Mit ihrem aktuellen Longplayer „Relaxer“ knüpfen Alt-J an die beiden Vorgängeralben an und werden ihrem Status als Indie-Rock-Größen abermals gerecht. Wir haben Sänger und Gitarrist Joe Newman und Keyboarder Gus Unger-Hamilton bei ihrem letzten Österreich-Besuch zum Interview getroffen und uns mit ihnen über ihre Beziehung zu Wien sowie ihr neue Platte unterhalten und teilweise unangenehme Erinnerungen an erste Konzerte aufleben lassen.

UNIMAG: Vielen Dank, dass ihr euch vor dem Konzert noch Zeit für ein Gespräch genommen habt. Ihr wart ja bereits einige Male in Wien. Hattet ihr schon einmal Zeit, euch die Stadt genauer anzusehen, oder seid ihr immer auf der Durchreise?

Gus: Ja, du (zeigt auf Joe) hast viel Zeit in Wien verbracht.

Joe: Genau, meine Freundin ist Tänzerin und tritt öfter in Wien auf. Wenn wir hier sind, gehen wir immer in dasselbe Restaurant. Wie hieß das noch einmal? 1516! Da gibt es einfach riesige Schnitzel und andere richtig gute Sachen.

Gus: Viel Bier.

Joe: Super Bedienung und das Essen ist einfach richtig gut. Da ist auch immer viel los, weil es einfach das Beste ist.

Danke für die Empfehlung! Euer aktuelles Album, das ihr im Juni 2017 veröffentlich habt, klingt anders als seine Vorgänger. Seid ihr das Songwriting dieses Mal anders angegangen?

Gus: Nein, eigentlich gar nicht. Wir sind eigentlich genau so vorgegangen wie bei den Vorgängern. Wir haben uns zusammengesetzt, geschaut, welche Ideen wir vom Touren und Jammen haben, waren beim gleichen Produzenten wie immer und haben mit ihm an unseren Ideen gearbeitet. Viele Menschen sagen, dass „Relaxer“ anders klingt als die Alben zuvor und das ist okay. Ich persönlich sehe da keinen so großen Unterschied.

Also war es nicht beabsichtigt, euren Sound nach zwei Alben anders auszulegen? Ich finde nämlich, dass sich die Lieder auf dem neuen Album wesentlich stärker voneinander unterscheiden. Die Songs auf „Relaxer“ kommen mir vergleichsweise sehr heterogen vor.

Gus: Ja, das stimmt. Das mögen wir sehr gerne und dieses Mal haben wir das besonders gut hinbekommen.

Gibt es einen bestimmten Grund, wieso ihr bei euren Live-Shows den Fokus auf das Debütalbum legt? Einige Künstler spielen auf Konzerten ihrer Album-Tour vermehrt Songs der neuen Platte.

Gus: Ich finde es besser, wenn die Besucher die Songs kennen, die wir spielen.

Joe: Manche Künstler und Bands spielen sogar neues Material, bevor das neue Album überhaupt erschienen ist. Das ist aber nicht das, wofür die Konzertbesucher Geld gezahlt haben. Die meisten wollen Songs hören, die sie kennen. Es gibt sicher auch die ganz großen Fans, die live gerne unveröffentlichte Songs hören, aber das ist eher die Ausnahme. Meistens will man das hören, was man bereits kennt.

Gus: Wenn man ein neues Album herausbringt, muss man den Fans Zeit geben, sich mit den neuen Songs zu beschäftigen, damit sie diese auch wertschätzen und Freude dabei haben können. Wir spielen vermehrt altes als neues Material, damit wir die Leute dort abholen können. Wenn du nur neue Songs spielst, löst du dich sehr schnell von deinem Publikum. Du musst auch daran denken, was das eigene Publikum bei einem Konzert wirklich hören möchte.

Songs wie „Last Year“ spielt ihr, soweit ich weiß, gar nicht auf Konzerten. Ist das eine bewusste Entscheidung?

Joe: Ja, weil es ein langer, sehr ruhiger Song ist und wir die Verbindung zum Publikum verlieren würden. Jedes Mal, wenn wir einen ruhigen Song spielen, beginnen die Leute miteinander zu reden. Es wird dann immer lauter und das wollen wir nicht.

Also wollt ihr, dass eure Live-Show eher als Party wahrgenommen wird?

Gus: Genau, das macht uns und allen anderen einfach viel mehr Spaß. Als wir unser erstes Album herausgebracht haben, haben wir bereits in relativ großen Locations gespielt. Uns wurde gesagt, dass wir da so lange spielen sollen, wie wir können. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir aber gerade mal Material eines 45 Minuten langen Albums. Also haben wir auch Covers und Material gespielt, das unserer Meinung nach live einfach nicht gut funktioniert. Ich denke, dass uns das in einem gewissen Maße verunsichert hat. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, sind wir wirklich davon gezeichnet worden, Songs, die live einfach nicht so gut funktionieren, gespielt zu haben, nur um die Zeit zu füllen. Ich will nicht, dass uns das wieder passiert. Lieber habe ich 80 Minuten lang Party als 90 Minuten größtenteils Party und ansonsten Gerede.

Joe: Bevor wir „Last Year“ spielen, könnten wir ja sagen: „Jetzt könnt ihr miteinander reden.“ (lacht)

Gus: Genau, „falls ihr aufs Klo müsst oder einen Drink braucht, jetzt wäre die Zeit dafür.“

Joe: Würde ich beispielsweise einen Akustik-Gig in einem Pub spielen, wäre ich sehr glücklich darüber, unsere ruhigen Songs zu spielen. Das würde mir auch sehr viel Spaß machen. Es geht eben darum, für wen und in welchem Rahmen man spielt. Es gibt eine richtige und eine falsche Zeit, traurige Lieder zu spielen.

„Adeline“ zählt zu meinen Lieblingssongs auf der neuen Platte und ich habe gesehen, dass Hans Zimmer bei diesem Lied ein Writing Credit hat. Habt ihr mit ihm zusammen an dem Song gearbeitet oder war eines seiner Stücke eure Inspiration?

Joe: Er hat den Filmsoundtrack zu „Der schmale Grat“ komponiert und darin gibt es einen Folk Song, für den er die Rechte gekauft hat, glaube ich. Wir haben ihn dann gefragt, ob wir diesen Song verwenden können. Er hat unter der Bedingung zugestimmt, dass er vor der Veröffentlichung das Ergebnis anhören und als Songwriter genannt werden möchte. Er war also nicht wirklich in den Prozess involviert, aber hat uns seinen Segen gegeben. Ich finde, dass der Song schon sehr nach Hans Zimmer klingt. Er klingt sehr kraftvoll und könnte aus einem Film stammen.

Gus: „Adeline“ klingt definitiv nach einem Filmsoundtrack.

Euer vor kurzem erschienenes Musikvideo zu „Pleader“ stellt eine interessante Begleitung zur Musik dar, kann aber auch als eigenständiges Kunstwerk angesehen werden. Genießen die Regisseure da vollkommene Freiheit, oder kommt da viel Input von euch? Außerdem gibt es auch kein Musikvideo, in dem jemand von euch zu sehen ist, was für eine Band eurer Größenordnung doch ungewöhnlich ist.

Joe: Meistens haben die Künstler sehr viel künstlerische Freiheit. In den Anfangstagen unserer Karriere wurden wir gleich so weit ernst genommen, dass unbedingt Musikvideos her mussten. Wir wollten nicht, dass sich die Regisseure Gedanken darüber machen müssen, wie man eine Einstellung mit einer Band, die mit ihren Instrumenten abhängt, ins Video einfügt. Wir wollten ohnehin nicht in einem Musikvideo dabei sein, weil wir das Gefühl hatten, dass das der erste Schritt wäre, unsere Anonymität zu verlieren. Wir haben das also aus einer Anzahl an Gründen so begonnen und arbeiten jetzt gerne so weiter. Manchmal haben wir schon relativ konkrete Vorstellungen, worum es im Video gehen soll. Oft kommen aber auch Regisseure mit einer Idee zu uns und überzeugen uns davon.

Was würdet ihr als Quelle eurer Inspiration sehen? „Pleader“ basiert ja beispielsweise auf dem Buch „How Green Was My Valley“. „Fitzpleasure“ wurde von dem Buch „Exit To Brooklyn“ inspiriert. Würdet ihr also sagen, dass Bücher oder auch Filme eure Songs inspirieren oder findet ihr es einfach interessant, popkulturelle Referenzen in euer Schaffen einzubauen?

Joe: Genau, es geht uns eher um die popkulturellen Referenzen. Bei manchen unserer Songs nehmen wir wortwörtlich Passagen aus Büchern und bauen diese ein, um die Szenen wiederzubeleben. Unsere Songs sind durchsät von Momenten aus Büchern und Filmen.

Würdet ihr auch andere Musiker als Inspiration sehen?

Gus: Joe und ich hören ziemlich viel klassische Musik. Ich glaube, dass das ein großer Einfluss für das neue Album war. Ansonsten haben wir alle unterschiedliche musikalische Hintergründe und mögen sehr unterschiedliche Arten von Musik. Es ist die Mischung, die Alt-J ausmacht. Thom beispielsweise hört viel Heavy Metal und elektronische Musik. Ich mag klassische Musik und Folk. Joe hört viel Americana. Diese drei Einflüsse vereinigt erzeugen eine Mischung, die für den einzigartigen Sound unserer Band verantwortlich ist.

Eure Vorliebe für klassische Musik hört man dem neuen Album tatsächlich an. Soweit ich richtig informiert bin, habt ihr sechs Songs sogar mithilfe eines Orchesters aufgenommen. Wie setzt ihr diese Songs live als Trio um?

Gus: Mit der Verwendung von Sampling, Keyboards und dem Einsatz vieler verschiedener Sounds kann es tatsächlich funktionieren.

Vor einiger Zeit gab es einen TV-Werbespot eines österreichischen Mobilfunkanbieters, der euren Song „Fitzpleasure“ verwendet hat. Die haben sich scheinbar den Text davor nicht genau durchgelesen. Es gab dann aufgrund der Thematik (Anm. d. Redaktion: Es wird eine Szene nachgestellt, in der es um Massenvergewaltigung geht) einige Beschwerden und die Werbung musste vorzeitig entfernt werden. Habt ihr von der Geschichte gehört? 

(Gus und Joe lachen) Joe: Gus, das ist interessant nicht?

Gus: Ja, wirklich. Wir haben das eigentlich nur von einer Automobilfirma gehört. Das spricht dann wohl für den Song (lacht).

Was sind denn eure nächsten Pläne? Schreibt ihr bereits an neuen Songs? 

Gus: Nein, eigentlich nicht. Wir veröffentlichen dieses Jahr aber etwas recht Aufregendes. Es ist eine Kollaboration, in der „Relaxer“ neu interpretiert wird. Das wird ziemlich cool. Ansonsten arbeiten wir im kleinen Rahmen immer wieder an neuen Songs, aber wir arbeiten noch nicht wirklich an Album #4.

Aber wir können davon ausgehen, dass in Zukunft mehr von euch kommen wird?

Gus: Auf jeden Fall.

Bereitet ihr euch eigentlich auf besondere Weise auf eure Konzerte vor? Manche Bands erwähnen gerne, dass sie spezielle Rituale haben.

Joe: Ich sperre mich in diesen Kasten hier (Joe steht auf und geht zu einem großen schwarzen Kasten, den er aufklappt) für etwa 20 Minuten ein. 

Gus: (lacht) Genau, er sitzt da drinnen, ich sperre das Ding zu und drehe es für etwa 20 Minuten.

Joe: Anschließend tauschen Gus und Thom ihre Kleidung und jeder von uns würgt dann auch noch Marteen, unseren Tour-Manager. Das sind unsere drei Rituale.

(Lachend) Kennt ihr eigentlich auch Musik aus Österreich?

Gus: Ähm, Mozart! Haydn?

Aber nichts Zeitgenössisches?

Joe: Ich glaube nicht, dass etwas nach Mozart herausgekommen ist. Zumindest nichts, was mir bekannt ist. Hättest du da eine Empfehlung?

In Österreich tut sich musikalisch einiges. Leyya ihr erst vor kurzem ihr neues Album „Sauna“ herausgebracht. Die sind sehr zu empfehlen. Ansonsten fällt mir noch Mavi Phoenix ein, die sehr frische Popmusik macht und heuer sogar am Primavera Sound in Barcelona eingeladen ist.

Gus: Okay sehr cool, die hören wir uns an. Fantastisch.

Vielen Dank für das Gespräch!

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