Normalerweise werden hier die blitzenden und blinkenden Popfetzen so zerissen, dass man ein schlechtes Gewissen hat, sie in die Altkleidersammlung zu geben. Doch in diesem Monat ist alles anders.

Es gibt Anlässe. Und es gibt Pflichten. Vorweg: Ich denke, dass es wohl ein bisschen zu einfach ist, eine Einzelperson zu schafottieren, die unreflektiert die Meinung ihres Arbeitgebers in der Öffentlichkeit runterleiert. Frau L. ist in diesem Trauerspiel nur ein Bauernopfer. Und um nebenbei ganz lässig das Philo-EC raushängen zu lassen: „Tötet nicht den Boten.“ Das wusste schon Sophokles. Dennoch ist die Aufregung über den Umgang mit österreichischer Musik keineswegs unberechtigt. Es gibt ihn nämlich kaum. Jetzt würde ich als Halbblut natürlich gerne auf Deutschland verweisen, doch auch da ist es ein bisschen kompliziert. Dort gibt es zwar Bosse, Thees Uhlmann, Kraftklub oder Philipp Poisel, doch wie Judith Holofernes im sehr lesenswerten UNIMAG-Interview richtig gesagt hat: Wenn Helene Fischer schon den Echo verleiht, heißt es vorsichtig sein! Doch zurück nach Rot-Weiß-Rot.

Die Musik in Österreich lebt. Verborgen in den Kellern und WG-Zimmern

Vor über 20 Jahren sagte Falco über die Musikszene in Österreich: „In Wien musst du erst sterben, dass sie dich hochleben lassen. Aber dann lebst lang.“ Unrecht hatte er da nicht. Doch für junge Künstlerinnen und Künstler stellt dieses recht undankbare Karrieremodell meist keine Option dar. Was also tun? Auch wir beim UNIMAG bekommen immer wieder Mails mit Hörproben oder werden von Bekannten auf Bands hingewiesen. Und – I shit you not – die meisten davon sind sehr, sehr gut. Da wären Bands wie Mother’s Cake, Poètique Èlectronique oder Mindespeak, die es verdient haben, gehört zu werden. Österreich könnte aus dem Vollen schöpfen. Und tut’s nicht. Ja eh, den guten, alten Austropop spielen’s rauf und runter. Aber dass es der Hofer dann doch nicht war und dass die Hitze der Stadt im Sommer brutal ist, weiß ich schon seit der Grundschule. Stellt euch einfach mal vor, in England wäre nach den Beatles Schluss gewesen. Eben. Daher widmen wir dieses Don’t believe the Hype diesen Monat nicht irgendwelchen Pop-Unverschämtheiten aus Übersee, sondern Bands, die es einfach mal verdient haben, gehört zu werden. Und zwar aus den verschiedensten Genres.

Da wäre zum Beispiel Bulbul. Die drei Herren gibt es schon etwas länger und „Hirn fein hacken“ ist auch nicht ihr erstes Album. Doch der Name ist Programm: Ihr Sound klingt, als ob man alle Vernunft über Bord geworfen hätte und sich gnadenlos der Zwangspaarung aus Grunge, Post-Rock und Stoner gewidmet hätte. Zwischen Englisch und Wienerisch preschen die Songs nach vorn, kein Fuß kann dabei still bleiben.

Treibende Rhythmen gibt’s auch bei Chronic City. Das Debütalbum „Nom de Guerre“ klingt nach einem Sommer, den man in ein urcooles elektronisches Gewand gepackt hat, als ob man ganz tief in blaues Wasser taucht um danach bis auf’s Herz erfrischt zu seinem Tequila Sunrise zurückzutreiben. Zu hören im Übrigen am 25.05. am Donaukanaltreiben.

Raus aus Wien: Die ruhigen Töne bedient Lena Mentschel wie keine andere. Die Wahl-Grazerin hat Gesang studiert und überzeugt mit ihrem Album „In My Little Garden“, dass das eine unglaublich weise Entscheidung war. Selten hört man eine so kluge und warmherzige Mischung aus Jazz und Pop. Wer das Glück hat, am 4. Juni in Linz zu sein, sollte dringend ins Smaragd gehen und sich verzaubern lassen.

Bevor es zurück in die Hauptstadt geht, machen wir Zwischenstopp in Kärnten: Human Shout haben das kollektive Lebensgefühl der Twenty-Somethings vertont und auf ein Album gepackt. Melancholischer Indie-Sound – ein bisschen Sigur Ròs hier, ein bisschen The Strokes da – macht in Summe ein unbedingt hörenswertes Klangexperiment, dass beim Hören das Gefühl hinterlässt, als ob man dazu schonmal geknutscht hätte.

Apropos Melancholie: Stell dir vor, Du kommst Sonntag Morgen vom Feiern heim. Die U-Bahnen fahren schon wieder, aber du bist zu müde, um zu schlafen. Du holst dir beim Döner-Standl ein letztes Bier und setzt dich mit dem einen übriggebliebenen Freund auf die Dachterrasse und siehst der Stadt beim Aufwachen zu. Pieter Gabriel alias Sleep Sleep hat mit seiner EP „Gospel“ den Soundtrack für diesen Moment geschrieben.

Traurig aber wahr – auch unserer Platz ist beschränkt. Doch wir wollen nicht nur reden, sondern auch etwas tun. Falls ihr selbst Musik macht oder denkt, dass wir eine Band unbedingt hören müssen, dann habt ihr ab jetzt die Möglichkeit, uns das zu kommunizieren. Das Postfach newcomer[ät]unimag.at freut sich auf euch!

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