Eigentlich wollte ich Stockholm ganz verlassen, um mir genügend Zeit zur Erkundung der Schären zu nehmen, einer Gruppe von über 20.000 kleinen bis größeren Inseln vor der Hauptstadt bis Richtung Finnland. Mein Reisebudget verbunden mit der Tatsache des Alleinreisens (ja, es ist nicht immer leichter und schon gar nicht billiger) machten allerdings einen Strich durch diese Rechnung. Also quatierte ich mich für weitere 4 Nächte in einem billigern Hostel in Stockholm ein (das Interhostel, nicht so empfehlenswert wie meine erste Unterkunft), kaufte einen Islandhopperpass und verbrachte meine Tage von Insel zu Insel, leider ohne auf ihnen nächtigen zu können („Ein Zelt, ein Zelt, ein Königreich für ein Zelt!“).

Willkommen in der Wildnis!

Wie wunderschön, idyllisch, kitschig und einsam diese Inseln sind, kann man mit Worten nur schwer beschreiben, aber für mich waren sie der Inbegriff dessen, was ich mir von einer schwedischen Landschaft erwartete: Felsige Küsten mit Blick auf endlose Seen oder das Meer, in der Ferne zahllose weiter Inseln und hinter mir Fischerboote, die vor dem Steg kleiner, rot-weißer Häuser ankern. Und die Inseln selbst sind mit Wäldern bedeckt, so hell und einladend, dass in mir kein einziges Mal ein Gefühl von Unbehagen aufkam.

Schneller schlug mein Herz auf diesen einsamen Inselwanderungen nur bei meinen Begegnungen auf du und du mit Bambi, das sich durch mich kaum in seinem friedlichen Grasen stören ließ, oder als ich für einiger Zeit fürchtete, doch auf meiner Lieblingsinsel, Svartsö, übernachten zu müssen. Der öffentliche Fährverkehr, der die großen Inseln regelmäßig bedient, ist für einen Laien nämlich gar nicht so einfach zu durchschauen und so musste ich erst lernen, wie man ein „jetty callt“. Eine Schiffanlegestelle ist nämlich keine Bushaltestelle und meine einfache Anwesenheit reichte nicht aus, um die Fähre zum Halten zu Bewegen, denn ich hatte das „Semaphore“ nicht bedient und ihr kein Zeichen gegeben – shame on me.

Was mich nicht umbringt, macht mich stärker!

Ich hatte also Blut geleckt, an diesen erschöpfenden Tagen der einsamen Wanderungen und unberührter Wildnis, und beschloss als nächstes Ziel Gotland anzusteuern, eine ziemlich große Insel im Süden von Schweden, schon auf halbem Weg nach Litauen. Über die Anreise schweige ich, nur so viel: ich hätte einen Freund an meiner Seite wirklich gebrauchen können und war nahe an der Obdachlosigkeit und Verzweiflung. Doch diese Momente sind es, die man auf Reisen nicht nur völlig alleine meistern muss, sondern aus denen man stärker als je zuvor hervorgeht und wodurch man neues Selbstbewusstsein erhält. Und nicht zuletzt gibt es irgendwo dann wieder W-LAN und wichtige Menschen am anderen Ende des Telefons, die aufbauen und Trost spenden, wenn einfach alles daneben gegangen ist.

Voll neuer Mut besichtigte ich nach meiner missglückten Anreise nach Gotland am darauffolgenden Morgen Visby, die Hauptstadt der Insel. Ich beschloss, Gotland noch eine Chance zu geben, denn dieser Ort hat wirklich sehr viel zu bieten: Nicht nur, dass hier einmal im Jahr ein riesiges Mittelalterfest stattfindet, auch die restliche Zeit tummeln sich viele Touristen (vor allem Schweden) in den mittelalterlichen Gässchen. An jeder Ecke finden sich Überreste alter Kirchen und Zeichen der Wikingerbesiedelung und diesem historischen Flair kann man sich nicht entziehen.

Schließlich hatte ich aber andere Pläne auf Gotland, als in der Hauptstadt zu bleiben, denn ich wollte wieder in die Einsamkeit, ich wollte auf einem der vielen Strände galoppieren und auf dem Rücken eines Pferdes die Naturschutzgebiete erkunden. Die freundliche Frau, die mir als Erste auf mein E-mail geantwortet hatte, machte mit mir für Sonntagnachmittag einen Termin aus und die Distanz zu meiner Unterkunft, einer familiären, ruhigen Pension direkt am Strand (!) schien mir angemessen.

Ein beleidigter Gluteus Maximus und endlose Galoppstrecken

Mit einem Leihrad stieß ich dennoch an meine Grenzen, da ich diese Inseln und ihre Entfernungen wieder einmal unterschätzt hatte und letztendlich 60km (gottseidank in der Ebene und durch wunderschöne Landschaften) zurücklegte, um beim Reitstall angekommen meinen Gluteus Maximus für weitere 3 Stunden zu quälen. Was tut man nicht alles! Und auch diese Härteprobe des Radfahrens, so versprach ich mir, sollte mich, wieder daheim, daran erinnern, dass Grenzen dazu da sind, um sie zu überschreiten und nicht immer gleich aufzugeben.

Für Nichtreiter schwer zu erklären, war das Gefühl auf dem Pferderücken ins Meer zu waten und endlose Galoppstrecken auf dieser rauen Insel zurückzulegen so einzigartig wie ich es erwartet hatte. Aber obwohl ich sogar meinen schwedischen Prinzen bekam (das Pferd, das ich zum Reiten bekam, hieß Prinz), fehlte mir in diesem Moment die vertraute Gangart des eigenen Pferdes, sein Feuer und Temperament.

Die weiteren Tage verbrachte ich benebelt von diesem Glücksgefühl am Strand und mit Spaziergängen, schonte meinen Bewegungsapparat und las wiedereinmal so viel wie nie zuvor (das liebe ich am Alleinreisen besonders!) und ließ mich mit einem reichhaltigen Frühstücksbuffet (ich liebe warmes, großes Frühstück 😉 ) verwöhnen, ein seltener Luxus beim backpacken. Und so verließ ich Gotland nach 5 Tagen und bereitete mich darauf vor, die letzten Stationen meiner Reise wieder in der Zivilisation und in Kontakt mit Menschen zu verbringen, den ich willentlich ein Paar Tage mehr oder weniger gemieden hatte.

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