Nach einem Treffen mit Phoenix muss erst einmal Folgendes festgehalten werden: Sie sind die wohl liebenswerteste und herzlichste Band der Welt. Punkt. Nebenbei machen die immer ein wenig geheimnisvoll und verschroben wirkenden Franzosen seit mittlerweile fünf Alben wundervolle und genrebezeichnende Musik, die 2009 auch mit einem Grammy ausgezeichnet wurde. Gerade erschien ihr neues Album „Bankrupt!“ – produziert von niemand Geringerem als der französischen Elektro-Ikone Philippe Zdar (inzwischen schon das heimliche, fünfte Bandmitglied, wie die Band feststellt) -, auf dem Phoenix Popmusik gewohnt avantgardistisch in neue Richtungen ausbreiten, statt ihren bisherigen Stil nur zu reproduzieren.

In märchenhafter und fast schon philosophischer Erzählweise berichten Laurent „Branco“ Brancowitz (Gitarre), Christian Mazzalai (Gitarre) und Deck d’Arcy (Bass) von der Liebe zum Wort „bankrott“, Pfirsichen, goldenen Kokosnüssen, warum sie für ihre Heimat zu unfranzösisch sind, was ihre eigene Chaos-Strategie ist und wie die Menschheit sie in 300 Jahren in Erinnerung haben soll.

Euer letztes Album hieß „Wolfgang Amadeus Phoenix“ – das klingt ziemlich schick und glamourös. Das eben erschienene Werk habt ihr „Bankrupt!“ genannt, inklusive Ausrufezeichen. Ein eher unschön klingendes Wort, fast ein bisschen eklig, wenn man es ausspricht. Was gefällt euch an diesem Wort so, dass ihr gleich euer Album danach benannt habt?

Branco: Puh, gleich eine so schwere, erste Frage. Ich sehe schon, du wirst es uns nicht einfach machen (lacht). Ich glaube, genau dass es so komisch klingt, macht es für uns so ansprechend. Es ist ein Wort, bei dem man sich denkt, dass es auf keinen Fall der Titel eines Albums sein sollte. Das macht es für uns wohl so interessant. Wir versuchen immer, auf einer neuen Ebene, Neues und Spannendes zu entdecken. Aber es geht nicht nur darum, dass es nur etwas völlig Neues ist. Neu bedeutet für uns nicht zwangsläufig gut. Damit etwas für uns interessant und sehr ansprechend ist,  müssen sehr viele Dinge zusammentreffen. Es muss eine tiefere Bedeutung vorhanden sein. Welche genau das ist, ist fast unmöglich zu sagen. Aber wenn wir es interessant finden, macht es „Boom“ und wir lieben es. Sofort und innig. Ich glaube, uns gefällt an dem Wort „Bankrupt!“, dass es etwas sehr Heroisches hat. Aber nicht in dieser glatten, heldenhaften Bedeutung. Eher der tiefe Fall des tapferen Helden.

Also der heldenhafte „Wolfgang Amadeus Phoenix“, der jetzt zu „Bankrupt!“ abgestürzt ist?

Christian: Exactement! Das ist ein gutes Bild. So müssen wir uns das unterbewusst gedacht haben! Siehst du, es hat alles einen Sinn. Nur kennen wir diesen einfach oft nicht (lacht).

Branco: Ja, so wenig von dem, was wir tun, lässt sich erklären oder macht Sinn. Wir lassen uns da von unseren Gefühlen leiten und diese führen uns dann zu einem Wort wie „bankroupte“, aus dem wir dann „Bankrupt!“ gemacht haben. Und am Ende sind wir damit zufrieden und glücklich, ohne dass wir zwanghaft gesucht haben.

Aber nochmal zurück zu „Bankrupt!“. Ich habe keine Sprache gefunden, in der dieses Wort wirklich hübsch und schön klingt. Eher unschön. Wie klingt es denn in euren Ohren?

Branco: Für uns klingt es nicht hässlich. Vielleicht eher etwas rau und unlieblich, und das genau lieben wir wohl daran. Es ist wahrscheinlich eine plötzliche, nicht erklärbare Liebe zu diesem Wort! Aber kannst Du es bitte einmal auf Deutsch sagen? („bankrott“) Wir lieben, wie es auf Deutsch klingt, aber keiner von uns kann es richtig aussprechen.

Deck: Vielleicht musst du es nochmal sagen und wir nehmen es auf? Dann können wir es immer im Tourbus hören und uns darüber freuen.

Branco: Aber dann machen wir nichts anderes mehr!

Auf der Special Edition von „Bankrupt!“ gibt es mit „The Bankrupt! Diaries“ 70 kurze Soundschnipsel, die während der Aufnahmen entstanden sind und die einen kleinen Einblick geben, wie sich die einzelnen Songs zusammensetzen.

Deck: Oh das machen wir ziemlich gerne, diese kleinen Soundschnipsel sammeln. Aber es ist jetzt das erste Mal, dass wir das ganz offiziell veröffentlicht haben. Vielleicht gibt es da draußen ein paar Leute, die sich so etwas genauso gerne und interessiert anhören, wie wir es sammeln. Hast Du alle angehört?

Ja, man kann dabei sehr schön erkennen, wie sich die Songs geformt haben. Wie viele davon existieren insgesamt?

Christian: Ja, oder? Faszinierend, aus was ein einzelner Songs bestehen kann. Ich glaube, mehr als 2000 gibt es davon. Die haben wir in den letzten zwei Jahren gesammelt. Wir haben immer Aufnahmegeräte bei uns gehabt, falls uns an einer Ampel oder in der Badewanne etwas einfällt. Dann haben wir es gleich aufgenommen und gesammelt. Alles, was uns in die Ohren und in den Sinn kam.

Das klingt, als hättet ihr eure eigene, kleine Phoenix-Bibliothek angelegt. Wie schafft man es, dabei nicht den Überblick zu verlieren?

Deck: Wir waren da sehr akribisch und pedantisch. Jedes File wurde ganz genau benannt und nummeriert. Das war zwar sehr mühsam, hat aber auch Spaß gemacht. Dann haben wir, nachdem wir die Songs für „Bankrupt!“ fertig hatten, diejenigen ausgesucht, die das Album am besten wiederspiegeln. Daraus wurde „The Bankrupt! Diaries“.

Branco: Wir waren da so genau und präzise, wir sollten das Konzept verkaufen oder unsere eigene Datenbank Firma gründen. Das würde ein großer Erfolg werden.

„Nur wenn alles perfekt zueinander läuft, ist das Ergebnis eine perfekte Frucht.“


Auf dem Cover von „Bankrupt!“ ist ein sehr hübsch gezeichneter Pfirsich zu sehen. Ein sehr schönes Bild, zu dem euch der französische Revolutionskalender inspiriert hat. Jeder Tag hat dort ein eigenes Symbol und einen eigenen Namen. Wieso wurde es bei den 365 Möglichkeiten die ihr hattet gerade der Pfirsich?

Branco: Als wir mit den Albumaufnahmen begannen, waren wir auf einmal von diesem Revolutionskalender völlig begeistert. Damals wurde versucht, die Sieben-Tage-Woche abzuschaffen und eine Zehn-Tage-Woche einzuführen. Und man gab den Monaten sehr schöne Namen, wie zum Beispiel Vendémiaire (Monat der Weinlese). Innerhalb dieser Monate hatte wiederum jeder Tag einen eigenen Namen, abgeleitet aus der Natur. Der 22. Tag des Vendémiaire ist der Tag des Pfirsichs, an dem das Volk eingeladen wurde, völlig loszulassen, auszurasten und ausgelassen zu sein. Ein Bild, das uns sehr gefällt. Während wir im Studio waren, haben wir dann angefangen, auf unsere Website Bilder, die auf diesen Monatsnamen basieren, zu stellen. Das hat viele Leute sehr verwirrt. Für uns hat es aber sehr viel Sinn gemacht. Der Revolutionskalender sollte weg vom christlichen Denken und allem einen rationalisierteren Blick auf die Zeit geben, die Monate und ihre Bedeutung sollten auf die Begebenheiten verweisen und sie wiederspiegeln.

Christian: Thermidor zum Beispiel, der Hitzemonat, abgeleitet vom französischen thermal (warm), da steckt die Bedeutung gleich im Namen und das macht so viel mehr Sinn und Logik, als die Monatsnamen, die es in unserem geltenden Kalender gibt. Diesen komplexen, aber auch gleichzeitig einfachen Gedanken, hatten wir im Kopf. Und auch den Gedanken an Früchte. Wir wollten unbedingt eine Frucht.

Wieso Früchte und nicht Tiere oder Gemüse?

Branco: Hm, vielleicht, weil Früchte eine gewisse Form von Perfektion haben.

Weil sie der Abschluss eines langen, komplexen Prozesses sind?

Christian: Ja, genau. Nur wenn alles perfekt zueinander läuft, ist das Ergebnis eine perfekte Frucht.

Und was macht nun den Pfirsich zur perfektesten Frucht, die euer Albumcover zieren darf?

Christian: Ich weiß nicht, ob wir das genau sagen können. Es war vielmehr so: Oh, lasst uns jetzt einen Pfirsich als Cover nehmen. Und jetzt haben wir einen Pfirsich.

Branco: Zur selben Zeit, also 2011, wurde auch der größte Schatz aller Zeiten in einem Tempel in Indien gefunden. Unvorstellbar viele Diamanten und Gold. Wir waren total begeistert davon, dass es so etwas gibt. Darunter war auch eine Kokosnuss aus purem Gold. Und während wir mit den Albumaufnahmen begannen, dachten wir ununterbrochen an diese goldene Kokosnuss. Wir sind heute noch völlig fasziniert davon und irgendwie auch an die Früchte auf den „fruit machines“ (Anm. d. Red. Einarmiger Bandit, Spielautomat), die Kirschen, die Bananen, die Wassermelonen. Das sind grandiose, ein bisschen kitschige und sofort erkennbare Symbole, so etwas lieben wir. Jetzt haben wir dir aber nur von goldenen Kokosnüssen und Glücksspielautomaten erzählt, anstatt richtig auf die Frage zu antworten. Aber wir können wohl keine Antwort darauf geben, warum wir manche Dinge so sehr mögen. Das passiert einfach. Wir wissen nur, dass wir etwas mögen und wenn wir das  genug tun, dann nehmen wir es für uns (alle nicken einstimmig).

Ihr betont immer wieder, wie sehr ihr die Bedeutung des Begriffes „futuristisch“ mögt. Was genau bedeutet er für euch?

Branco: Ja, das ist einer der wichtigsten Begriffe für uns. Wir lieben das, was vor uns liegt, das, was noch kommt.
Unser Kopf will Dinge, die er mag, reproduzieren. Aber wir möchten nicht, nur etwas reproduzieren, sondern die Dinge, die wir lieben in die Zukunft tragen und weiterentwickeln. Und damit hoffentlich etwas Neues schaffen – La beaute d’avenir (Anm. d. Red. die Schönheit der Zukunft). Das ist für uns futuristisch.

Wie schwierig ist es dann nach fünf Alben, diesen Anspruch des futuristischen Strebens aufrecht zu halten? Schafft man es noch, sich selbst zu überraschen?

Christian: Ja, auf eine gewisse Weise schon. Es ist zwar nicht immer einfach. Aber wenn man ganz von vorne beginnt, ein Album zu machen, ist da eine reine und pure Freude über das Ungewisse, denn keiner von uns weiß,  was wir da genau tun, wo die Reise hinführt oder gar endet. Das ist ungemein hilfreich.

Branco: Sobald man aber weiß, was man tut, wird es sehr schwierig. Denn den Kopf und all das Rationale zu umgehen, ist schier unmöglich. Deswegen haben wir unsere eigene Chaos-Strategie für die Albumaufnahmen entwickelt: Wir machen sehr viele, total unterschiedliche und zusammenhanglose Dinge. Dann kommt die Rationalität und muss mit dieser immensen Menge an Musik und Eindrücken klarkommen. Es herrscht pures, wildes und überschäumendes Chaos. Darin befinden wir uns dann und daraus entsteht dann unsere Musik. Aber es ist der beste Weg, den wir gefunden haben, um Musik zu schaffen, die wir nicht erwartet haben.

„Das Rationale verursacht Langeweile.“

Ihr seid für mich eine der Bands, die die höchsten, künstlerischen Ansprüche an sich selbst hat.

Christian: Ich hoffe doch, dass wir so klingen. Ansonsten müssen wir jetzt sofort Phoenix auflösen und Bibliothekare werden (lacht).

Branco: Oder dieses Datenbank Unternehmen gründen.

Ja, auf jeden Fall. Es scheint bei euch immer so, als hättet ihr euren eigenen Phoenix-Kosmos geschaffen, in dem ihr euch bewegt. Und manchmal präsentiert ihr der Außenwelt ein bisschen was davon. Wie würdet ihr eure eigenen Ansprüche eurer Arbeit definieren?

Branco: Das wird jetzt wieder furchtbar flach klingen, also entschuldige ich mich bei dir, bevor ich antworte: Wir wissen ja nicht wirklich, was wir tun, wenn wir etwas tun. Sobald wir wissen, was wir tun, wird es nämlich langweilig. Und auch sehr schlecht. Das Rationale verursacht Langeweile. Wir suchen nach etwas, das wir jetzt noch nicht kennen. Und wir wissen auch nicht, wo wir es finden können. Also müssen wir sehr viel suchen und viele Löcher graben. Manchmal findet man nur harte Steine, aber manchmal ist auch ein Schatz dabei. Sobald wir etwas gefunden haben, wissen wir sofort, ob es das Richtige ist und ob es eher ein kleiner Schatz ist oder eine goldene Kokosnuss (lacht).

Ihr schreibt nie Songs, wenn ihr auf Tour seid und das seid ihr ziemlich viel. Wie ist es dann, zurück ins Studio zu kehren? Kann man es „verlernen“, Songs zu schreiben, so wie wenn man lange nicht mehr Fahrrad gefahren ist?

Deck: Ja, das mit dem Fahrradfahren ist ein schöner Vergleich. Man hat es nicht wirklich verlernt, man muss nur wieder hineinkommen. Man weiß eigentlich, wie alles geht, aber es fühlt sich fremd und komisch an.

Christian: Die Herausforderung ist, diese komische Phase so kurz wie möglich zu halten. Man fährt überall mit dem Fahrrad hin oder beginnt aus allem Musik zu machen.

Deck: Bei diesem Album mussten wir sechs Monate ziemlich viel Fahrradfahren. Das ist für uns eine durchschnittliche, komische Eingewöhnungsphase. Wir waren etwas glücklich, als sie vorbei war.
Aber das ist gut, es darf nicht zu einfach sein. Sobald es einfach wird, ist es für uns suspekt.

Für euer letztes Album „Wolfgang Amadeus Phoenix“ gab es den größten Musikpreis der Welt, den Grammy. Bekommt man durch so etwas Druck für das nächste Album oder ist das für euch einfach nur ein goldener Award, der irgendwo verstaubt?

Branco: Er ist auf jeden Fall nicht so wundervoll, wie die goldene Kokosnuss, die hätten wir sehr viel lieber gehabt.

Christian: Ich glaube, keiner von uns hat ihn zuhause stehen. Meiner steht bei meiner Mutter. Damit er nicht verstaubt (lacht).

Deck: Druck entsteht nicht wirklich. Es ist komisch, einen Preis für etwas zu bekommen, dass man nicht mit Absicht gemacht hat, sondern das einfach so entstanden ist. Daher war da jetzt nicht so der Druck.

„In Frankreich sind wir keine französische Band, wir sind dort eher eine deutsche/amerikanische Band.“


Bedeuten euch Preise und Auszeichnungen etwas oder ist es euch wichtiger, ausverkaufte Touren mit größeren Locations zu spielen oder mehr Alben an den Mann zu bringen?

Christian: Da muss nun dieses Klischee her: Wir sind glücklich mit dem, was wir tun – egal, wie viele Leute sich das anschauen oder sich das Album kaufen.

Deck: Wir sind da etwas egoistisch, wenn die Leute unsere Arbeit mögen, ist das gut, wenn sie das nicht tun, ist das eben so.

Branco: Aber der Grammy ist der einzige Award, den wir jemals gewonnen haben.

Ihr habt noch nie in Frankreich etwas gewonnen?

Christian: In Frankreich sind wir keine französische Band, wir sind dort eher eine deutsche/amerikanische Band (alle lachen sehr.).

Deck: In Frankreich sind sie sehr stolz auf das „Französisch-sein“. Und das sind wir irgendwie nicht. Waren wir auch nie richtig. (alle lachen noch mehr.)

Branco: Deswegen war es ganz witzig, den Grammy zu bekommen. Wir wussten ja nicht, wie es ist, so etwas zu erhalten. Jetzt haben wir das auch erlebt, das ist ok, es ist ja nur ein Preis. Aber es ist schon ein cooler Award. Es ist immerhin nicht die Kategorie „Bester Remix einer B-Seite einer limitierten Single“ (lacht).

Viele Musiker schreiben ihre besten Songs immer nur in einer bestimmten Gefühlslage oder aus einer bestimmten Emotion heraus. Ist das bei euch auch so?

Deck: Ich finde das lustig, dass das bei sehr vielen Musikern so ist. Manche müssen dann immer traurig sein. Aber nach fast 20 Jahren Songs schreiben, können wir inzwischen das ganze Spektrum an Emotionen liefern.

Branco: Wir schreiben keine besseren Songs, wenn wir sagen „So, jetzt schreiben wir einen Song.“ Warte, eigentlich ist es so, dass wir nie wirklich Songs schreiben. Es gibt einen kontinuierlichen Flow an Musik, den wir kreieren und laufen lassen, und dann versuchen wir, aus diesem Flow etwas zu schaffen, was am Ende einen Song und dann aus mehreren Songs ein Album ergibt..

Erinnert ihr euch noch gerne an euren ersten Auftritt?

Branco: Ja, wir erinnern uns noch gut daran. Gerne ist dann wieder etwas anderes (alle lachen). Ich habe damals noch mit Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo, die heute Daft Punk sind, in einer Band namens Darlin‘ gespielt. Die anderen hier hatten ihre eigene Band. Ich bin ein wenig älter und natürlich waren sie damals zu uncool für mich. Auf jeden Fall war bei uns in Versailles ein Straßenfest und beide Bands haben auf der gleichen Bühne gespielt. Und es hat einfach niemanden interessiert.

Deck: Wir haben zwar nicht erwartet, dass das irgendjemanden interessiert. Aber ein bisschen enttäuscht waren wir schon.

Branco: So sind wir aber als Band entstanden, dass es eigentlich niemanden interessiert hat, was wir tun oder ob wir etwas tun. Es ist wie Angeln: Um dich herum sind keine Leute, die dich bejubeln. Denn du bist ja nur angeln. Vielleicht haben wir daher eine andere Relation zu Erfolg als Leute, die von Anfang an Erfolg haben und im Gegensatz zu uns schon ganz viele Awards gewonnen haben. Wir sind über jeden Erfolg immer überrascht – noch heute, obwohl wir das schon so lange machen.

Christian: Von dem Auftritt damals gibt es übrigens auch ein Video.

Kann man sich dann von euren Kindheits-Livequalitäten bei YouTube überzeugen?

Branco: Haha, ich glaube nicht, dass meine Mutter weiß, wie man Videos bei YouTube hochlädt. Vielleicht ist das auch besser für uns. Künstlerischer Anspruch und so (lacht).

Christian: Aber man sieht darauf die Gesichter der Menschen in Reaktion auf unsere Musik: verstört, verwirrt, vielleicht auch etwas angewidert. Wir haben dann immer sehr schnell weitergespult. Das war zu unangenehm.

Zum Abschluss noch eine kleine Zeitreise: Was würdet ihr euch wünschen, das die Leute in 300 Jahren über Phoenix und eure Musik sagen?

Branco: Jetzt toppst Du die erste schwierige Frage mit einer letzten, die noch schwieriger ist (lacht). Das ist wirklich eine gute Frage. Es wäre interessant zu wissen, was sich die Leute über uns merken würden und was nicht: „Ah, Phoenix, diese Franzosen, die nie in Frankreich einen Musikpreis gewonnen haben.“ Es bleibt eben nie alles erhalten, was einen Künstler ausmacht. Nimm zum Beispiel Johann Sebastian Bach – für uns ist das, was er geschaffen hat, einfach klassische Barockmusik. Aber wir werden wohl nie erfahren, was es für ihn wirklich war, gegen welche musikalischen Post-Renaissance-Gepflogenheiten er zu kämpfen hatte und wie er seine Musik selbst gesehen hat. Wir kennen die Details nicht, aber für uns ist es „einfach“ klassische Musik. Dabei wäre es viel interessanter zu wissen, was er eigentlich damit erreichen wollte. Das würde mich sehr interessieren, was hier bei uns über die Jahrhunderte im Gedächtnis der Menschen bleiben würde.

Christian: Aber Du kannst uns ja jetzt helfen, noch in 300 Jahren berühmt zu sein. Schreib einfach, wir sind die schönste, attraktivste und natürlich künstlerisch beste Band aller Zeiten. Dann denken die Leute sicher noch in 400 Jahren an uns.

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