Geschrieben von Anne-Marie Darok und David Klotz

Die Hungerspiele sind vorbei – oder zumindest scheint es so. Catniss (Jennifer Lawrence) hat die Arena gesprengt und dadurch eine Revolution gestartet. Sie wurde von den Rebellen gerettet, soll nun als Spotttölpel fungieren und Leitsymbol für den Widerstand sein. Schon bald wird der jungen Kämpferin aber klar, dass sich ihre neue Rolle nicht völlig von der in den Hungerspielen unterscheidet. Sie muss gut aussehen für die Propagandafilme, ihr wird vorgeschrieben was sie zu tun hat und die Gefahr ist allgegenwärtig. Zu allem Überfluss bleibt dann auch noch ständig die Frage, was mit Peeta (Josh Hutcherson) passiert ist und welche Rolle er und Catniss’ bester Freund Gale in ihrem Leben überhaupt spielen.

Neben der oskarprämierten Jungschauspielern, glänzt der Film mit hochkarätiger Besetzung in Haupt- und Nebenrollen: Woody Harrelson als (notgedrungen) trockener Coach, Julian Moore als strengs Widerstandsoberhaupt Alma Coin, Philip Seymour Hoffman in seiner letzten Rolle, Elizabeth Banks (Mädelsabend) als nicht mehr ganz so bunte Koordinatorin Effie Trinket, Donald Sutherland, Lenny Kravitz, Liam Hemsworth, Stanley Tucci, Sam Claflin oder Natalie Dormer (Game of Thrones).

Acht Punkte und drei Meinungen sollen euch einen umfangreichen und differenzierten Einblick geben. 

Das war herausragend

Anne: Zwei Aspekte finde ich besonders lobenswert: Auf der einen Seite steht die Kriegspropaganda, die in diesem Universum eine sehr große Rolle spielt. Bei der Bearbeitung dieses Themas leistet der Film eine Gradwanderung zwischen satirischer Übertriebenheit und emotionaler Aufopferung, was dem Publikum oft ein schiefes Lächeln entlockt. Auf der anderen Seite ist das ganze Setting, die ganze Ausgangslage so düster, dass man selber schon verzweifeln möchte. Und anstatt heuchlerischen Optimismus zu mimen, wird nicht nur das Leiden der Protagonisten und Protagonistinnen, sondern auch der Schrecken des Krieges in den Mittelpunkt gestellt.
David: Ich wage zu behaupten, dass dies die beste Buchumsetzung ist, die ich je gesehen habe. Nicht-handlungsrelevante Charaktere, unnötige Handlungsstränge, diverse Aussagen – wirklich fast jedes Detail wurde im Film untergebracht. Die Art der Umsetzung rechtfertigt die Splittung in zwei Filme. So, jetzt ist es raus.

Das war echt mies

Anne: Katniss ist zwar an sich eine starke Persönlichkeit, lässt sich aber dann doch zu oft von den Gedanken an Peeta, der im Capitol gefangen ist, runtermachen. Nichts gegen Romantik, aber dieser Konflikt zwischen ihrer Position als Gesicht der Rebellion und ihrer Liebe zu ihm wird mit der Zeit fad. Man möchte mehr vom Widerstand, mehr von ihrer Stärke und vielleicht sogar mehr von ihr und Gale sehen, aber der Peeta ging mir eher früher als später auf die Nerven.
Natürlich muss man dabei auch daran denken, dass hier ein Buch in zwei Filme gesplittet wurde, so dass vielleicht hier ein bisschen die Geschichte ausgeleiert wurde. Dies wiederum ist reine Spekulation, denn die Bücher habe ich nicht gelesen.
David: Obwohl die Splittung gerechtfertigt ist, gibt es keinen anderen Grund außer Geldgier, den nächsten Teil erst im November 2015 zu zeigen. Das sind groteske zwei Jahre nach dem Tod von Philipp Seymor Hoffman, einem der wichtigsten Nebencharaktere. Was den Film an sich angeht, so waren die Hungerspiele doch etwas, das ich an dem Franchise geschätzt habe. In symbolischer, wie in filmischer Hinsicht.

Schauspielerische Leistung

Anne: Wie ihr sicher schon in der oberen Rubrik gemerkt habt bin ich nicht so ein Fan von Peeta. Leider finde ich auch das schauspielerische Talent von Josh Hutcherson nicht sehr überzeugend. Ja, er gibt sein Bestes mal traurig, verzweifelt oder schmachtend zu schauen, aber bei mir kommen diese Emotionen einfach nicht an. Vielleicht ändert sich diese Meinung aber nach dem nächsten Film, wo er wahrscheinlich noch einige Veränderungen durchmachen muss.
Ach und nix gegen Jennifer Lawrence, aber ich habe fast gelacht, als sie einen schlechten Traum hatte und aufgeschreckt ist – das sah einfach zu komisch aus.
David: Spätestens nach ihrem Oscar, wird Jenniffer Lawrences Schauspielkunst hochgelobt. Die stillen, emotionalen Momente sind ihre Welt. Sie reist einen mit in ihre Depression, ihre Verzweiflung, ihr Leid. Ihre Actionszenen könnten aber ein wenig mehr Elan vertragen. Josh Hutcherson wird mich wohl nie richtig überzeugen, die übrigen (großen) Namen machen ihrem Marktwert alle Ehre. Julianne Moore war für mich die Wunschbesetzung, verleiht ihrem Charakter aber vielleicht zu viel Mitgefühl (im Vergleich zur Buchvorlage).

Die beste Szene

Anne: Eigentlich muss ich diesen Film sehr loben, denn er hat geschafft, dass ich in einer auf kitschige Art actionreichen Szene mit vorhersehbarem Wendepunkt nach die Armlehne meines Sitzes gedrückt habe. Nur so viel zur Szene: Der Ameisen-bau von District 13 steht unter Beschuss und alle laufen in den Bunker. Panik bricht aus und Katniss stürzt zu Boden – Ich greife zur Armlehne. Doch zum Glück hilft ihr jemand auf und sie gelangt heil in den Schutzraum. Aber bleibt sie dort? Nein, natürlich muss sie sich in Gefahr begeben um ihre Schwester zu retten – Ich klammere mich in die Armlehne, obwohl ich natürlich geahnt habe, dass sowas kommen muss. Gemeinsam schaffen sie es aber – Ich atme tief durch und schäme mich weil ich emotional drauf reingefallen bin.
David: Das Lied, das Jennifer Lawrence a capella singt und unter das beeindruckende Szenen geschnitten werden, greift schon ziemlich tief.

Die emotionale Aufarbeitung

Anne: Es gibt hier große Emotionen und viel Pathos, aber nie auf unangenehme Art und Weise. Ich war so drin in dem ganzen Geschehen, dass ich diesen naiven Glauben an ein Happy End für die Menschheit fast geglaubt habe. Aber eben nur fast, weil der Film auch nicht will, dass man die dunklen Seiten der Sache vergisst.
David: Die ganze Stimmung ist sehr gedrückt, was einem jedoch die Möglichkeit gibt, sich auf die einzelnen Charaktere zu konzentrieren. Das Franchise wurde erwachsener, hat aber seltsamerweise etwas an Symbolträchtigkeit verloren.

Der Vergleich zur Buchvorlage und zu den ersten beiden Filmen

Anne: Wie schon erwähnt, habe ich die Bücher nicht gelesen. Was ich aber zur Entwicklung der Filmreihe sagen kann ist, dass eine immense Verbesserung gegenüber dem ersten Teil zu sehen ist. Trauer, Leid und Krieg sind nicht nur oberflächlich erwähnte Themen, vor deren Hintergrund die Protagonisten und Protagonistinnen kämpferisch durch Panem hüpfen, sondern wahre Emotionen, die alle langsam dahinraffen. Melancholie auf der großen Leinwand zu sehen tut so gut.
David: Mit den ersten beiden Filmen hat Mockingjay Teil 1 nur noch wenig gemein. Es wird selten gelacht, es gibt zahlreiche, teils komplexe, Dialoge und wenig(er) Action. Die ganze Farbe wurde aus dem Film gesaugt und der Look spiegelt die Tonalität in vollem Umfang wieder. Selbstverständlich ist das Buch tiefgründiger, alles in allem habe ich meine Lobeshymne aber bereits weiter oben gesungen.

Wer sich den Film anschauen soll

Anne: Klarerweise Fans der Buch- und Filmreihe. Ich würde zwar behaupten, dass man mit ein bisschen Vor-Info ganz gut in diesen Film einsteigen kann, aber man wird emotional ein bisschen auf der Strecke bleiben. Die Handlungen der Charaktere knüpfen zwischen den Filmen einfach zu eng aneinander an.
David: Alle Buchfans, Genrefans, Jennifer Lawrence-Fans und sowieso jeder, der die Geschichte mag. Aber man muss sich darauf gefasst machen, dass es doch einen deutlichen Handlungsumbruch gibt. Nichts mehr mit Arenakampf (schade) und Liebesdrama (juhu). Diese Zeiten sind vorbei.

Ein wohlüberlegtes Fazit

Anne: Ich bin nicht eine von denen, die ohne Grund Anti-Mainstream-Kino ist. Trotzdem schleichen sich bei mir immer fiese Hintergedanken gegenüber großangelegten Franchises ein. An dieser Stelle möchte ich aber jeder Person, die wie ich offen und gleichzeitig skeptisch ist, ans Herz legen dieser (falschen) Trilogie eine Chance zu geben. Man hat hier eine moderne Utopie für Science Fiction-Anfänger und Anfängerinnen mit einer starken Protagonistin, die meistens gescheite Werte und Moralvorstellungen vermittelt. Außerdem habe ich in diesen Filmen kaum mit Gender-Problemen zu kämpfen, denn das Geschlecht der Charaktere spielt in dieser Welt der gerechten Arbeitsteilung keine Rolle. Wenn ich ein Kind im Teenie-Alter hätte, wäre ich sehr froh, wenn es sich für diese Romanwelt begeistern würde.
David: Alle Buchkenner werden diesen Film lieben. Bei allen anderen bin ich mir gar nicht so sicher. Er könnte zu bedeutungsschwanger, kompliziert und grau wirken. Man wird diesen Film definitiv aus anderen Gründen mögen, wie die ersten beiden.

 

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