforderungen und Bedürfnisse an die Musik gehabt. Wenn wir versucht hätten, unsere Ideen zu vereinen, hätte sich das sehr gezwungen und unnatürlich angefühlt. Ich bereue nicht, mit den Jungs gejammt zu haben, ich hatte einen Riesenspaß, aber es hat sich – zumindest diesmal – einfach nicht ergeben.

Du bist seit über 15 Jahren Leadsänger in zwei erfolgreichen Rockbands. Viele Leute wären an deiner Stelle schon längst nach Südkalifornien gezogen, während du deiner Heimatstadt Des Moines treu bleibst. Warum ist Los Angeles für dich kein Thema?

Das hat sehr viel mit Familienangelegenheiten zu tun. Meine Seite der Familie kommt aus Iowa, meine Kinder und meine Großmutter leben dort. Die Großfamilie meiner Frau kommt aus Las Vegas, deswegen haben wir je ein Haus in Des Moines und Las Vegas und versuchen, an beiden Orten möglichst viel Zeit zu verbringen. Ich habe schon vor langer Zeit erfahren, dass es sehr teuer ist, in Kalifornien zu leben. Und ob es manche Leute glauben wollen oder nicht, ich verdiene nicht sehr viel Geld mit meiner Musik. Ich kann ohne Probleme meine Familie versorgen, kann alle unsere Rechnungen bezahlen, aber ich verdiene keine Unsummen von Dollars. Ich habe wichtigeres mit meinem Geld zu tun, als mir ein verdammtes Haus in Kalifornien zu bauen. Ich habe für eine gewisse Zeit ein Haus dort gemietet, weil ich beruflich viel in der Gegend unterwegs gewesen bin. Später habe ich mir jedoch gedacht, dass das überhaupt keinen Sinn macht. Es kommt mir weniger teuer, wenn ich immer rein- und rausfliege, als wenn ich dort meinen permanenten Wohnsitz hätte.

In deinem Buch „Seven Deadly Sins“ hast du Kalifornier bzw. Leute, die dorthin ziehen, als sehr eitel beschrieben. Wäre es dir unangenehm, von solchen Leuten umgeben zu sein?

Ja, ein bisschen. Ich habe zwar viele gute Freunde dort, zum Beispiel aus der Filmbranche, von denen allerdings die meisten hinter den Kulissen arbeiten. Aber es gibt auch viele Leute dort, die aus meinem Metier kommen und sehr auf ihr Äeres bedacht sind. Und so ein Scheiß macht mich  verrückt, das kann ich nicht ausstehen. Ab einem gewissen Punkt muss man aber akzeptieren, dass das Teil der Kultur dort ist.

Vor ungefähr einem Jahr hattest du das Privileg, einen Vortrag an der Oxford University vor zahlreichen Studierenden halten zu dürfen. Wie hast du darauf reagiert, als du das Angebot erhalten hast? Und aus welchem Grund hast du dich dazu entschlossen, das Angebot anzunehmen?

Es war eine Ehre. Solche Dinge kann man nicht so locker nehmen. Und ich habe großen Respekt vor höherer Bildung, habe großen Respekt vor jungen Menschen, die versuchen, mit den Herausforderungen des täglichen Lebens fertig zu werden. Mir war bewusst, dass ich hier eine einzigartige Chance hatte. Die Universität hat mich schon zweimal gefragt, ob ich das machen will, aber damals ging es sich in meinem Zeitplan nicht aus. Beim dritten Mal stellte ich sicher, dass sich mein Zeitplan diesem speziellen Event unterordnet. Und es hat wirklich Spaß gemacht. Ich versuchte, nicht dieselbe langweilige Rede zu halten, wie viele andere vor mir. Zentraler Punkt meiner Rede war, dass man herausfinden soll, worin man gut ist. Ab einem gewissen Punkt kann das Streben nach dem Erreichen der eigenen Ziele sehr hemmend auf das Leben wirken. Manchmal muss man sich selber eingestehen, dass man in einer Tätigkeit, die man gerne ausübt, nicht gut genug ist. Viele Leute missachten ihre eigenen Stärken. Es kann schon sein, dass man auch tatsächlich gut in der Tätigkeit ist, in der man seine Träume verwirklichen will, ich sage niemandem, dass er seine Träume aufgeben soll. Worauf ich hinauswollte, war, dass man herausfinden soll, was einem liegt und dass man das weiter verfolgt.

Auf dem letzten Studioalbum von Limp Bizkit war der Track „90.2.10“ enthalten, auf dem dein Name erwähnt worden ist. Wie hast du reagiert, als du davon erfahren hast?

Mir war das alles scheißegal. Ich weiß nicht, in welchem Kontext mein Name vorgekommen ist, ich höre mir ihre Musik nicht an. Wir haben vor vier, fünf Jahren mit der ganzen Sache abgeschlossen. Trotzdem gibt es immer noch Leute, die diese Sache aufwärmen wollen, obwohl das alles schon 13, 14 Jahre her ist. Ich war damals auch ein ganz anderer Mensch als heute. Mit ein paar Sachen, die ich gesagt habe, stimme ich heute noch überein. Ãœber andere Äerungen aus der Zeit frage ich mich jedoch: „Bin ich da richtig gelegen oder war ich nur eifersüchtig?“ Denn ich war damals nur ein angepisster, junger Kerl, der die Gefühle anderer komplett ausgeblendet hat.

Corey Taylor’s Vortrag an der Oxford University 2011:

 

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