DAWA gehören zu den spannendesten Bands der österreichischen Musikszene, die ja ohnehin in den vergangenen Jahren und Monaten eine Art Renaissance erlebt und ständig neue, interessante Bands hervorbringt. Für DAWA wird das Jahr 2015 ein aufregendes: Mit „Psithurisma“ veröffentlichte die Wiener Band, bestehend aus John Dawa (Gesang, Gitarre), Barbara Wiesinger (Gesang, Percussion) Laura Pudelek (Cello) und Oama Richson (Cajón, Percussion), gerade ihr zweites Album. Außerdem gehören sie zu den sechs Kandidaten, die noch im Rennen sind, Österreichs Vertreter beim Eurovision Song Contest zu werden. Grund genug, uns genauer mit DAWA auseinanderzusetzen – deshalb haben wir die Band zum Interview getroffen.

Man sagt, das zweite Album sei das schwierigste, vor allem, wenn das erste so erfolgreich war wie eures. Wie seht ihr das?

Barbara: Das kommt immer drauf an, immerhin sind wir ja nicht The XX. Ich glaube bei denen und anderen Bands in dieser „Liga“ ist das etwas schwieriger. Wir sind da ja noch nicht, insofern hatten wir jetzt keinen solchen Druck. Der größte Druck lag vermutlich auf Oama, der ganz neu in die Band kam und dann gleich ein Monat später mit uns ins Studio „musste“. Des Weiteren sind viele Arrangements etc. auch erst im Studio entstanden, aber das passt sehr gut, da wir somit auch das Lebensgefühl von Schrattenberg mit am Album haben.

Welchen Punkt markiert „Psithurisma“ in eurer Karriere?

Barbara: Das kommt drauf an, aus welcher Perspektive man das betrachtet. Einerseits ist es ein Schritt in Richtung neuer Ideen und auch die Arbeitsweise mit Patrick Pulsinger als Produzenten ist eine andere als bei unserem Debüt. Andererseits ist es auch ein Neuanfang mit Oama, der unserer Musik einen neuen „drive“ gibt. Und: Nach „This Should Work“ sind vielleicht auch schon mehr Leute auf uns aufmerksam geworden, insofern ist es auch eine Weiterentwicklung.

Könnt ihr etwas zum Entstehungsprozess eurer Songs erzählen, vor allem vom neuen Album?

John: Ich glaube, dass zwei Sachen ganz wichtig waren. Erstens, dass unser damaliger Percussionist Norbert Kröll sich entschlossen hat, andere Wege zu gehen, und wie jeder von uns damit umgegangen ist (zwei Songs auf „Psithurisma“ beschäftigen sich damit). Und zweitens, die Tatsache mit jemandem ein Album aufzunehmen, dem man musikalisch noch nicht kennengelernt hat. Generell habe ich oft schon konkrete Ideen, ganze Texte oder nur einzelne Textzeilen und ein Gitarrenriff. Das wird dann beim gemeinsamen Herumprobieren aus-arrangiert und geschliffen, bis ein neuer Song entsteht. Oder es kommt in die „nicht schlecht, aber noch nicht ganz“- Schublade. Es ist ein sehr dynamischer Prozess.

Habt ihr einen persönlichen Lieblingssong auf dem Album, der euch mehr bedeutet als die anderen? Wenn ja, warum?

Barbara: Ich glaube wir sind alle Fans von „Dying Star“, aber warum kann ich jetzt gar nicht sagen. Ich persönlich hab ein paar Favoriten, die auf verschiedene Stimmungen passen. „A Journey“ habe ich für eine meiner besten Freundinnen zum 30er geschrieben, daran bin ich natürlich emotional ganz stark gebunden. „Pushed“ ist eine Nummer, die mich ab dem ersten Akkord fesselt und traurig macht, aber auch in der Traurigkeit liegt viel Kraft finde ich.

Ihr habt einen meiner Meinung nach völlig einzigartigen, unverkennbaren Sound. Wie habt ihr zu diesem, eurem eigenen Sound gefunden? Was ist euer musikalischer Background?

Barbara: Vielen Dank! Ich würde sagen, der Sound hat auch ein Stück weit uns gefunden. Sind wir doch vier so unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Stilen. Ich komme doch sehr aus dem Indie, Rock und Grunge, zumindest hat mich das in meiner frühen Jugend sehr geprägt. Nirvana, Silverchair, Bush und Konsorten. Späten kamen Kevin Devine, The Decemberists und The XX dazu und viele, viele mehr. Laura ist ja sehr großer Radiohead-Fan, und da sind wir uns auch alle einig, dass wir diese Band gut finden. John ist großer Fan von José González und Fink. Ich denke, daher kommt auch einiges. Er und Oama hatten früher auch eine HipHop-Phase, ob da noch was „hängen geblieben“ ist, ist fraglich….

Wie hat sich der Ausstieg von Norbert Kröll und das Hinzukommen von Oama Richson auf euch als Band und auf euren Sound ausgewirkt?

Barbara: Als Norbert beschlossen hat, die Band zu verlassen, waren wir alle natürlich traurig. Aber er hat immer mit offenen Karten gespielt und uns auch nicht von heute auf morgen verlassen. Nichtsdestotrotz ist es das Ende einer Beziehung und das tut nun mal weh. Aber es gibt keinen Groll, die Entscheidung war in erster Linie aus privaten Gründen und das muss man einfach akzeptieren. Als wir uns dann für Oama entschieden haben, musste er ganz schön hart arbeiten. Immerhin hatte er viel nachzuholen und zeitgleich wollten die neuen Songs ausgearbeitet werden. Aber er hat sich recht gut „eingefügt“ und zugleich einen neuen Wind in die Musik gebracht. Oama spielt sehr lebendig und das tut uns allen ganz gut.

DAWA besteht aus vier Mitgliedern und vor allem bei einer geraden Anzahl von Personen fällt es oft schwer, Entscheidungen zu treffen. Wie löst ihr das? Müssen alle mit jeder Entscheidung einverstanden sein oder gibt es jemanden, der notfalls alle überstimmen kann und eine Entscheidung trifft?

Barbara: Wir sind sehr demokratisch, was das anbelangt. Darum brauchen wir allerdings ab und an mal etwas länger mit Antworten und Entscheidungen, weil wir ja alle arbeiten und „nebenbei“ derzeit noch die ESC-Geschichte läuft. Aber wir tun unser Bestes. Sollte etwas ganz schnell passieren und ich kann die anderen drei nicht erreichen, dann werden auch mal Entscheidungen von mir getroffen.

Viele sind der Meinung, dass Tonträger mittlerweile nur noch ein Merchandise-Artikel seien – hauptsächlich verkauft man als Künstler heutzutage ein Image. Seht ihr das auch so?

Barbara: Tonträger sind bei unseren Fans sehr beliebt, aber noch beliebter sind die Konzerte. Insofern ist das unser „Aufhängeschild“, wenn man so will. Sieht man uns live, nimmt man vermutlich noch die CD oder die LP mit, um in Erinnerung schwelgen zu können. Image verkaufen wir keins, das fänden wir sehr seltsam. Wir sind, wie wir sind, und das ist gut so.

Taylor Swift hat kürzlich für Aufsehen gesorgt, als sie ihre Musik von Spotify nehmen ließ. Wie steht ihr zu Streaming-Diensten: Fluch oder Segen?

Barbara: Das ist schwierig. Immerhin haben so einige Menschen die Möglichkeit, etwas Neues zu entdecken. Andererseits habe ich mal gelesen, dass bei Spotify immer dieselben Songs vorgeschlagen werden und unendlich viele Songs „auf der Strecke“ bleiben. Und wenn man dann eine Spotify-Abrechnung mit 92 Cent bekommt, dann fühlt man sich etwas verarscht. Warum Taylor sich aufregt, verstehe ich zwar nicht, immerhin ist sie vermutlich die reichste 25-Jährige der Welt, aber wenn Menschen „Mitgliedschaftsbeiträge“ zahlen, frage ich mich schon, wo das Geld hingeht, wenn nicht zu den KünstlerInnen, die die Musik schaffen.

In Österreich ist es für (Indie-) Bands fast unmöglich, alleine von der Musik zu leben. Wie sieht das bei euch aus?

Barbara: Ebenso. Leider. Wir würden alle gern unsere Brotjobs hinschmeißen, damit wir uns mehr der Musik widmen können. Aber never say never – vielleicht gewinnen wir auch mal im Lotto?

Rapper Nazar bezeichnete kürzlich HC Strache bei einem Konzert als „Hurensohn“. Wären für euch politische Statements oder Aufrufe ebenfalls denkbar?

Barbara: Wir sind eigentlich keine politische Band, wissen aber wo wir stehen. Und HC finden wir alle nicht toll, aber mit wüsten Beschimpfungen braucht man bei uns nicht rechnen. Aber wir sind ja auch keine Rapper. Da wir Nazar ja ein bisschen kennen (WSFÖ-Coach), habe ich mir das Video aber angeschaut und finde es schade, dass da jetzt nur über das eine Wort geredet wird und nicht darüber, dass er vorher was Wichtiges sagt: Dass alle sich verdammt nochmal an der eigenen Nase packen sollen und es eigentlich egal sein sollte, welche Religion, Hautfarbe oder wasauchimmer man hat – das sehen wir ähnlich.

Gibt es eurer Meinung nach in Österreich zu wenige Prominente, die mit ihrer politischen Meinung nicht hinter dem Ofen halten und damit Jugendliche dazu bringen, sich stärker für Politik zu interessieren?

Barbara: Ich kenne zumindest keine, aber ich fände es auch wichtig, dass gegen Rechts mehr mobilisiert wird – leben wir doch in einer Zeit, wo so etwas wie Pegida eine Plattform hat.

Conchita Wurst hat im vergangenen Jahr den Eurovision Song Contest gewonnen. Danach war ständig die Rede von Toleranz und Akzeptanz. Denkt ihr, dass die ÖsterreicherInnen wirklich so tolerant sind, wie sie sich nach außen hin gerne präsentieren?

Barbara: Nein. Leider ist da noch ein langer Weg zu gehen. Aber wenn wir in Babyschritten denken, dann ist schon ein bisschen etwas passiert. Wenn man sich fragt: Hätte vor 5 Jahren eine Bank mit einer „bärtigen Lady“ Werbung gemacht? Wohl kaum.

Noch eine Frage zum Sieg von Conchita Wurst: Denkt ihr, dass Musik die Welt wirklich verändern kann?

Barbara: Ja. Definitiv.

Was versprecht ihr euch von eurem Auftritt beim ESC bzw. den Qualifikations-Shows? Was waren letztendlich eure Beweggründe mitzumachen und was waren oder sind eure Bedenken?

Barbara: Das Konzept klang gut und bietet österreichischen Bands endlich einmal eine Plattform. Immer nur Jammern, dass nichts passiert und dann sagen „Ne, das ist zu uncool“, davon halten wir nichts. Lieber mal ausprobieren und vielleicht riskieren, auf die Nase zu fallen. Aber dann kann man sich später nicht vorwerfen, man hätte es nicht versucht. Immerhin ist es für uns auch ein Versuch, mal über Österreich und Deutschland hinaus zu kommen, denn das ist bei Gott ohnehin nicht leicht. Vielleicht aber eher in einem Format, das europaweit funktioniert.

Wollt ihr denn tatsächlich beim ESC teilnehmen oder die Shows eher als Plattform nützen, um mehr Medienpräsenz zu haben und im Fernsehen auftreten zu können?

Barbara: Sagen wir mal so, anfänglich war das vielleicht schon auch Strategie und natürlich nutzt man die Promo, immerhin ist das unser „Lohn“, den wir dafür bekommen. Aber mittlerweile haben wir Blut geleckt und finden auch, dass wir durchaus gut zum Thema „Building Bridges“ passen.

Was haltet ihr vom sogenannten „Elkegate“? Seither wird ja häufiger österreichische Musik auf Ö3 gespielt.

Barbara: Dass dieser Kampf auf Kosten von Frau Lichtenegger ausgetragen wurde tut mir zwar leid, weil sie per se ja nichts dafür kann – ich wusste aber bis dahin nicht, wer diese Dame überhaupt ist. Nichtsdestotrotz war die Aufregung schon berechtigt. Wenn man bedenkt, dass man im „Freunderlwirtschaftsland“ Österreich ist und man nicht so mir nichts, dir nichts im Radio gespielt wird. Der Fakt, dass viele ÖsterreicherInnen nicht einmal wissen, dass es Bands in diesem Land gibt, spricht eigentlich schon Bände.

Wenn ihr euch rein hypothetisch irgendeinen Künstler aussuchen könntet, mit dem ihr zusammen arbeiten könntet: Wer wäre es (egal ob lebendig oder tot, realistisch oder nicht)?

Barbara: Oh wow, ich würd gerne mit Kurt Cobain und Kevin Devine Texte schreiben, mit Daniel Johns arrangieren und produzieren würde ich gern mal mit Bon Iver, Rick Rubin oder Butch Vig. Das wäre interessant.

Vielen Dank für das Interview!

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