BÜCHERBÖRSE

Weißer Spritzer mit Stermann & Grissemann

Dirk Stermann und Christoph Grissemann (c) Elisabeth Voglsam
Dirk Stermann und Christoph Grissemann

"Für Tauschhandel ist Österreich zu groß". Die Kabarettisten Dirk Stermann und Christoph Grissemann im Gespräch über Werner Faymann, Alexis Tsipras und ein Ende von "Willkommen Österreich".

Wenn Österreich ein Tier wäre, welches wäre es denn?
Dirk Stermann: Ich glaube ein Pandabär, weil sich der selbst genügt. Ein fauler Pandabär.
Christoph Grissemann: Ich hab keine Ahnung.

Wer ist denn in euren Augen der größte lebende Österreicher?
Stermann: Für mich Eric Pleskow. (Anm: österreichischer Filmproduzent und Hollywood-Legende) Aber hat der überhaupt noch einen österreichischen Pass?
Grissemann: Pleskow? Hm... gute Wahl. Keine Ahnung. Ich muss jedenfalls passen.

Wo rangiert Werner Faymann?
Grissemann: Relativ weit oben. Bin eigentlich keiner, der in das übliche Faymann-Bashing mit einstimmt. Ich halte Faymann eigentlich für einen durchschnittlich souveränen Staatsmann.

Er und Alexis Tsipras sind jetzt Freunde, was sagt ihr dazu?
Grissemann: Also ich find’s gut.
Stermann: Naja, ich bin eigentlich nicht so ein Tsipras-Fan. Wundere mich schon ein bisschen, dass es keinen Aufschrei in seiner Partei gab, als er mit den Rechten koaliert hat, die wahrscheinlich am liebsten Homosexuelle jagen würden. Das geht gar nicht.

Faymann oder Merkel, für wen schlägt dein Herz Stermann?
Stermann: Für keinen der beiden. Angela Merkel ist mir aber, obwohl sie eine Konservative ist, die Sympathischste im Vergleich zu all den Alphamännchen um sie herum. Bei all diesen EU-Gipfeln ist sie dann doch noch die, die mir da am nächsten ist. Aber nicht, weil sie Deutsche ist, sondern so eine ruhige, fade Physikerin.

Du sagst fad statt langweilig. Was muss denn passieren, dass Dirk Stermann irgendwann als echter Österreicher durchgeht?
Grissemann: Ich glaube, er will überhaupt nicht als echter Österreicher durchgehen. Also kann dieser Fall überhaupt nicht eintreten. Stermann hat’s geschafft über 30 Jahre hinweg kaum was Österreichisches anzunehmen. Also die Assimilierung ist denkbar schlecht gelaufen, von Integration kann keine Rede sein.

Ist das sein Erfolgsrezept?
Grissemann: Sagen wir, es ist ein Rezept.

Wie fährt man denn als Ausländer generell besser? Mit Assimilation oder fremd bleiben?
Stermann: Am besten ist immer fremd sein, wenn man sich’s leisten kann. Die meisten Fremden haben ja wenig Geld und wenig Reputation. Aber wenn man Geld und Reputation hat und dann auch noch fremd ist, dann ist das natürlich der beste Fall.

In München habe ich Grissemann in Lederhosen auf einem Werbeplakat gesehen. Jemand hatte „Scheiss CSU“ drübergesprayt.
Grissemann: Ja hier verwechselt der Sprayer natürlich wieder Mode mit politischer Gesinnung. Dürfen Linke denn keine Oktoberfest-Tracht tragen?
Stermann: Die ganzen Anführer aufständischer Bauern hatten auch Tracht an.
Grissemann: Ich hoffe ja nur, der Sprayer hat mich nicht als "mich" erkannt. Das wäre ja kein Ruhmesblatt in meiner Karriere – wobei es da sowieso keine Ruhmesblätter gibt.
Stermann: Also ich hab’s nicht gesprayt. Ich kann gar nicht sprayen. Da Bayern ja immer noch zu 80 Prozent aus CSUlern besteht, sagt das ja eigentlich weniger über Grissemann, sondern mehr über Bayern aus.

Ein anderer in Lederhosen hat bei uns kürzlich wieder eine Debatte über die Hymne losgetreten. Welches Lied würdet ihr denn gerne zur österreichischen Bundeshymne machen?
Stermann: Also ich finde eigentlich die alte am besten, also als Österreich noch die deutsche Hymne hatte.

Die Haydn-Hymne.
Stermann: Ja. Die ist mir auch vertraut, müsste ich keine neue lernen.

Aber progressiv ist sie ja nicht unbedingt.
Stermann: Naja, aber wenn sie für Deutschland reicht, wird sie auch für Österreich reichen. Der Nino aus Wien wird ja wahrscheinlich keine Hymne schreiben wollen. Bilderbuch auch nicht. Schade aber, weil die das sicher gut könnten.

Wie wär’s denn mit L’Amour Toujours von Gigi D’Agostino?
Stermann: Das ist Schlager oder?
Grissemann: Nein, du meinst G. G. Anderson (Anm: Gerd Grabowski, deutscher Schlagersänger).
Stermann: Achso, da bricht der Generationenkonflikt durch.

Peter Rapp will mit der Brieflos-Show neuerdings den Austropop retten. Kann das klappen?
Grissemann: Er will mit der Brieflos-Show den Austropop retten?! Aber das hat er gesagt, nachdem er zehn Stunden im Wirtshaus gesessen ist, oder?

Er hat gesagt: "Wenn ich 500.000 Seher schaffe, dann kann ich was bewegen."
Stermann: Ja ich glaube, dass da tatsächlich was geht. Weil er hat ja diese Schilder, die vom Studio-Publikum hochgehalten werden müssen, wo dann immer sowas draufsteht wie "Hopp Willi!". Und er hat den Vorteil, dass die Schilder ja von der Redaktion und nicht von den Leuten gemalt werden. Da könnte er ja wilde Forderungen draufschreiben – "MEHR AUSTROPOP!" zum Beispiel – und die Show quasi als Demo missbrauchen.
Grissemann: Aber auch da muss ich sagen: Nichts gegen Peter Rapp. Das ist so ähnlich wie bei Werner Faymann – hat sich auch noch nichts zu schulden kommen lassen. Ein guter Mann!

Wenn Willkommen Österreich dann irgendwann abgesetzt wird – würdet ihr die Brieflos-Show übernehmen?
Grissemann: Also ich würd es machen. Ich mach alles. Wobei – das hört sich jetzt wieder so an, als würde ich die Brieflos-Show nicht schätzen. Ich schätze sie zwar nicht über alle Maßen, aber sie ist jetzt in der Fernsehlandschaft auch kein großer Makel. Es gibt Schlimmeres.

Was macht denn das Besondere der Brieflos-Show aus?
Grissemann: Also erstens ist es eine der wenigen Sendungen, die noch live sind... Brieflos-Show ist live oder?
Stermann: Naja..
Grissemann: Natürlich ist die live. Peter Rapp macht nichts Aufgezeichnetes, weil es würde ja mehr Arbeit bedeuten. Also das macht sie einzigartig und natürlich die Notarin – Sonja Tades – die Frau, die die Brieflose aus der Truhe zieht. Also das Team ist spitze. Die Kandidaten schrecken mich aber manchmal ein bisschen ab. Die sind meistens schon sehr nahe dran an geistiger Behinderung, auch körperlicher. Die schleppen sich da dann in die Sendung und manche fallen auch hin, wenn sie am Rad drehen. Also da musst du als Moderator echt aufpassen.
Stermann: Also ich würde die Brieflos-Show nicht machen. Als Deutscher kannst du das gar nicht. Da ginge nur Die Deutsche Brieflos-Show – aber die würde ich auch nicht machen wollen, weil dazu müsste ich ja weggehen.

Welche Gäste hättet ihr gerne noch in Willkommen Österreich, bevor das Ende kommt?
Stermann: Werner Faymann und Peter Rapp noch einmal.

Und Wolfram Pirchner?
Stermann: Das hieße nach den Sternen greifen – das geht nicht. Da kommt eher Barack Obama, als dass Wolfram Pirchner kommt.

Arnold Schwarzenegger?
Stermann: Ja, Schwarzenegger ist sogar im Gespräch. Danach könnte eigentlich eh Schluss sein. Dann nur noch Brieflos-Show kucken.
Grissemann: Ja.

In eure Sendung kommen alle, die in Österreich Bücher oder Musik verkaufen wollen. Seid ihr nicht längst so etwas wie die Torwächter des österreichischen Kulturmarkts?
Grissemann: Naja, ich weiß nicht, sind wir das wirklich? Also in unsere Sendung kommen ja dann doch immer Leute, die jetzt nicht gerade Gefahr laufen absolute Weltstars zu sein. Die Bands, die bei uns auftreten, kenne ich ja zum Teil selbst gar nicht. Wir versuchen eben denen, die eher am Rande des Kulturbereichs herumschippern, auf die Beine zu helfen. Und unsere Buchhändlerinnen bestätigen uns dann immerhin, dass nach der Sendung zwei Buch-Exemplare von den Autoren, die bei uns zu Gast waren, verkauft wurden.
Stermann: Wobei dir die Verlage tatsächlich sagen, dass ein Auftritt bei uns etwas bringt, wenn du in Österreich verkaufen willst. In Deutschland bringt dir ein Auftritt bei Stefan Raab doch viel mehr als eine Besprechung in der Süddeutschen.
Grissemann: Angeblich nicht mehr, Stermann. Das hat sich auch komplett aufgehört.

"Wetten, dass..?" gibt’s auch nicht mehr. Hättet ihr die Show gerettet?
Stermann: Also ich hätte sie auch eingestellt.
Grissemann: Da muss ich wieder dagegen reden: Ich halte "Wetten, dass..?" nach wie vor für eine grandiose Show. Sie wurde nur schlecht moderiert von Markus Lanz. Die Idee mit dem Sofa und den Hollywood-Stars, die dann nach zwei Minuten "zum Flieger müssen" – das war genial. Und dann kommt eben das deutsche Personal zum Zug.
Stermann: Also ich fand’s auch bei Gottschalk schon immer fad, viel zu lang. Und immerhin gab’s auch Hollywood-Stars, die nicht zum Flieger durften und dort dann stundenlang ausharren mussten.
Grissemann: Aber nur weil sich Tom Hanks einmal einen Katzenkopf aufsetzen muss, was ist daran verkehrt?
Stermann: Stimmt, das fand ich auch gut. Trotzdem fand ich’s langweilig.
Grissemann: Ja, aber sympathisch langweilig. So ähnlich wie "Schlag den Raab" oder "Dschungelcamp". Das ist doch trotzdem elektrisierendes Fernsehen. Es ist ja auch bei dir Zuhause ziemlich langweilig und trotzdem bist du gern bei dir Zuhause.

Mir ist aufgefallen, dass ihr in "Willkommen Österreich" gerne politisch unkorrekt seid, aber bei Werbungen ziemlich korrekt. Stichwort Wasserkraft. Würdet ihr auch Werbung für Banken oder Glücksspiel machen?
Grissemann: Das ist wie alles eine Geldfrage.
Stermann: Könnte sein, dass wir auch mal sowas machen. Aber da müssten wir so betrunken sein, dass wir das dann erst recht nicht mehr hinbekommen wahrscheinlich.

Ihr seid betrunken bei den Werbespots?
Stermann: Bei den Spots nicht, aber bei der Unterzeichnung der Verträge.

Trinkt ihr auch vor jeder Willkommen Österreich-Sendung?
Stermann: Also ich trinke so lange Wasser, bis dann der erste Gast kommt. Dann trinke ich aber ganz schnell so viel Wein wie möglich, damit ich irgendwie in Stimmung komme. Davor traue ich mich aber nicht, weil ich Angst vor Blackouts habe. Ich will nicht, dass mich Kameras filmen, während ich einen Filmriss habe.

Und Grissemann braucht den Alkohol schon vor der Sendung?
Grissemann: Eine Frechheit dieses Interview. Ja!
Stermann: Ja Grissemann neigt aber auch nicht zu Filmrissen. Weil er eben nicht genug trinkt.

Was würde denn passieren, wenn man den Österreichern den Alkohol wegnimmt?
Grissemann: Unglaubliche Schreckensvision. Bürgerkrieg!
Stermann: Also ich glaube, sie würden sich auch auf Tee nicht merklich ändern, sondern weiterraunzen wie bisher.

Hat das Raunzen also gar nichts mit Alkoholismus zu tun?
Stermann: Ach nein, ich glaube, die Österreicher trinken einfach nur, damit sie danach eine Begründung haben, warum sie so sind, wie sie eben sind.
Grissemann: Das wäre eben dieses dumme Klischee, dass Alkohol aggressiv und schlechte Laune macht. Das stimmt doch gar nicht.
Stermann: Stimmt, was man ja zum Beispiel an englischen Fußballstadien immer ganz gut sehen konnte.

Kämen Deutsche mit einem Alkoholverbot besser zurecht?
Stermann: Nein. Da gibt’s in Wahrheit kaum Unterschiede. Es stimmt auch nicht, dass Österreicher mehr vertragen als Deutsche. Alkohol ist generell eine zutiefst europäische Sache. Die EU ist in Promille vereint.

Und die, die nicht trinken dürfen? Muslime?
Stermann: Ach die können doch auch trinken, wenn sie wollen. Also ich würde nie einem Moslem verbieten zu trinken – bin doch kein Rassist.

Was kann man in Österreich noch gut, außer trinken?
Stermann: Leben. Es ist klein, es ist überschaubar, es ist reich, es hat Kultur, es hat lustige, interessante und nette Leute, es hat die besten Skifahrer, mittlerweile auch wahnsinnig gute Fußballer, also ich wüsste nicht, wo ich lieber leben würde.
Grissemann: Ich schließe mich dem voll inhaltlich an.

Wofür ist Österreich zu groß?
Stermann: Wahrscheinlich für Tauschhandel. Das funktioniert, glaube ich, nur in so kleinen Dörfern, dass Leute zum Beispiel eine Kartoffel gegen einen Witz tauschen.
Grissemann: Für liechtensteinische Steuerverhältnisse. Wobei..

Ab 17. März sind Stermann, Grissemann und Oliver Welter mit "Für die Eltern was Perverses" wieder im Rabenhoftheater Wien zu sehen. Am 14.04. im Theater Akzent, Wien: "Die Ente bleibt draußen" - Stermann und Grisseman lesen Loriot. Und am 07.04. feiert ihr neuer Kinofilm "3 Eier im Glas" Kinopremiere!

Fotos von Elisabeth Voglsam.

Stefan Weiss

Stefan Weiss | Freier Journalist

Studiert Politikwissenschaft und Kunstgeschichte an der Uni Wien. Er betreibt einen Blog für Politik, Kunst und Kultur und schreibt für verschiedene Print- und Onlinemedien.

stefan.weiss (ät) unimag.at

 

Webseite: stefanweiss.at
 

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