In Indie-Rock-Kreisen werden Portugal. The Man aus Alaska schon seit einigen Jahren gehypt. Mit ihrer Hit-Single „Feel It Still“ aus dem aktuellen Album „Woodstock“, auf dem sich die Band mit sozialen Problemen dieser Welt auseinandersetzt, ist ihnen nun auch der kommerzielle Durchbruch gelungen. Wir haben uns mit Keyboarder Kyle OQuin sowie Gitarrist Eric Howk über die langwierige Arbeit an ihrer Platte, die Politisierung von Musik und ihre besondere Verbindung zu Österreich unterhalten.

Nach „Evil Friends“ wolltet ihr einen neuen Ansatz ausprobieren, nämlich wie Prince oder Elvis Costello rund 100 Songs für das nächste Album zu schreiben. Ihr musstet aber bald feststellen, dass ihr so nicht funktioniert, habt alles verworfen und nochmal von Neuem begonnen. Erst dadurch ist „Woodstock“ entstanden.

Eric: Ich glaube, Produzenten wollen immer, dass du mit so vielen Songs wie möglich ins Studio kommst.

Kyle: So viele großartige Künstler haben auf diese Weise gearbeitet. Ich glaube, es ist ein gesunder Ansatz, zuerst alles raus zu lassen und erst dann die besten Stücke auszuwählen. Wir funktionieren leider nicht so. Wir legen immer zuerst den Titel fest und bestimmen damit die Richtung, in die das Album gehen soll.

Eric: Ich erinnere mich, dass Rivers Cuomo von Weezer rund 200 Songs für „Pinkerton“ geschrieben hat und danach herrschte lange Zeit Flaute, wenn ich mich nicht irre (lacht).

Kyle: Wir haben auch mit drei verschiedenen Produzenten zusammengearbeitet – Mike D, Danger Mouse und John Hill – und haben jedem von ihnen unterschiedliche Versionen unserer Songs zugeschickt. Dadurch haben wir komplett die Perspektive verloren. Wir hatten circa 38 Songs und davon jeweils 9 Versionen. Ab irgendeinem Zeitpunkt mussten wir einfach alles verwerfen und wieder zum Anfang zurückkehren.

Habt ihr das Gefühl, dass diese Sackgasse euch dabei geholfen hat, euren Arbeitsstil zu finden?

Kyle: Der Schriftsteller Philip Roth hat dazu passend geschrieben: „Coal mining is hard work. In most professions there’s a beginning, a middle and an end. With writing, it’s always beginning again.“ Wir haben nie aufgehört zu schreiben. Deshalb war es für uns auch nie eine Sackgasse. Vor „Evil Friends“ haben wir schon einmal ein Album gemacht, das nie veröffentlicht wurde. Es war diesmal nicht anders.

Eric: Stilistisch ist das Album total chaotisch – aber auf geniale Weise chaotisch, versteht sich. Die Idee, das Album wie ein Musikfestival zu nennen, lässt irgendwie den Vergleich zu modernen Festivals zu, wo du auf einer Bühne Major Lazer hast, auf einer anderen vielleicht Blues oder Soul und auf einer dritten Bühne Rock. So fühlt sich die Platte für uns an.

Nachdem „Woodstock“ euer Album so inspiriert hat: Würdet ihr gerne in den 60er-Jahren leben, wenn ihr durch die Zeit reisen könntet?

Eric: Ich mag mein iPhone schon ganz gerne (lacht).

Kyle: Ich glaube, ich wäre dabei. Ich würde die 60er bestimmt mögen.

Eric: Ich habe eine Gitarre aus den 60ern, fahre ein Auto aus dem Jahr 1966 und bin generell ein Vintage-Fan. Ich glaube nur, dass die Gesellschaft in den 60er-Jahren noch aggressiver und gespaltener war als heute. Wir sind wieder auf einem guten Weg dahin. Ich kann mir aber vorstellen, im Jahr 1969 zu leben und für die NASA zu arbeiten (lacht). Das wäre extrem cool.

Kyle: Ich würde sagen, 80 Prozent der Musik, die ich liebe, wurde in diesem Jahrzehnt aufgenommen.

Also würdest du vor allem auf Konzerte aus dieser Zeit gehen wollen.

Kyle: Oh ja, definitiv!

Eric: Jimi Hendrix, Janis Choplin. Wieso nicht? Es ist Freitagnacht, wir haben nichts zu verlieren (lacht).

Ihr habt euch zu eurer Single „Feel It Still“ etwas Besonderes einfallen lassen: Neben dem offiziellen Musikvideo gibt es auch eine interaktive Version, mit der ihr eure Fans dazu auffordert, die vorherrschende Apathie zu bekämpfen und zu handeln. Wie ist die Idee entstanden?

Kyle: Unsere Freunde von Wieden+Kennedy hatten die Idee zu einer Zeit, in der politisch einiges im Gange war. Alle Themen, die wir in dem Video ansprechen, sind ja reale, soziale Probleme. Menschen sollten Zugang zu Trinkwasser haben und sie sollten gleich behandelt werden. Es muss ja nicht übermäßig politisch sein. Es ist mehr ein: „Sei kein Arschloch! Hier sind ein paar Anhaltspunkte, wie du ein guter Mensch sein kannst.“

Eric: Das Konzept stammt von uns und wir wurden auch stark für eine Szene kritisiert, in der ein Mann eine Zeitung mit der Aufschrift „InfoWars“ anzündet. Plötzlich wurden wir zu einer politischen Band und eine Zielscheibe für rechte Parteien. Dabei ist es lächerlich, Forderungen nach Gleichheit als politisches Thema zu begreifen. Das sollte nicht politisiert werden. Parteien nutzen diese Themen aber für ihre politische Agenda. Wir haben nicht beabsichtigt, damit politisch zu werden. Wir sind bloß Menschen, die für Gleichstellung und jene Dinge kämpfen, die wir für richtig halten.

Es wird gerne darüber diskutiert, wie politisch Musik sein darf. Wie sieht ihr das?

Eric: Ich garantiere dir, dass wir mehr reisen als alle Politiker und Senatoren in den USA. Wir erleben täglich so viele verschiedene Kulturen, werden mit unterschiedlichen Perspektiven konfrontiert. Sie hingegen sehen nur ihre isolierte Welt. Wir sprechen mit Menschen vor Ort, hören uns ihre Meinungen an. Wieso sollten wir dann nicht mit anderen teilen, was wir aus diesen Erfahrungen mitnehmen konnten? Es ist okay, wenn andere Bands ihren Mund halten und sich nicht in politische Themen einmischen wollen. Taylor Swift ist ja auch während des gesamten Wahlkampfes von Trump neutral geblieben.

Kyle: Indem sie still bleibt, hilft sie aber auch niemandem. Menschen unterscheiden Künstler gerne von den Personen, die sie tatsächlich sind. Es war immer schon so, dass sich Menschen die Rosinen rauspicken, wie es ihnen gerade passt. Da heißt es: „Kanye West ist ein Arschloch.“ Stell dir vor, Pablo Picasso war auch ein Arschloch, aber den schätzt man ja für seine Kunst. Wenn Leute sagen, sie hören uns nicht mehr, weil wir dafür einstehen, an was wir glauben, dann ist das Bullshit.

Nicht nur in den USA tut sich einiges am Polithimmel. Auch in Europa sind die rechten Parteien auf dem Vormarsch. Die Nationen sind gespalten und Ängste werden geschürt. Was meint ihr, sind die zentralen Werte, auf die wir uns in Zeiten wie diesen als Menschen besinnen sollten?

Eric: Wir sollten uns wieder mehr auf Menschlichkeit besinnen. Die einzige Möglichkeit, Ängste zu überwinden, ist durch positives Denken und zu einem Teil auch durch Kunst.

Kyle: Unser Land ist total gespalten und seien wir ehrlich, die verdammten sozialen Medien sind mitunter Schuld daran (lacht). Das Problem ist, dass Menschen denken: „Oh, du hast Trump gewählt? Mit dir möchte ich nichts zu tun haben. Ich lösche dich von meiner Liste.“ Also sitzen wir da und schotten uns von jedem ab, der eine andere Meinung hat als wir. Wir predigen nur noch zu Gleichgesinnten, weil wir alle anderen Meinungen von uns abschütteln. So werden weder sie noch wir jemals unsere Ansichten ändern. Dadurch machen wir Kommunikation unmöglich. Wir klopfen uns auf sozialen Medien bloß gegenseitig für unsere „richtigen“ Meinungen auf die Schulter und fragen uns, was in der Welt falsch läuft. Dabei stellen wir die Frage aber an die falschen Leute. Wir müssen uns wieder mehr öffnen und dürfen uns nicht davor fürchten, einen Dialog zu starten.

Eric: Genau, sonst schaffst du dir bloß deine eigene kleine Blase und verlierst den Bezug zur Realität.

Apropos Social Media: Der Kontakt zu euren Fans war euch immer schon wichtig. Lest und kommentiert ihr auf den verschiedensten Netzwerken die Nachrichten eures Publikums?

Eric: John und ich sind im Subreddit unserer Band aktiv und sind Teil des Fanclubs. Ich bekomme sogar Benachrichtigungen auf mein Smartphone, wenn jemand etwas Neues postet. Ich lese wirklich alle Kommentare und antworte auf etwa 4 %. Wenn wir schon von der eigenen Blase sprechen: Es wäre einfach für uns, nur unter uns zu bleiben, aber es ist wie nach einem Wettkampf beim Sport, wenn du dir danach die Aufzeichnungen ansiehst, was du richtig und was falsch gemacht hast. Das Gute an sozialen Medien ist, dass jede Stimme gehört wird. Wenn ich Kommentare lese wie „Das hättest du in diesem und jenem Interview nicht sagen sollen.“, schaue ich mir die Stelle tatsächlich an und überdenke meine Aussage. Wir haben einige der witzigsten und intelligentesten Fans.

Sind euch irgendwelche Fan-Geschichten besonders in Erinnerung geblieben?

Kyle: Zach, unser Bassist, hat eine ziemlich beeindruckende Geschichte auf Lager. Ein taubes Mädchen kam einmal zu ihm und sagte: „Du bist mein Liebling, weil ich die anderen nicht hören kann, aber dich spüre ich.“ Ich glaube, das war eine der besten Momente, die jemand erleben kann.

Eric: Wow, wirklich? Verdammt! Zu mir sagen Fans nur „Ihr habt eine wirklich geniale Show gespielt!“ (beide lachen)

Kyle: Lustig sind auch Situationen, in denen ich mich frage: „Okay, wer zur Hölle ist Rob von letzter Nacht?“, weil er uns eine Nachricht schreibt: „Danke für alles! Wir haben gestern drei Stunden lang geredet und wegen dir fange ich wieder damit an, Klavierstunden zu nehmen.“ Und ich frage mich dann bloß: „Okay scheiße, ich hab den Typen wohl echt zugelabert, aber ich war so betrunken und weiß nichts mehr davon.“ (lacht)

Aber es tut ja dennoch gut, so etwas zu hören! (lacht)

Kyle: Wir kommen immer noch nach jeder Show nach vorne zu unseren Fans. Ich weiß, dass viele Bands einfach ihre Show spielen und sich Backstage verstecken, bis sie in den Bus steigen. Wir suchen uns mit den 40 oder 50 Leuten, die auf uns warten, die ranzigste Bar in der Umgebung, hängen mit ihnen ab, trinken Bier und beantworten all ihre Fragen. Natürlich ist es auch anstrengend, das jede Nacht zu tun, aber für uns ist es auch extrem wichtig, den Kontakt zu unseren Fans aufrecht zu erhalten.

Eric: Ja, wir wollen ihnen zeigen, wer wir sind und wofür wir stehen. Auch da geht es wieder darum, seine eigene Blase zu verlassen und mit den Leuten zu reden. Ich habe einmal gelesen, dass Rivers Cuomo von Weezer… Es tut mir Leid, dass ich ihn schon ein zweites Mal in ein negatives Licht rücken muss, aber er hat uns den ersten Platz in den Charts weggenommen…

Kyle: … für eine Woche übrigens! #summerisoverweezer (lacht)

Eric: Stimmt, aber trotzdem! Jedenfalls habe ich gelesen, dass er extra ein Road Case mit Rädern anfertigen ließ, mit dem er nach der Show direkt in den Trailer gerollt wurde, damit er mit niemandem reden muss.

Kyle: Was? Na gut, also bei unserem nächsten Song rollen wir zu fünft in Road Cases herum (lacht).

Wenn wir schon bei Zahlen sind, sind euch Chart-Positionierungen wichtig?

Eric: Die Zahlen sind völlig verrückt. „Feel It Still“ hat sowieso ein Eigenleben entwickelt. Wir haben in Ländern Gold erreicht, in denen wir noch nie waren – zum Beispiel in Russland. Ich muss mir dafür übrigens einen goldenen Zahn machen lassen (lacht). Diese Zahlen sind nicht wichtig, aber sie faszinieren mich trotzdem. Außerdem zeigen sie, dass mehr Leute unsere Musik hören, und wir wollen natürlich so lange wie möglich so viele Menschen wie möglich mit unseren Songs erreichen. 

Kyle: Ich verstehe die Zahlen nicht, aber warum sollte ich auch? Ich kann unseren Erfolg an den Gesichtern der Menschen ablesen, weil sie plötzlich netter zu uns sind. Als wir Songs von „Evil Friends“ bei Radiostationen promoten wollten, haben sie uns wie Kinder behandelt, die man in eine Ecke stellen kann. Jetzt strahlen sie uns an: „Hey! Wow, vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt!“

Eric: Bei den Radiostationen, die einen damals nicht ernst genommen haben, mussten wir regelrecht darum betteln, dass sie unsere Songs spielen. Jetzt hat sich das Blatt gewendet.

Kyle: Wir erinnern uns an jeden Journalisten und jede Radiostation, die uns damals schon unterstützt haben, und wir werden sie auch nie vergessen. Ich mag es nicht, wenn Leute auf einen fahrenden Zug aufspringen, nur weil es so bequemer für sie ist. Wir haben ja auch verschiedene Labels in unterschiedlichen Ländern und wir wissen, dass uns einige den Rücken zukehren werden, wenn wir nicht mehr auf der Erfolgswelle reiten. Das ist scheiße und einfach nur lame.

Ihr habt eine besondere Verbindung zu Österreich. Was gefällt euch besonders hier?

Kyle: Österreich war eines der ersten Länder, die uns unterstützt haben. Wir waren schon mit unserem Debütalbum „Waiter: You Vultures!“ hier und es wurde sogar Album des Jahres. Österreich ist wie unsere zweite Heimat in Europa. Ihr habt uns immer unterstützt und das werden wir euch nie vergessen.

Vielen Dank für das nette Gespräch!

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